Kolumne
Beziehungen: Diese drei Liebes-Irrtümer machten mich zur romantischen Pessimistin

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum es gut ist, seinen eigenen Wahnsinn einzugestehen.

Maria Brehmer
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«Ich wäre nicht gereift, wäre ich im Laufe meines Liebesprozesses nicht so einigen Irrtümern auf den Leim gegangen.»

«Ich wäre nicht gereift, wäre ich im Laufe meines Liebesprozesses nicht so einigen Irrtümern auf den Leim gegangen.»

Sandra Ardizzone

Seit 25 Jahren übe ich mich nun schon in Liebesdingen, und erst jetzt, reichlich spät also, fühle ich mich ein kleines bisschen bereit für etwas, das sich reife Beziehung, ja vielleicht sogar wahre Liebe nennen könnte.

Reifen heisst sich irren

Dass ich mir diese lange Zeit der Unerfahrenheit attestiere, finde ich wenig schmeichelhaft von mir, doch komme ich nicht drum rum, mit einer gewissen Skepsis auf meine Liebesvergangenheit zu blicken. Zu viele Scherereien, zu viele Trennungen, zu viele schiefgegangene Liebesnächte sind da.

Mittlerweile kann ich mich kaum noch daran erinnern, wann mich die Verzweiflung in Anbetracht der Existenz von Emotionen das letzte Mal um den Schlaf gebracht hat. Hurra! Doch ich wäre nicht gereift, wäre ich im Laufe meines Liebesprozesses nicht so einigen Irrtümern auf den Leim gegangen, mehrmals denselben.

Folgend die drei grössten.

Irrtum Nummer eins: Die Liebe entspricht meinen romantischen Vorstellungen. Das tut sie nicht. Vorstellungen, dass Beziehungen wie in «Pretty Woman» anfangen (und im Kopfkino weitergehen), gehören abgeschafft, waren sie doch in all meinen Beziehungen das Rezept zum Unglücklichsein.

Man bedenke die Vereinigung zweier hochkomplexer Individuen zwecks gemeinsamer Zukunft und übertrage dies auf gängige, oft veraltete Muster, wie Beziehungen jahrelang funktionieren sollen. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt! Seit ich mich vom Beziehungsperfektionismus verabschiedet habe, bin ich ein bisschen bereiter für die Liebe.

Irrtum Nummer zwei: Eine gute Beziehung ist eine durch und durch harmonische Beziehung. Das ist sie nicht. Wie und wann uns unser Partner oder unsere Partnerin an den Rand des Wahnsinns treibt, unterscheidet sich von Beziehung zu Beziehung.

Mich trieb jeder irgendwann mal an den Rand des Wahnsinns. (Man bedenke die Komplexität der Individuen, siehe Irrtum eins.)

Von der Hoffnung, dass dies nicht geschehen wird, sollte man sich von Anfang an verabschieden.

Irrtum Nummer drei: Es gibt «den Richtigen». Den gibt es nicht. Im Gegenteil: Vermutlich sind wir mit dem Falschen zusammen, zumindest ist man phasenweise davon überzeugt. Solange die Beziehung auf Respekt aufgebaut ist und weder in absichtliche Verletzungen noch Grenzüberschreitungen mündet, gehört man zum Durchschnitt der Langzeit-Liebenden, bei dem die «der Falsche»-Phase irgendwann vorübergeht.

Wer falsch abbiegt, lernt aus erster Hand

Ein aufgeklärter romantischer Pessimismus geht davon aus, dass ein Mensch nicht alles für einen anderen sein kann, schreibt der Schweizer Liebesexperte Alain de Botton. Das befreit von Erwartungen. Und bewahrt vor Enttäuschungen.

Reife beginnt mit der Fähigkeit, den eigenen Wahnsinn zu spüren, ihn zuzugeben und auch zu kommunizieren, schreibt de Botton weiter. Wer falsch abbiegt, lerne aus erster Hand. Scheitern ist keine Schande. Noch bis vor kurzem dachte ich, endlich zu wissen, wie der Beziehungshase läuft. Irrtum Nummer vier.

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