Technologie

Kellnerlose Restaurants, sich automatisch öffnende WC-Schüsseln und knopflose Aufzüge – Japan wird zur komplett berührungsfreien Gesellschaft

Jeder menschliche Mitarbeiter, der durch einen Roboter ersetzt werden kann, ist ein Ansteckungspunkt weniger.

Jeder menschliche Mitarbeiter, der durch einen Roboter ersetzt werden kann, ist ein Ansteckungspunkt weniger.

In Japan kann man sich bald bewegen, ohne je einen fremden Gegenstand oder Menschen zu berühren. Einer alten Gewohnheit und Corona sei Dank.

Je tiefer sich der Oberkörper beugt, desto höflicher wirkt der Gruss. Bis heute ist es nicht etwa die westliche Tugend des Händedrucks, die bei der Begrüssung zählt, sondern die alte, ­berührungslose Verneigung. Genauso wie flanierende Pärchen auf den Strassen Japans nicht etwa Händchen halten, sondern nebeneinanderher­gehen, ohne sich anzufassen.

In Japan gilt prinzipiell: ­Solange sich Körperkontakt vermeiden lässt, ist er auch nicht unbedingt gefragt. In der Coronakrise gilt dieser Grundsatz umso mehr. Forschungsinstitute, Entwicklungsabteilungen und Start-ups suchen nach ­Wegen, wie sich das Prinzip des körperkontaktfreien Soziallebens auf so viele Alltagssituationen wie möglich übertragen lässt.

«Liebe Gäste, ich habe ­Ihnen Ihr Essen gebracht», sagt die elektronische Stimme eines heranrollenden Roboters, der direkt vor dem Tisch hält und einen Teller Sushi ablädt. «Ich hoffe, es schmeckt Ihnen!» In einem Restaurant der Kette Watami in Tokio bestellt man nicht mehr bei einem menschlichen Kellner, sondern auf einem Touchpad.

Die Eingabe erreicht dann per Internet die Küche. Was vor Jahren eingeführt wurde, um Personal zu sparen, dient nun auch zur Infek­tionsbekämpfung, heisst es seitens des Unternehmens. Um eine Verschmutzung des Touchpads zu vermeiden, sollen nun Einweghandschuhe bereit­liegen.

Die kellnerlosen Restaurants von Watami gehören zu einer Reihe von Ideen aus der Gastronomiebranche, die schon vor der Coronakrise entwickelt wurden, deren Nutzen sich aber jetzt besonders offenbart.

Indes könnten sich die Restaurantbetriebe hygienetechnisch noch weiter optimieren – und ein anderer Betrieb aus ­Japan stünde wohl schon zur Stelle. Das Unternehmen ­ASKA3D aus Hiroshima hat gerade eine Art «touchless Touchscreen» entwickelt. Es handelt sich um einen 3D-Bildschirm, der sich als Hologramm in den Raum projiziert.

Man bedient den schwebenden Bildschirm, ohne ihn berühren zu müssen, da er die blossen Handbewegungen des Nutzers als Anweisungen versteht. In Museen werden diese interaktiven Bildschirme schon genutzt.

Auch die angesichts der Datenverarbeitung kontrover­se Gesichtserkennungstechnologie des Hightechkonzerns NEC könnte in neue Bereiche vorstossen. NEC hat eine Software entwickelt, die Gesichter auch von der Seite, aus grösserer ­Entfernung und trotz Tragens einer Maske erkennen kann.

In den Eingangsbereichen grösserer Unternehmen ist die Technologie bereits im Einsatz, mit dem Gesicht statt dem Fingerabdruck als Entschlüsselungskriterium werden Berührungen vermieden. NEC hofft, auf ­diese Weise bald auch das Anfassen von Türklinken und Autotüren überflüssig zu machen.

Wenn sich der Klodeckel automatisch öffnet

Auf ähnliche Weise hat Fujitech weite Teile des Landes mit neuer Fahrstuhltechnik ausgestattet. Einerseits wird angezeigt, ob die nächste Gondel besonders voll sein wird. Andererseits müssen Nutzer die Panels nicht mehr berühren, um den Aufzug zu rufen. Kontaktlose Sensoren registrieren die Befehle über das anzufahrende Stockwerk – eine Technologie, in der Japan weltweit führend ist.

In anderen Bereichen des Alltagslebens hat sich das «Prinzip berührungslos» in Japan längst durchgesetzt und erreicht derzeit das Ausland. In Behörden sind Schiebetüren, die sich automatisch öffnen, seit Jahren Standard.

Auf Toiletten in öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen oder Restaurants ist es auch nicht mehr neu, dass Seifenspender keinen Druckbefehl benötigen, um die reinigende Flüssigkeit auszuspucken. Ebenso geben die Hähne daneben ohne Berührung das Wasser aus. Im WC öffnet sich der Deckel oft automatisch.

Die Supermärkte des Landes gewöhnen sich dagegen gerade erst daran, dass die Kunden sich an einem automatisch gesteuerten Schalter, der per Kamera überwacht wird, selbst abkassieren.

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