Sprachliche Marotten
Vom Kleinwerden der Freiheit: Die grosse Idee ist längst von Brüderlichkeit und Gleichheit abgekoppelt

Das Wort «Freiheit» wurde in den letzten Jahren neu definiert. Es ist zum Schlachtruf all jener verkommen, die nur sich selbst sehen.

Pedro Lenz
Pedro Lenz
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Die Freiheitsstatue wurde nicht gebaut, um die Idee von möglichst kleinen Steuern zu würdigen.

Die Freiheitsstatue wurde nicht gebaut, um die Idee von möglichst kleinen Steuern zu würdigen.

Bild: Keystone

Wörter können im Lauf der Geschichte ihre alte Bedeutung verlieren und eine neue, andere Bedeutung erlangen. Die Bedeutung kann ein Wort grösser oder kleiner machen. Das hängt ganz von den Umständen ab.

Ein Wort, dessen Bedeutung im Lauf der Jahrzehnte zweifelsohne geschrumpft ist, ist das Wort «Freiheit». Janis Joplin sang in ihrem wohl berühmtesten Song «Me and Bobby Mc Gee» die bekannte Zeile: «Freedom’s just another word for Nothing left to lose».

Janis Joplin singt «Me and Bobby McGee».

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Auf Deutsch besagt dieser Textteil, Freiheit bedeute, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Frei wären demnach jene, die jeden Besitz hinter sich lassen. So und ähnlich verstanden die Hippies den Begriff Freiheit in den späten 1960er-Jahren. Sie sahen in der Freiheit vor allem den weitgehenden Verzicht auf irdisches Gut. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Freiheitsideal, das Jahrhunderte zuvor schon der Heilige Franz von Assisi propagiert hatte und dem in Klöstern bis heute nachgelebt wird.

Aber nach der Hippiezeit zogen die Jahre ins Land, Janis Joplin starb den Drogentod und die Freiheit, die sie gemeint hatte, geriet in Vergessenheit.

Das Wort Freiheit wurde neu definiert. In den 1980er-Jahren wurde es in der Schweizer Politik für den Slogan «freie Fahrt für freie Bürger» gebraucht. Die Freiheit der Freiheitspartei meinte von da an nicht mehr die Gewissheit, nichts zu verlieren zu haben, sondern das Recht, überall zügig und barrierefrei Auto zu fahren.

Die grosse Idee der Freiheit, die in der Französischen Revolution immer zusammen mit Brüderlichkeit und Gleichheit propagiert worden war, erfuhr eine Banalisierung. Freiheit war von der grossen, allgemeinen Idee zum trivialen Träger von egoistischen Einzelinteressen geworden. Für die einen bedeutet Freiheit inzwischen, schnell und rücksichtslos Auto fahren zu dürfen.

Für die anderen bedeutet Freiheit, möglichst viel Geld verdienen zu können und dafür möglichst tief besteuert zu werden. Wieder andere verstehen unter Freiheit das Recht, immer und überall eine Waffe mit sich tragen zu dürfen. Kurz gesagt, Freiheit ist heute kein Ideal mehr. Das Wort Freiheit ist zum Schlachtruf all jener verkommen, die nur sich selbst sehen. Die Freiheit ist längst von der Brüderlichkeit und von der Gleichheit abgekoppelt und damit ihres Sinns beraubt worden.

Heute ist es in manchen Kreisen Mode, an Umzügen in Innenstädten zu Kuhglockengeläut das Wort Freiheit auf Französisch zu rufen. Auf Französisch lässt sich die Freiheit besser anrufen, weil sie eine Silbe mehr hat. Dabei geht es den Liberté-Rufern aber nicht um die Freiheit der Französischen Revolution oder um die Freiheit der Kühe. Es geht ihnen um eine Freiheit, die ihre persönliche Befindlichkeit und ihre Einzelinteressen über die kollektiven Interessen stellt, eine Freiheit, die vom «ich» und nicht vom «wir» ausgeht. Die Freiheit, nach der sie schreien, ist ein ganz schäbiger Abklatsch jener grossen Idee, die im Wort Freiheit einst enthalten war.

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