«Jung & Alt»-Kolumne
Wer kauft mir Schnaps?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche denkt Zaugg über die Bedeutung von Erfahrung nach.

Samantha Zaugg
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Was dieses Bild mit dem Text zu tun hat? Müssen Sie halt bis zum Schluss lesen, dann wird es schon klar.

Was dieses Bild mit dem Text zu tun hat? Müssen Sie halt bis zum Schluss lesen, dann wird es schon klar.

Samantha Zaugg

Lieber Ludwig

Was Erfahrung für mich sei, willst du wissen. Schwierige Frage. Erfahrung ist etwas, was ich habe, gleichzeitig aber auch etwas, was mir noch fehlt. Dass ich schon Erfahrung habe merke ich, wenn ich zurückdenke. Was ich vor zehn Jahren so gemacht hab. Es ging da vor allem um Furcht vor Prüfungen, um junge Männer aber auch sehr viel um Bücher, Kunst und natürlich um die Frage, wer für mich Schnaps kauft, weil ich noch minderjährig war.

Manches hat sich geändert. Manches nicht. Ich denke Erfahrung hat mit Altern zu tun. Ich setze das hier mal gleich. Beides passiert ja nicht über Nacht. Man wacht nicht am nächsten Morgen auf und denkt, hoppla, jetzt ist aber was gegangen. Ab heute bin ich ganz anders.

Das ist eher ein schleichender Prozess. Vom Gefühl her bleibt alles gleich, bis man eben mal paar Jahre zurückblickt. Erst mit Abstand, bemerkt man Veränderungen. Diese Veränderungen, die in einem Menschenleben passieren sind ja ziemlich krass. Nur schon die äusseren. Ich meine, ein alter Mensch sieht überhaupt nicht mehr aus wie ein Baby. Trotzdem ist es derselbe Mensch. So banal das klingen mag, aber das erstaunt mich immer wieder.

Und das sind nur die sichtbaren Veränderungen. Und die inneren, diejenigen die wir nicht sehen sind ja mindestens so krass. Ich stelle mir vor, dass die inneren Veränderungen genauso grundlegend sind wie die äusseren. So kann ich im Ansatz erfassen, wie wir von Zeit und unseren Erfahrungen verändert werden. Und dennoch: Alter bleibt für mich abstrakt.

Das ist irgendwie komisch. Denn es ist ja nicht so, als wüsste ich nicht, was Alter ist. Das Konzept ist mir durchaus bekannt. Ich kenne alte Menschen, jeden Tag begegnen mir alte Leute, irgendwo im Park oder beim Einkaufen, sie sind ja überall. Und trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, wie es ist alt zu sein.

Das mag egozentrisch klingen, aber ich denke, das ist etwas sehr Menschliches. Denn wenn wir ehrlich sind, kennen wir nur eine einzige Perspektive, nämlich unsere eigene. Und die wiederum ist geformt von unseren eigenen Erfahrungen.

Hui, das ist jetzt tiefsinniger geworden als ich das geplant habe. Hast du auch davon, wenn du so philosophische Fragen stellst. Ich werde diesen Brief jedenfalls nicht mit einer schwurbligen Meta-Frage abschliessen. Oh nein, jetzt wird es sehr konkret. Denn ich habe nicht vergessen, was wir abgemacht haben: Im Mai schreiben wir über Dating!

Und damit kannst du gleich beginnen. Wie war das als es bei dir noch aktuell war? Oder ist es das etwa noch immer?

Samantha

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