Christine Thürmer

«Jeden Abend liege ich voller Dankbarkeit in meinem Zelt»: Diese Weltrekordwanderin hat das Glück gefunden

© Christa Kamm-Sager

Von Juli bis November wandert Christine Thürmer von Görlitz bis nach Sizilien und hat dabei auch die Schweiz durchquert. Ende Jahr wird die «meistgewanderte Frau der Welt» insgesamt 53‘000 Kilometer gewandert sein. Sie sagt, warum sie fast nie Blasen hat, weshalb sie Frauen ermutigen will und sie keine Angst hat, alleine im Wald zu schlafen.

Imposante Landschaften können sie nicht mehr so schnell aus der Reserve locken – Christine Thürmer hat schon unzählig viele Naturschönheiten dieser Welt gesehen, seit sie vor 13 Jahren zur Berufswanderin geworden ist. Doch beim Anblick des Bodensees und Tage später der beiden Mythen und des Vierwaldstättersees im Abendlicht, «kommt sie aus dem Fotografieren nicht mehr raus», wie sie später auf ihrer Facebookseite festhält.

Wir treffen die 53-Jährige, die ursprünglich aus dem deutschen Oberfranken stammt, an ihrem Ruhetag in Einsiedeln. Die Frau ist eine Erscheinung: 1,84 m gross, braunes Wuschelhaar, fröhlich blinzelnde Augen und eine freundlich-warme Fürsorglichkeit. «Ich wandere sechs Tage, dann mache ich einen Tag Pause», sagt sie in einer ruhigen Ecke des Pilgerhotels. Das tönt durchstrukturiert – und ist es auch. Auf ihren Wanderungen überlässt sie so wenig wie möglich dem Zufall, plant, wo sie Nahrungsmittel einkaufen und wo sie Ruhetage einschalten wird. Die Streckenplanung am Computer nimmt deshalb oft mehrere Wochen in Anspruch.

Chile, Norwegen oder Australien: Christine Thürmer hat die schönsten Landschaften der Welt gesehen.

Chile, Norwegen oder Australien: Christine Thürmer hat die schönsten Landschaften der Welt gesehen.

Von Mexiko bis nach Kanada

Und doch ist es der Zufall, der die ehemalige erfolgreiche Geschäftsfrau zu diesem Lebensstil geführt hat. Schon als Managerin machte sie ausgiebige Wanderungen und campierte gerne. Im Yosemite-Nationalpark war sie fasziniert von Wanderern, die mit minimalem Gepäck auf dem Pacific Crest Trail (PCT) unterwegs waren. Diese Begegnungen gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Als ihr nach einer erfolgreich abgeschlossenen Unternehmenssanierung gekündigt wurde, dachte sie noch während des Entlassungsgesprächs: «Jetzt kann ich endlich länger wandern gehen.» Es war Dezember, der ideale Zeitpunkt, um mit Vorbereitungen für eine Wanderung auf dem PCT, der von Mexiko bis zur Grenze Kanadas führt, loszulegen.

Untrainiert, Übergewicht, X-Beine und Plattfüsse

Im April 2004 startet sie das 4200 Kilometer lange Abenteuer – «gänzlich untrainiert, mit Übergewicht, X-Beinen und Plattfüssen», wie sie lachend sagt. Sie schafft es, erlebt ungeahnte Glücksgefühle und hängt wenig später auch die beiden anderen bekannten Fernwanderwege durch die USA an; den 3500 Kilometer langen Appalachian Trail und den 5000 Kilometer langen Continental Devide Trail. «Ich hätte nie gedacht, dass mich das so packen wird.» Alleine auf diesen drei Trails hat sie so viele Höhenmeter gemacht, wie wenn sie 45 Mal den Mount Everest bestiegen hätte.

Es sei das Leben im Hier und Jetzt, das sie gepackt habe – alles sei wahnsinnig direkt und körperlich.

Christine Thürmer hat das Glück beim Wandern gefunden.

Christine Thürmer hat das Glück beim Wandern gefunden.

Ihre berufliche Karriere hängt sie 2007 endgültig an den Nagel – ihr sparsamer Lebensstil und die ehemals gutbezahlten Jobs geben ihr den finanziellen Spielraum dazu. Pro Monat benötigte sie nur etwa 1000 Euro für alle ihre Ausgaben. Es folgen viele Wanderungen in bis jetzt 37 Ländern dieser Welt – sie ist der einzige Mensch, der Europa von West nach Ost und Süd nach Nord zu Fuss durchquert hat.

Durchbeissen und Schwierigkeiten nicht ausweichen

Nach drei geschriebenen Büchern über ihr Leben und vielen Auftritten in TV-Talkrunden, Vorträgen und Lesungen, kann sie in Deutschland nicht mehr unerkannt einkaufen gehen. «Auf meiner Wanderung durch Deutschland in den letzten Wochen hätte ich jede Nacht bei Fans übernachten können und wurde in den Läden angesprochen.»

Es sind oft Frauen in ihrem Alter, die ihre Reisen, welche sie auch in den sozialen Medien dokumentiert, verfolgen. «Es tröstet sie, dass jemand so weit wandern kann, der nicht dem Idealbild der supersportlichen Frau entspricht», so Christine Thürmer. «Das Wandern hat auch mir geholfen, stolz auf meinen Körper zu sein – auch wenn er nicht perfekt ist.» Diese Body Positivity, den Körper lieben lernen, sei ihr wichtig. Das Glücksgefühl entstehe aber nur, wenn man sich durchbeisse und Schwierigkeiten nicht ausweiche. Es sei wichtig, sich beim Wandern Regeln zu setzen. «Ich definiere Start und Ziel, die Strecke dazwischen lege ich ausnahmslos zu Fuss zurück.» Sie würde nie den Zug nehmen oder Autostopp machen.

Auf ihren Reisen hat sie schon über 2000 Nächte im Zelt verbracht.

Auf ihren Reisen hat sie schon über 2000 Nächte im Zelt verbracht.

Das Übernachten in ihrem Zelt, irgendwo an einem versteckten Platz, ist für sie keine bedrohliche Situation. «Es ist für jede Frau gefährlicher, bei Nacht alleine in einer Stadt unterwegs zu sein.» Sie sei ganz bewusst alleine unterwegs. «Kompromisse eingehen mit einem Wanderpartner geht auf längere Zeit nicht.» Es gebe eigentlich nur drei Gelegenheiten, in denen sie jemanden an ihrer Seite vermisse: am Geburtstag, an Weihnachten und an Silvester.

Auf dem Etzelpass mit Bergschuhen

Der Outdoor-Bereich sei total männlich dominiert und man habe den Eindruck, nur in superteurer Ausrüstung dürfe man sich nach draussen wagen. «Ich kann nur still in mich hineinlachen, wenn ich auf dem harmlosen Etzelpass top ausgerüstete Wanderer sehe mit teuren, klobigen Bergschuhen.»

Jedes Gramm zählt: Das Basisgewicht ihres Rucksacks beträgt fünf Kilo.

Jedes Gramm zählt: Das Basisgewicht ihres Rucksacks beträgt fünf Kilo.

Sie selber ist schon seit Beginn an ultralight unterwegs. Das Basisgewicht ihres Rucksacks mit Zelt, Schlafmatte, Schlafsack und Gaskocher liegt bei fünf Kilogramm. Ersatzkleidung gibt es nur zum Schlafen, selbst bei der Zahnbürste wird der Stil abgeschnitten, um ein paar Gramm Gewicht zu sparen. Alle ihre Ausrüstungsgegenstände sind aufs Gramm genau gewogen, nummeriert und in einer Exceltabelle eingetragen.

Dank leichter Trailrunning-Schuhe («die Marke ist egal») und ihrem langsamen Tempo, habe sie keinerlei Gelenk- oder Rückenbeschwerden und nur etwa alle 5000 Kilometer mal eine Blase am Fuss. «Für meine durchschnittlich 30 Kilometer pro Tag brauche ich etwa 10 bis 12 Stunden. Ich dödle rum, mache viele Pausen und stelle mein Zelt erst bei Sonnenuntergang auf.»

In ihren langen Wanderjahren hat sich Christine Thürmer zur Expertin für alle Fragen rund ums Weitwandern entwickelt. Ihr neues Buch «Weite Wege wandern», das im Mai erschienen ist, ist denn auch eine Mischung aus Ratgeber und unterhaltsamsten Erlebnisberichten für alle, die vom Weitwandern fasziniert sind. Für dieses Buch steht sie bei ihren Lesungen auf der Bühne und kann dort ihr Talent als humorvolle, sprudelnde Rednerin nach den schweigsamen Monaten auf Wanderung ausleben.

30'000 Kilometer per Velo, 6'500 Kilometer per Kajak

Wenn Christine Thürmer im November in Sizilien angekommen sein wird, hat sie insgesamt 53‘000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt. Es gibt vermutlich keine zweite Frau, die gleich weit gewandert ist. Aber nicht nur zu Fuss ist Thürmer weitgereist, sie ist ausserdem 6500 Kilometer mit ihrem Faltkajak gepaddelt, unter anderem auf dem Mississippi, dem Yukon und durch die Flüsse Schwedens und ist 30‘000 Kilometer mit dem Velo gefahren. «Jeden Abend liege ich in meinem Zelt und bin so unendlich dankbar für mein Leben», sinniert die Weitgereiste in ihrem Sessel im Pilgerhotel von Einsiedeln.

Hat das Wandern für sie auch eine spirituelle Komponente? Als analytisch begabte Geschäftsfrau, weiss Thürmer auch darauf eine Antwort: «Ich brauche eine Resonanz für diese tiefe Dankbarkeit. Das hat mich zurück zum Glauben gebracht.» Sie sei katholisch aufgewachsen, dann aus der in ihren Augen frauenfeindlichen Kirche ausgetreten und habe jetzt dort aber wieder eine spirituelle Heimat gefunden. «Ich wusste in jungen Jahren nicht, was für ein Schatz an Weisheit in dieser Kirche verborgen ist.»

Zurück in die USA und nach Japan

Ein paar Wochen im kommenden Winter wird sie in Berlin verbringen, wo sie inzwischen nach langer obdachloser Zeit wieder eine Wohnung mietet. Ihre Pläne für das nächste Jahr sind bereits in ihrem Kopf. Obwohl sie auf den Fernwanderwegen in Europa mehr Abenteuer erlebt habe und die Kultur schätze, möchte sie in den USA den Grand Enchantement Trail und den Oregon Desert Trail machen, in den USA paddeln und Japan zu Fuss durchqueren. Falls es Corona zulässt. Auch in diesem Frühling habe sie ihre Pläne kurzfristig ändern müssen.

Obwohl sie noch so lange wie möglich weiterwandern will, macht sie sich auch über eine «Karriere» nach dem Wandern Gedanken. «Ich habe in den letzten Jahren drei mir nahe Menschen verloren. Die Besuche in den Hospizen haben mir aber vermutlich mehr gegeben als den Sterbenden.» Sie würde deshalb gern eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin machen. Denn auch mit diesem Thema möchte sie sich akribisch auseinandersetzen und nichts dem Zufall überlassen.

www.christinethuermer.de

© CH Media

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