Medizin

Alle reden von Demenz – es gibt aber auch Superhirne, die kaum altern

Es gibt 80-Jährige, die mental gleich fit wie 25-Jährige sind.

Es gibt 80-Jährige, die mental gleich fit wie 25-Jährige sind.

Das Gehirn mancher Menschen scheint einfach nicht zu altern. Forscher wollen nun den Mechanismus dahinter finden. Er könnte der Schlüssel zu neuen Medikamenten gegen Demenz sein.

Nicht jeder baut im hohen Alter geistig ab: Einige haben noch mit 80, 90 oder gar 100 Jahren ein exzellentes Gedächtnis. Diese Menschen sind nicht einfach ein bisschen besser als gleichaltrige Senioren. Sondern so gut, dass sie sich mit Personen messen können, die Jahrzehnte jünger sind. «Das Gehirn dieser Leute scheint immun gegen das Altern zu sein», beobachtet die Neurowissenschafterin Emily Rogalksi von der Northwestern University in Chicago.

Die Professorin führt Studien durch, in denen sie untersucht, was diese «Supersenioren» von anderen gesunden Senioren unterscheidet. Denn wenn klar wäre, was die Ursachen dafür sind, dass sich manche Menschen auch im hohen Alter noch sehr gut neue Dinge merken können, hilft das möglicherweise, Krankheiten wie Alzheimer zu heilen oder gar zu verhindern.

Wie bei 25-Jährigen

Allerdings ist es nicht einfach, genug Teilnehmer für die Studien zu finden. Denn Supersenioren sind extrem selten: Unter 1000 Personen über 80 Jahren fanden Rogalski und ihre Kollegen gerade einmal 70 mit aussergewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten. «In der gesamten Bevölkerung dürfte der Anteil noch viel kleiner sein», sagt die Forscherin. Denn teilnehmen konnten nur Personen, die noch geistig fit waren. Ausgeschlossen waren hingegen solche mit Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz, wovon etwa die Hälfte aller 80-Jährigen betroffen ist.

Demenzspiel der Fachhochschule

Viviane Bendjus (links) und Souzan Alhenawi haben jüngst an der Fachhochschule Nordwestschweiz ein Computerspiel für Menschen mit Demenz und deren Angehörige entwickelt.

Die besonders fitten Senioren zeigten überragende Leistungen in einem Gedächtnistest, bei dem sie sich 15 Wörter merken und diese nach einer Wartezeit von 20 Minuten wiedergeben mussten. (siehe Kasten am Textende). Während sich die meisten «normalen» Senioren mit über 80 Jahren nur an einige wenige Wörter erinnern konnten, wussten die anderen noch mindestens 9 Wörter, manche sogar noch alle 15. Damit schnitten sie ebenso gut ab wie durchschnittliche 50- bis 60-Jährige.

Noch eindrücklicher waren die Ergebnisse einer anderen Studie von Forschern der Harvard Medical School in Boston mit einer etwas jüngeren Altersgruppe: Einige Senioren zwischen 65 und 80 Jahren zeigten in Tests eine Gedächtnisleistung, die sich mit jener von durchschnittlichen 25- bis 35-Jährigen messen konnte.

Motivation und Biss

Diese aussergewöhnliche Fähigkeit spiegelt sich auch im Gehirn wider, wie beide Forschungsgruppen mithilfe von Magnetresonanzaufnahmen zeigen konnten. Für gewöhnlich nimmt mit zunehmendem Alter die Hirnmasse ab. Allerdings scheinen bei den Supersenioren gewisse Hirnbereiche davon unberührt zu bleiben: In diesen war – anders als bei ihren Altersgenossen – kein Abbau sichtbar. Stattdessen ähnelten ihre Gehirne jenen von viel jüngeren Personen.

Zu den am besten erhaltenen Hirnstrukturen zählten solche, die wichtig sind, um neue Erinnerungen zu speichern. Aber auch solche, die eine Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, bei Motivation und Aufmerksamkeit spielen. «Motiviert zu sein und an einer Aufgabe dranzubleiben, scheint ein wichtiger Faktor beim Erinnern zu sein», sagt deshalb Alexandra Touroutoglou, Neurologin an der Harvard Medical School in Boston. Möglicherweise sind diese Fähigkeiten bei den untersuchten Personen stärker ausgeprägt. «Wir wissen bisher aber noch zu wenig über ihre Persönlichkeitsmerkmale», betont Touroutoglou.

Auch die Forscher um Emily Rogalski konnten bei ihren Studienteilnehmern nichts Ungewöhnliches im Vergleich zu den Altersgenossen feststellen. «Ausser dass sie etwas mehr Wert auf Beziehungen zu anderen Menschen legen», sagt Rogalski. Hingegen berichtete keiner von ihnen, auch schon in jungen Jahren ein aussergewöhnliches Gedächtnis gehabt zu haben. Zudem war kein gemeinsames Muster im Lebenswandel zu erkennen: Manche hatten nie geraucht, andere ihr Leben lang. Manche hatten viel, andere wenig Alkohol getrunken. Manche hatten viel Sport betrieben, andere nicht. «Jeder möchte gern ein Supersenior werden», sagt Rogalski. «Aber bisher ist nicht klar, ob man überhaupt etwas dafür tun kann.»

Frage des Glücks

Möglicherweise muss man einfach Glück und die richtigen Gene haben. Ob diese bei den Supersenioren anders sind als bei durchschnittlichen alten Menschen will Rogalski als Nächstes herausfinden. Sie hat von einigen Studienteilnehmern Blutproben gesammelt, an denen sie nun Erbgutanalysen durchführt. Die Ergebnisse werden in einigen Monaten vorliegen. Finden sich bestimmte Gene, die zu einem guten Gedächtnis im Alter beitragen, könnten diese zum Ziel neuer Medikamente oder Therapien werden.

Die Forscher hoffen, dass sich dadurch der geistige Abbau im Alter bremsen lässt – und vielleicht jeder einmal ein Supersenior werden kann.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1