Aufklärung

Alles, was Sie über Sex noch nicht wissen

Die wissenschaftliche Erforschung von Sex weist noch viele Lücken auf.

Die wissenschaftliche Erforschung von Sex weist noch viele Lücken auf.

Wenn Sie dachten, Sie wüssten alles über Sex, dann sollten Sie sich mit dem spanischen Wissenschaftler Pere Estupinya auseinandersetzten. Sein unterhaltsames Buch zeigt den gegenwärtigen Stand der Forschung zur menschlichen Sexualität.

«Man treibt leichter Mittel für die Erforschung des Verhaltens von Primaten auf als für die des menschlichen Sexualverhaltens.» Dies schreibt Pere Estupinya, spanischer Biochemiker und Wissenschaftsjournalist, in seinem Buch «Sex. Die ganze Wahrheit», das soeben auf Deutsch erschienen ist. Die wissenschaftliche Erforschung von Sex sei eigentlich erst am Entstehen und weise noch viele Lücken auf, heisst es weiter, denn manche Aspekte von Sexualität seien selbst für die wissenschaftliche Forschung ein Tabu.

Auf gut 500 Seiten ist es Estupinya trotzdem gelungen, eine Vielfalt von sexualwissenschaftlichen Studien und Erkenntnissen aus der Biologie, Psychologie und Soziologie zu referieren und verschiedenste Aspekte der Sexualität auszuleuchten. Hier findet sich allerdings nichts Schlüpfriges. Selbst über das Intimste schreibt der Autor nüchtern und unterhaltsam – populärwissenschaftlich eben, wie es sein Anspruch ist.

Um «alles über Sex» zu erfahren, hat der Spanier nicht nur den wissenschaftlichen Forschungsstand aufgearbeitet. Er hat sich auch selbst zum Versuchskaninchen gemacht (er war der erste Mann, der masturbierte, während Wissenschafter sein Gehirn beobachteten), war bei einer Geschlechtsanpassungsoperation dabei, besuchte Tantrakurse und Swingerklubs, sprach mit Pornodarstellern, Querschnittgelähmten, Transmenschen, Fetischisten, Asexuellen und Forschenden aus aller Welt.

Gene, Klitoris und Orgasmen

Hier eine Kostprobe daraus, was die Sexualwissenschaft herausgefunden hat:

  • Normalerweise haben Männer drei Erektionen pro Nacht im Schlaf.
  • Auch Männer können multiple Orgasmen haben.
  • Genitalien reagieren auf Reize (visueller Art), die der Verstand nicht als erregend interpretiert oder erlebt, das merkt man nicht mal bewusst. Kurz: Die Genitalien machen, was sie wollen.
  • Auch Frauen können beim Orgasmus ejakulieren.
  • Die Fähigkeit zum Orgasmus hängt von den Genen ab. So ist die Orgasmushäufigkeit bei eineiigen Zwillingsschwestern signifikant ähnlicher als bei zweieiigen. Die Unterschiede in der Bevölkerung, während des Geschlechtsakts oder durch Masturbation zum Orgasmus zu gelangen, könnten bis zu 45 Prozent genetisch erklärbar sein.
  • Bereits im Alter von zwei Monaten können «lustvolle Bewegungen» bei Säuglingen auftreten, am häufigsten im Kindesalter sind sie bei Vierjährigen.
  • Die Grösse der Klitoris ist sehr viel variabler als die des Penis. Die Länge der Klitoris schwankt zwischen 0,5 und 3,5 Zentimetern. Selbst eine Klitoris von 7 Zentimeter Länge soll gemessen worden sein.
  • Meistens neigt der Mann beim Küssen in der Öffentlichkeit den Kopf leicht nach rechts.
  • Nur Menschen und Bonobos praktizieren den Kuss zum Zweck der Liebe.
  • Das Ausüben von Yoga und Meditation kann die Lust steigern.
  • Ein Viertel der Menschen zwischen 75 und 85 Jahren hat mindestens einmal im Jahr Sex, 14 Prozent zwei- bis dreimal monatlich, 6 Prozent einmal wöchentlich. Der Grad der Befriedigung scheint mit dem Alter zuzunehmen, auch wenn es seltener zu Sex kommt.
  • Je mehr Söhne eine Frau geboren hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein nächster Sohn schwul wird. Konkret steigt die Wahrscheinlichkeit, schwul zu werden, mit jedem älteren Bruder um 33 Prozent. Das hat mit dem Hormonspiegel der Schwangeren zu tun.
  • Eine von hundert Personen ist asexuell. Asexuelle leiden nicht darunter, keine Lust auf Sex zu haben.
  • 500 bis 1000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr bei gefährlichen Praktiken der Selbstbefriedigung. 90 Prozent der Todesfälle sind Männer.
  • Bei einer Vergewaltigung kann das Opfer eine angenehme körperliche Reaktion erleben, selbst wenn das Erlebte mental als schrecklich empfunden wird.
  • Die männlichen und weiblichen Genitalien haben den gleichen embryonalen Ursprung und die gleiche Struktur. Nur in Grösse, Form und Lage unterscheiden sie sich. Konkret: Der Penis ist eine nach aussen gewachsene Klitoris. Auch Eierstöcke und Hoden sind ein solches Paar.
  • Sport kann genitale Erregung bis hin zu Orgasmen auslösen. Bei Frauen führen am häufigsten Bauchmuskelübungen, Klettern, Gewichtheben und Fahrradfahren zu spontanen Orgasmen.

Schwule Widder und platte Würmer

Und schliesslich zwei bemerkenswerte Fakten aus dem Tierreich:

  • Acht Prozent der Widder paaren sich lieber mit anderen Männchen, obwohl brunftige Weibchen in der Nähe sind.
  • Die zwittrigen Plattwürmer kämpfen darum, wer dem anderen seinen Penis reinstecken darf. Wer den anderen zuerst sticht, wird Vater, der andere Plattwurm übernimmt die Mutterrolle und muss den Nachwuchs austragen.

Pere Estupinya «Sex. Die ganze Wahrheit». Riemann-Verlag, 544 Seiten. Fr. 29.90.

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