Die Sprachstilistin
Sprache ist wie Liebe, besonders in den Ferien

Mit dem nahenden Ende der Pandemie tauchen die ersten Griechenlandferien am Horizont auf. Unsere Autorin weiss schon, worauf sie sich am meisten freut.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Sonne, Meer, gutes Essen – in Griechenland ist das Leben süss.

Sonne, Meer, gutes Essen – in Griechenland ist das Leben süss.

Bild: Keystone

Nun rückt sie näher, die erste Reise ins Ausland. Läuft nichts schief, liegen wir im Juli zweimal geimpft an einem der schönsten Strände Griechenlands und tun, was wir lange nicht durften: unseren äusserst rudimentären griechischen Wortschatz bemühen. «Ton logariasmó, parakaló», werden wir sagen. Die Rechnung, bitte. Und: «Ligo psomí. Efcharistó!» Ein bisschen Brot, danke.

Wir werden uns sonnen in der ehrlichen Begeisterung jedes griechischen Gegenübers, das augenblicklich anfangen wird, mit uns auf Hellenisch zu parlieren. Als hätte irgendetwas darauf hingedeutet, dass wir konversationssicher wären. Was wir selbstverständlich nicht sind. Das ist aber egal.

Andere beobachten Vögel

Wir machen es aus Spass an der Freude. So wie andere in den Ferien Vögel beobachten oder Steinhaufen besuchen, üben wir uns im Erlernen des Neugriechischen. Das Tempo ist dabei ebenso sekundär wie das Erreichen irgendeines B1 oder Ähnlichem. Sonst wären es ja keine Ferien. Kleine und grosse Ziele setzen wir uns schon das ganze Jahr über.

Doch weil wir uns auch in den Ferien für unser Gegenüber interessieren, und es nun wirklich keine Kunst ist, sich ein paar Basics in einer anderen Sprache zu merken, wird geradebrecht und nachgeschlagen und improvisiert. Dass der Rest des Gesprächs auf Englisch fortgesetzt werden muss, stört niemanden, am wenigsten die Griechen selber.

Die Satzfragmente öffnen das Herz der Einheimischen

Wahr ist: Die gefühlt 30 Wörter und Satzfragmente, die wir uns in den letzten Jahren angeeignet haben, bringen uns nicht weit. Aber sie öffnen das Herz der Einheimischen. Das Leuchten in den Augen, wenn jemand begeistert fragt: «Miláte Helleniká?!» – unbezahlbar. Unsere Antwort: «Ochi!» (Nein): ehrlich und unvermeidlich.

Der griechische EU-Übersetzer Ioannis Ikonomou beherrscht, je nach Quelle, zwischen 32 und 47 Sprachen. Befragt zu seiner Motivation, sagte er einst:

«Sprache ist wie Liebe. Wenn du dich in jemanden verliebst, willst du doch auch die ganze Geschichte dieser Person kennen, ihre Eltern treffen, ihre alte Schule besuchen.»

Deshalb sei für ihn selbstverständlich, eine Sprache zu erlernen, wenn er mehr über ein Land und seine Menschen erfahren wolle.

Wir waren allein mit unserer Neugier

Die Pandemie hatte nicht nur zur Folge, dass wir zu Hause blieben, Maske trugen und Abstand hielten. Wir blieben auch allein mit unserer Neugier auf Neues, auf andere Länder und Kulturen.

Gleichzeitig war es noch nie so leicht, sich einen Grundwortschatz in einer Fremdsprache anzueignen. Das Netz quillt über vor Angeboten à la uTalk, Babbel oder Speakyfox. Hindern einen traumatische Schulerlebnisse daran, die Kröte im Hals herunterzuschlucken, wenn es darum geht, den ersten Satz zu sagen, denken Sie sich: Wird irgendjemand daran sterben, wenn ich das jetzt nicht perfekt sage? Die Antwort lautet immer: Nein.

Und dann: eintauchen, zuhören, imitieren. Zum Beispiel: «Den katalavéno!» Oder Vögel beobachten.