Late-Night-Show
Gratis-Ferienreise oder Moral? Jan Böhmermanns machte ein soziales Experiment vor laufender Kamera

Der Deutsche Satiriker führt im «Magazin Royale» von ZDF mit einem Zuschauer vor, wie moralisch labil wir sind. Aber das Beispiel passte schlecht.

Sabine Kuster
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Tui-Reise-Gewinner gerät durch Böhmermanns Frage in Teufels Küche.

Tui-Reise-Gewinner gerät durch Böhmermanns Frage in Teufels Küche.

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Würden Sie von einer Firma ein Produkt kaufen, die vor über 40 Jahren sehr wahrscheinlich am Giftgasanschlag in Halabja von Saddam Hussein beteiligt war, bei dem Tausende Kurden starben? So kurz überlegt vermutlich nicht, oder? Aber wenn das Produkt ein Geschenk wäre? Ein Preis, den Sie gewonnen haben? Und wenn die Firma zudem inzwischen anders heisst und auch in einer ganz anderen Branche tätig ist?

Es ist nicht bekannt, ob sich der junge Zuschauer in Jan Böhmermanns Show «Magazin Royale» diese Fragen überlegt hatte, als er als Quiz-Sieger im Scheinwerferlicht stand. Eher nicht. Denn er wirkte mehr als überrumpelt, als Böhmermann mit dem Reisegutschein über 2000 Euro für Ferien auf Kreta mit dem Unternehmen Tui vor ihm stand und dann aber mit schiefem Blick noch fragte: «Du musst nur noch die alles entscheidende Frage beantworten – möchtest du überhaupt mit Tui in den Urlaub fliegen?»

Der Preis war ihm madig gemacht worden

Während der Show davor waren immer wieder Details über die frühere Firma Preussag gezeigt worden. Der Mischkonzern lieferte 1984 Abfüllanlagen für chemische Kampfstoffe in den Irak. 2002 wurde er in Tui umbenannt und zum Reiseanbieter.

Die Überlebenden vom Giftgasanschlag in Halabja haben Tui und andere Unternehmen nun wegen Beihilfe zu Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Tui verteidigte sich sinngemäss, sie hätte mit dieser alten Geschichte nichts mehr zu tun.

Der Sieger zögert, lacht verlegen, sagt «ist 'ne schwierige Frage», während Böhmermann noch einmal genüsslich alle Vorteile der All-inclusive-Reise zu einer beliebigen Zeit erwähnt. «Ich würde sagen nein», antwortet der Sieger schliesslich.

Das Publikum applaudiert, aber Böhmermann macht grosse Augen und sagt: «Bist du bescheuert? Ernsthaft?» «Weiss ich nicht», gerät der Sieger schon wieder ins Wanken. «Du kannst dich doch nicht jetzt individuell dafür verantwortlich fühlen, für das, was Tui scheisse macht ... Du bist doch nur ein Endverbraucher! Warum nimmst du denn die Reise jetzt nicht an?»

«Ich weiss nicht, dann fühle ich mich schlecht», erklärt der junge Mann. «Wir haben die Reise, du musst sie nur nehmen. Also ich hätt's gemacht.» Stille. «Ja, komm, dann nehme ich sie.» Neuer Jubel. Ende der Sendung.

Hurra, Böhmermann hat vor laufender Kamera vorgeführt, wie käuflich wir sind und wie schnell wir unsere Moral über Bord werfen, wenn wir selbst betroffen sind. So könnte das Fazit der Sendung lauten.

Der Skandal war schlecht gewählt

Doch so simpel ist es nicht, denn Böhmermann wählte einen schlechten Kontext: Der Skandal liegt lange zurück, die Akteure von damals sind weg. Natürlich, das Statement von Tui zur Firmenvergangenheit war schwach, kein Anzeichen von Eingeständnissen. Aber man muss jemand nicht auf ewig bestrafen. Das findet Soziologin Katja Rost von der Universität Zürich.

«Man muss verzeihen können, auch das ist eine wichtige Komponente von Moral», sagt Rost. Sie hätte so argumentiert und den Preis angenommen. Dass jemand in einem Experiment öffentlich bloss gestellt wird, sei ohnehin «schwierig».

Und Böhmermann? Was sollte die Aussage «Du bist doch nur ein Endverbraucher!»? Das kann kein ernst gemeintes Argument gewesen sein in einem Zeitalter, wo jeder Entscheid des Konsumenten ein moralisches Statement ist. Jedenfalls, wenn es vor laufenden Kameras gemacht wird. Böhmermann ist bloss an einen besonders gut manipulierbaren Endverbraucher geraten.

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