Sprachliche Moden und Marotten
Missglückte Verbesserung an der Fleischtheke

Unser Kolumnist Pedro Lenz überdenkt diese Woche die Sprachprobleme der Metzgerbranche.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Mit Paprika angereicherter Fleischkäse war lange als «Zigeunerfleischkäse» bekannt. Jetzt suchen die Hersteller nach neuen Bezeichnungen.

Mit Paprika angereicherter Fleischkäse war lange als «Zigeunerfleischkäse» bekannt. Jetzt suchen die Hersteller nach neuen Bezeichnungen.

Bild: Raphael Rohner

Niemand wird bestreiten, dass der Berufsstand des Metzgers schwere Zeiten erlebt. Täglich grösser wird die Anzahl jener Leute, die kein Fleisch essen. Und unter denen, die noch Fleisch essen, gibt es immer weniger, die Fleisch selber zubereiten können. Dazu kommt eine verbreitete Abneigung gegen Fleischprodukte, die aussehen, als entstammten sie einem Tier. Natürlich wird Fleisch grundsätzlich aus Tieren hergestellt. Aber nicht alle Körperteile des Nutztiers sind bei den Fleischesserinnen und Fleischessern gleich beliebt. Plätzli, Entrecôte und Filet kommen optisch unauffälliger daher als Schweinsfüsschen, Kalbsnieren oder Rindslebern.

Zu diesen Sorgen gesellen sich beim Metzgergewerbe noch die politischen Probleme. Die fangen bei den Vorgaben der Tierhaltung an und gehen bis weit in die Sprache. Exemplarisch für die Sprachprobleme in der Fleischverarbeitungsbranche steht die Bezeichnung einer Fleischkäsespezialität. Der Delikatessfleischkäse, der mit scharfer Paprika und anderen pikanten Gewürzen angereichert wird, hiess in manchen Landesgegenden lange «Zigeunerfleischkäse». Wir dürfen vermuten, dass diese Namensgebung aus Deutschland und Österreich entlehnt wurde, wo es früher üblich war, Schnitzel an scharfer Paprikasauce als «Zigeunerschnitzel» zu bezeichnen.

Der Begriff «Zigeuner», der schon in früheren Jahrhunderten als Schimpfwort für Sinti und Roma breite Verwendung fand, wurde nirgendwo so hartnäckig weiterverwendet wie in der Küchensprache. Irgendwann mussten auch «Zigeunerschnitzel» und «Zigeunerfleischkäse», ähnlich wie «Mohrenköpfe», ihre Namen der Zeit anpassen. Warum es bei Esswaren so schwierig ist, auf offensichtlich abwertende Bezeichnungen für Menschengruppen zu verzichten, könnte Gegenstand einer psychologischen Studie sein. Eines kann jedoch ohne Studie behauptet werden: Bei weitem nicht alle Umbenennungsversuche von Lebensmitteln mit problematischen Namen sind geglückt.

Damit kehren wir zu den Metzgern und ihrem «Zigeunerfleischkäse» zurück: In unseren deutschsprachigen Nachbarländern wurden «Zigeunerschnitzel» vor Jahren umbenannt in «Schnitzel nach ungarischer Art», «Schnitzel nach Balkan-Art», ­«Balkanschnitzel» oder «Schnitzel nach Budapester Art».

Inzwischen haben auch hiesige Hersteller von «Zigeunerfleischkäse» mitbekommen, dass eine Neubezeichnung angebracht wäre. Das ist gut. Aber welche Arbeitsgruppe auch immer dafür zuständig war, jenem mit scharfer Paprika angereicherten Fleischkäse, den ich besonders mag, einen neuen Namen zu geben, konnte ihre Vorurteile schlecht verbergen. Suchen Sie ein anderes, politisch korrektes Wort für «Zigeuner», muss die Vorgabe gelautet haben. Dass die Arbeitsgruppe schliesslich den Namen «Zigeunerfleischkäse» durch «Räuberfleischkäse» ersetzte, zeugt jedenfalls nicht von einer grossen Sensibilität im Zusammenhang mit ethnischer Diskriminierung.

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