kochkunst
Onlinekurse von Spitzenköchen wie Gordon Ramsay boomen – doch halten sie, was sie versprechen?

Starköche bieten neuerdings Videokurse mit Tipps und Anleitungen an. Wir haben die Onlineseminare ausprobiert.

Rahel Koerfgen
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Luftig sollte er sein. Wie ein Wölkchen im Mund. Cremig-würzig auch. So habe ich Kartoffelstock Dutzende Male im Restaurant verspeist, ein Traum. Zu Hause am Herd liefert Stocki indes zigfach Material für einen Albtraum. Mal zu klebrig, mal zu flüssig, dann wieder zu stückelig. Aber wie sagt man so schön? Es ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen. Auf die Übung kommt es an.

Bild: Screenshot masterclass.com

Und auf Tipps vom Profi: «Vor dem Kochen musst du die Kartoffeln in gleich grosse Stücke würfeln», ruft mir Gordon Ramsay zu, «ich nehme immer festkochende, weil sie Rahm und Butter am besten aufnehmen.»

Gordon Ramsay

Meisterkoch
Bild: Getty Images

Meisterkoch

Eine Prise Exzentrik: Der legendäre Gordon Ramsay gibt sich bei seiner Masterclass sehr nahbar und punktet mit wirklich nützlichen Tipps für jeden Hobbykochenden.

Ramsay, britischer Spitzenkoch mit internationaler Strahlkraft, steht nicht etwa in meiner Küche und schaut mir prüfend über die Schulter. Sondern lächelt mir vom iPad aus zu. Etwa, wenn ein Arbeitsschritt vollbracht ist und er nach einem Versucherli sagt, dass das «paramount» sei, überragend. Er wirkt zufrieden, wie er sich da im engen blauen Shirt hinter der perfekt ausgeleuchteten Kochinsel aufgebaut hat.

Durchgeknallt auch, an meinem kulinarischen Weltbild rüttelnd: Betty Bossi und Co. predigen seit Jahren, dass für Stocki nur mehlige Kartoffeln in Frage kommen. Alles andere: Todsünde. Ich blicke Ramsay fragend an, er fuhrwerkt weiter in der heimischen Küche, sein privates Reich ist das, und ich habe den direkten Draht, aber noch keinen Plan. Mein erster «Master­class»-Kurs.

E-Learning am Herd ist in aller Munde. Die Restaurants haben zu, wir sitzen zu Hause herum und haben Zeit, zumindest die meisten von uns. Besonders die ästhetisch hochstehenden Online-­Videokurse wie jene von Masterclass aus den USA boomen. Nicht zu verwechseln mit Rezeptclips im Internet oder einem Foodblog. Bei «Master­class» lernt man von den Meistern ihres Fachs. Sie sollen einer grossen Zahl von Menschen Zugang zu ihrem Wissen und ihrer Erfahrung verschaffen.

Dass gerade jetzt diese Angebote boomen, dafür hat Manuel Benz, der das Start-up Wemaster ins Leben gerufen hat, eine simple Erklärung:

«Das Volumen an Rezeptvideos ist in den vergangenen Jahren exponentiell gestiegen, ein richtiger Wildwuchs.»

Der Experte fügt an: «Gleichzeitig ist der Anspruch der Leute gewachsen: Sie wollen von einer Person mit Leistungsausweis und damit hoher Glaubwürdigkeit instruiert werden.»

Je tiefer im Kurs, desto kleiner die Hemmungen

Zu den Meistern seines Fachs gehört Kay Baumgardt vom Gasthaus Zur Fernsicht im Appenzellerland. Der Patissier gilt europaweit als einer der innovativsten, und er sagt:

«In erster ­Linie soll es Spass machen. Wenn man die wichtigsten Schritte begreift, ist die Ausführung nicht so schwierig.»

Baumgardt tritt mit seinen «Shiny Pralinen» unter chef-session.com auf, einem Schweizer Pendant zu «Masterclass».

Bei den Kursen geht es nicht nur ­darum, ein Gericht einfach nachzukochen. Von Ramsay oder Baumgardt erfährt die Hobbyköchin etwa, welche Utensilien unverzichtbar sind (viel ist es nicht, ein gutes Messer und eine Stahlpfanne gehören dazu, bei Baumgardt noch ein Zahnbürstli). Auch Infos zur Ausführung gibt es, wie etwa das Messer richtig gehalten, das Schneidebrett fixiert wird – ein bunter Strauss nützlicher Tipps.

«Die Kurse sollen den Leuten die Hemmungen nehmen, indem sie so tief wie möglich in einen Bereich sehen», sagt Benz. Sein «Wemaster» ging kurz vor Weihnachten mit vier Kursen live. Mit von der Partie ist der Drei-Sterne-Koch Sven Wassmer vom Grand Resort Bad Ragaz. Von ihm kann man sich das Filetieren eines Fischs easy erklären lassen; er weiht auch in die Philosophie seiner Alpenküche ein. Anders gesagt: Er lässt die Hosen herunter.

Sven Wassmer

Hohe Schule
Bild: Instagram

Hohe Schule

Bei Sven Wassmer fehlt ein wenig der Spassfaktor, aber was man bei ihm unter wemaster.ch lernt, ist Gold wert. Oder schmeckt zumindest wahnsinnig gut.

Von Spitzenköchen ziemlich ungewohnt, kocht doch jeder und jede das eigene Süppchen? Benz betont: «Im Gegenteil. Wir mussten die Geheimnisse nicht aus ihm herauskitzeln. Er freut sich, seine Kunst einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.» Baumgardt sagt dazu:

«Heute tauschen sich Spitzenköche viel mehr aus, sie sind offener geworden, wollen Wissen und Erfahrung weitergeben.»

Zudem würden die Kurse eine schöne Plattform bedeuten, um die eigene Bekanntheit zu steigern.

Wird die Spitzengastronomie am Ende entmystifiziert? Sternekoch Pascal Steffen vom Basler «Roots» sagt dazu: «Ich rechne mit dem Gegenteil. Durch solche Kurse erkennen die Leute, wie viel Aufwand und Leidenschaft hinter der Spitzengastronomie stecken, und werden ihr in der Folge mehr Wertschätzung entgegenbringen.»

Steffen selber hat den Schritt noch nicht gewagt: «Ich hatte schon Anfragen zu digitalen Kursen, bin mir aber noch nicht sicher, wie ich das umsetze. Unsere Rezepte benötigen viel Vorbereitung.» Er sei immer noch angetan vom klassischen Kochkurs im echten Leben, in dem er mit Schülern interagiere.

Gut möglich, dass der Online-Boom post Corona jenen im echten Leben zum Aufschwung verhilft. Bis dahin perfektioniere ich meinen Stocki aus festkochenden Kartoffeln, der mit Hilfe von Gordon und der von ihm empfohlenen Kartoffelpresse immer luftiger wird. Übung macht die Meisterin.

Die Meister haben ihren Preis

Ein Jahresabo bei masterclass.com kostet 160 Franken, der Preis für einen Kurs beträgt 80 Franken. Das Jahresabo lohnt, reizvolle Kurse wie von Make-up-Pionierin Bobbi Brown oder Regie-Glanzlicht Martin Scorsese sind dabei – grandiose Unterhaltung.

Bei wemaster.ch kostet der Einzelkurs 129 Franken (inklusive eines sehr nützlichen Workbook und detaillierter Wegbegleitung), bei chef-session.com wiederum 40 Franken. (rak)