Jubiläum
Die Wurzel der Naturkosmetik wird 100: Ein Besuch in den Schweizer Gärten von Weleda

Das Schweizer Label Weleda gibt in der Naturkosmetik weltweit den Ton an. Und das als Oldie: In diesem Jahr wird das 100-Jährige gefeiert. Chefgärtner Pierre Kappler gibt uns einen Einblick in seine Arbeit.

Rahel Empl
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Auf 2,5 Hektaren wächst im Garten von Weleda etwa die Eselsdistel. Deren Blüten werden für ein Herzmedikament weiterverarbeitet.

Auf 2,5 Hektaren wächst im Garten von Weleda etwa die Eselsdistel. Deren Blüten werden für ein Herzmedikament weiterverarbeitet.

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Schier endlos ist sie, die Auswahl. Wer sich heute mit Naturkosmetik pflegt, sieht sich einer breiten Palette an Bio-Cremes und -Lotions gegenüber. Die Nachfrage wächst rasant, der Anbietermarkt reagiert, von hippen jungen Labels bis hin zu den grossen Beautykonzernen: Natur ist Trumpf, Nachhaltigkeit Pflicht.

Zu den beliebtesten Produkten – sogar die Redaktion der US-Vogue schwört auf sie – gehören jene der Linie Skin Food von Weleda aus Arlesheim. Die Creme mit Extrakten von Stiefmütterchen, die in einer grünen Tube daher kommt, wurde vor fast 100 Jahren lanciert. Und sie hält sich wacker, trotz innovativer Konkurrenz.

Balsam für den Boden

Stiefmütterchen in Hülle und Fülle.

Stiefmütterchen in Hülle und Fülle.

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Gelb- und magentafarben leuchten die Blüten tausender Stiefmütterchen auf einem Feld nahe des Basler Bruderholz, wiegen sich im lauen Lüftchen an einem der wenigen schönen Tage dieses Sommers. Neben ihnen wachsen Eselsdisteln, Sonnenhut, Farne, Maiglöckchen, Kirschlorbeer, Melisse. Pierre Kappler, 59 Jahre alt, drahtig-schlank, sonnengebräunt, nimmt seine sportliche Sonnenbrille ab und sagt: Bald sei es soweit, bald würden die meisten Blüten geerntet und noch am selben Tag im nahen Arlesheim weiter verarbeitet:

«Viele unserer pflanzlichen Rohstoffe bauen wir seit jeher selbst an.»

Kappler ist Hüter von rund 50 Pflanzenarten auf 2,5 Hektaren Land. Seit 20 Jahren arbeitet er bei Weleda, dem Naturkosmetik- und Arzneimittel-Hersteller. Damals absolvierte der gelernte Gärtner einen Crashkurs in biologisch-dynamischer Landwirtschaft nach Rudolf Steiner, «aber erst mit den Jahren bin ich richtig reingewachsen». Der im nahen Elsass wohnhafte Selbstversorger und Vater zweier erwachsener Söhne leitet zwei der weltweit insgesamt acht Weleda-Heilpflanzengärten im französischen Huningue und hier im Baselbiet.

Pierre Kappler (59), seit 20 Jahren bei Weleda tätig.

Pierre Kappler (59), seit 20 Jahren bei Weleda tätig.

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Biodynamisch heisst: Kappler und sein Team von acht Gärtnern arbeiten im Einklang mit der Natur, berücksichtigen sowohl irdische Wachstumsfaktoren wie Böden und deren Nährstoffe, als auch kosmische Rhythmen. So wird etwa bei einer Mond- oder Sonnenfinsternis nicht geerntet, weil das Stillstand im Kosmos bedeutet. Auch, dass das Team gänzlich ohne chemischen Dünger auskommt.

Kappler tritt vor ein wild begrüntes Feld. Hier sei die Gründüngung in vollem Gange, wachse eine Mischung aus Buchweizen, Roggen und auch Senf. Ende Saison wird alles gemäht und gehäckselt und der Boden damit bedeckt: «Das ist wie Balsam für ihn. Denn so erodiert er nicht, wenn es regnet, und damit gehen Nährstoffe nicht verloren, sondern werden vielmehr gespeichert.» Vor dem Anbau einer stark zehrenden Pflanze regeneriere man den Boden auf diese Weise, damit er gerüstet ist.

Vieles wird von langjährigen Partnern bezogen

An der Art und Weise der Bewirtschaftung des Bodens hat sich bei Weleda seit 100 Jahren nicht viel verändert. Damals hoben der Naturwissenschafter Steiner und die Ärztin Ita Wegman Weleda – abgeleitet von Veleda, wie heilkundige Frauen früher genannt wurden – aus der Taufe und begannen, Heil- und Pflegemittel mit natürlichen Substanzen herzustellen. Die Vision: Dass der Mensch im Einklang mit der Natur lebt und nachhaltig wirtschaftet. Lange fristete diese Grundhaltung in der Kosmetikbranche ein Schattendasein, wurde als exotisch belächelt.

Heute ist die Einstellung in einer Zeit, die uns im Zuge des Klimawandels vor riesige Herausforderungen stellt, so aktuell wie nie. Und Produkte wie Skin Food von Weleda entsprechend gefragt. Sie gehören zu den umsatzstärksten Naturkosmetika weltweit. Die Erzeugnisse der vielen Heilpflanzen, die in den Weleda-Gärten rund um den Globus wachsen, reichen allerdings nicht aus, um den Bedarf zu decken. Vieles wird von langjährigen Partnern aus verschiedenen Ländern bezogen, etwa aus Rumänien, wo Arnica in rauen Mengen wächst. Die getrocknete Blüte wird an die internationalen Standorte von Weleda geliefert, wo aus deren Extrakt etwa das Arnica-Massageöl hergestellt wird.

Solche Partnerschaften seien für Weleda in Zeiten des Naturkosmetik-Booms essenziell, da die Nachfrage nach qualitativ hochstehenden Bio-Rohstoffen riesig sei und die Bestände knapp, sagt Kappler. «So haben wir nie einen Engpass bei der Produktion». Und auch darum wird die grüne Tube wohl nie aus dem Regal verschwinden.


100 Jahre Weleda - eine Chronologie

Das Package-Design der Skin-Food-Linie von Weleda hat sich mit den Jahren deutlich verändert.

Das Package-Design der Skin-Food-Linie von Weleda hat sich mit den Jahren deutlich verändert.

zVg

1920
Der Wissenschafter Rudolf Steiner hält vor Ärzten eine Reihe von Vorträgen über Heil- und Pflegemittel auf pflanzlicher Basis. Im selben Jahr kauft die Ärztin Ita Wegman in Arlesheim «ein kleines Haus mit grossem Apfelbaum». Daraus entsteht die erste anthroposophische Klinik der Welt. Und dort gründen Steiner und Wegman die Futurum AG.

1921
Im deutschen Schwäbisch Gmünd beginnt die industrielle Produktion mit 12 Mitarbeitern. Am selben Ort wird der erste Garten angelegt. Am Goetheanum übernimmt die Futurum das Versuchslabor. Im August erfolgt der Umzug ins benachbarte Arlesheim.

Das «Haus mit grossem Apfelbaum» in Arlesheim: Hier nahm die Geschichte von Weleda ihren Anfang.

Das «Haus mit grossem Apfelbaum» in Arlesheim: Hier nahm die Geschichte von Weleda ihren Anfang.

zVg

1924
Die erste Tochtergesellschaft in Frankreich wird gegründet; 20 weitere sollen folgen.

1926
Die Allzweckcreme Skin Food sowie das Arnica-Massageöl kommen auf den Markt.

1928 Der Firmen- und Markenname Weleda löst Futurum ab.

1960 Mit der Lancierung des Calendula Babyöls wird der Grundstein für die Baby- und Kinderpflegeserie auf Basis von Ringelblumen gelegt.

2000
Kosmetikprodukte von Weleda werden ins Sortiment des Detailhändlers Coop aufgenommen.

2007
Weleda gründet die Organisation Natrue, die hohe Standards für Natur- und Biokosmetik garantiert.

2008 Wegen IT-Problemen können Heilmittel nicht ausgeliefert und müssen grösstenteils vernichtet werden. Dies führt 2011 fast zum finanziellen Kollaps. 2012 folgt die Reorganisation, fast die komplette Geschäftsleitung muss gehen.

2021
Weleda engagiert sich im Rahmen des Projekts Living Soil für eine regenerative Landwirtschaft. Und erstmals bietet das Label in Deutschland Pflegeprodukte an einer Abfüllstation an. Zudem wird ein Jahrhundert Weleda gefeiert. Heute werden weltweit 2500 Mitarbeitende beschäftigt, die Produkte in 55 Ländern vertrieben.

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