Interview
«Über Social Media tragen Rechtsextreme ihre Ideologien in die Mitte der Gesellschaft»

Andre Wolf ist Faktenchecker bei der österreichischen Rechercheplattform Mimikama. In seinem Buch «Angriff auf die Demokratie» schreibt er über die Gefahren rechtsextremer Netzwerke, die das Internet unterwandern.

Sarah Serafini/watson.ch
Merken
Drucken
Teilen
Mit der Reichsflagge vor dem deutschen Bundestag in Berlin. Ein Foto einer Corona-Demo von vergangenem Sommer.

Mit der Reichsflagge vor dem deutschen Bundestag in Berlin. Ein Foto einer Corona-Demo von vergangenem Sommer.

Keystone


Herr Wolf, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass seit Beginn der Pandemie intensiver Fake News verbreitet werden und der Hass im Netz zugenommen hat. Warum?

Andre Wolf: Dieses Phänomen kann man immer dann beobachten, wenn etwas passiert, das viele Menschen betrifft und das Thema stark medial aufgegriffen wird. Im Fahrwasser der Berichterstattung tauchen dann viele Falschmeldungen auf. Das passierte schon 2015 bei der Flüchtlingskrise. Oder immer, wenn es islamistisch-motivierte Terroranschläge gibt. Bei Corona betrifft es uns alle und seit über einem Jahr wird ständig darüber berichtet. Entsprechend viele Falschmeldungen tauchen im Netz auf.

Können Sie das quantifizieren?

Bei Mimikama erhalten wir normalerweise 80 bis 100 Anfragen pro Tag für einen Faktencheck. Seit Beginn der Pandemie haben wir bis zu 500 Anfragen täglich. Wir beobachten, dass insbesondere bei wissenschaftlichen Themen, bei denen sich die meisten Menschen nicht gut auskennen, Spekulationen sehr gut Fuss fassen können.

Nicht nur die Menge von Falschmeldungen hat zugenommen. Sie beobachten auch eine Verschärfung im Ton, eine hasserfülltere Diskussion. Was denken Sie, sind die Gründe hierfür?

Eine solch unmittelbare und ständige Betroffenheit rund um den Globus gab es vorher noch nie. Die Massnahmen treffen uns alle und alle mischen irgendwo in Diskussionen mit. Das bietet viel Boden für Streit.

Streit muss nicht zwingend schlecht sein.

Grundsätzlich nicht. Dazu braucht es aber eine gute Streitkultur. Es gibt Menschen, die können ganz sachlich und mit einem konstruktiven Ergebnis streiten. Dann gibt es solche, die rein destruktiv streiten, mit dem Ziel die andere Meinung auszuschalten.

Zur Person

Andre Wolf

Andre Wolf

Sein Job ist es, durchs Internet zu wühlen und Falschmeldungen zu demaskieren, die auf Social Media verbreitet werden. Seit über sieben Jahren arbeitet Andre Wolf als Faktenchecker bei Mimikama in Wien. 2011 als Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch und ZDDK – «Zuerst denken – dann Klicken» gegründet, werden heute bei Mimikama Abofallen, Spam-Mails, Falschmeldungen oder schädliche Links entlarvt. Der 43-jährige studierte ursprünglich Theologie und arbeitet später als Verantwortlicher für Medien und Kommunikation in einem mittelständischen Betrieb. Sein Buch «Angriff auf die Demokratie – wie Rechtsextremisten die Sozialen Medien unterwandern» erschien Mitte März beim Verlag edition a.

Als Faktenchecker wissen Sie genau, wie Falschmeldungen funktionieren. Was richten sie in unseren Köpfen an?

Falschmeldungen spielen mit Bildern und Narrativen. Mit Hilfe einer vereinfachten Darstellung wird eine Geschichte übermittelt, die uns plausibel vorkommt. Bestimmte Reizworte erzeugen in unserem Kopf ein Bild. Hinzu kommt die Einbettung der Geschichte in einen bestimmten Kontext. Das zusammen macht eine gute Falschmeldung aus. Oft entstehen sie dann, wenn jemand eine Situation beobachtet und falsch interpretiert. Kennen Sie den Klassiker mit dem weissen Lieferwagen?

Erzählen Sie.

Es gibt eine beliebte Falschmeldung, die immer wieder auftaucht: Jemand habe beobachtet, wie ein weisser Lieferwagen mit rumänischem Kennzeichen vor einer Schule parkte. Kinder seien abgefangen und entführt worden. Die Polizei habe nichts gemacht.

Das Ding ist: Selbst wenn man weiss, dass diese Meldung Quatsch ist, bleibt doch etwas davon im Kopf hängen.

Und so wird aus einem parkenden Lieferwagen vor einer Schule eine akute Bedrohung. Irgendwo im Gehirn ploppt der Gedanke auf: «Oh, die könnten Kinder entführen.» Dadurch, dass die Geschichte immer wieder wiederholt wird und das Narrativ so stark verbreitet ist, wirkt sie plötzlich plausibel.

Eine Manipulation. Ist es das, was Fake News in unserem Gehirn anstellt?

Genau. Bei Falschmeldungen werden bestimmte Bilder geschaffen, um ein Unsicherheitsgefühl aufzubauen. So wird indirekt Kritik an einer herrschenden Regierung aufgebaut, weil diese offenbar nicht für unsere Sicherheit sorgen kann. Sehr häufig liest man in einer Falschmeldung den Satz «die Polizei konnte nichts machen». Das ist perfid. Die Polizei würde niemals sagen, dass sie nichts machen kann. Besonders wenn es darum geht, dass ein weisser Lieferwagen vor einer Schule steht und Kinder entführt werden.

Wie gefährlich sind Lügen, die im Internet verbreitet werden?

Es wird ein Gefühl der Machtlosigkeit erschaffen. Wir sollen denken, dass wir nicht alles mitbekommen, dass Dinge vertuscht werden. Wir sollen zweifeln. Falschmeldungen bezwecken, die Leute zu irritieren und vor den Kopf zu stossen. So dass sie am Schluss nicht mehr unterscheiden können, was richtig ist und was falsch.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie hinter der Verbreitung von Falschmeldungen Rechtsextreme stehen, die gezielt und mit Plan vorgehen. Wie kommen Sie darauf?

Das ist nicht neu. Seit einiger Zeit beobachten wir Netzwerke von Rechtsextremen, die im Netz gezielt die Stimmung anheizen. Vor den Wahlen in Deutschland bemerkten wir mehrere Facebook-Gruppen, die aussahen, als wären sie von privaten Personen gemacht worden und in denen teilweise krasse rechtsextreme Sachen gepostet wurden. Später fanden wir heraus, dass über 30 dieser Gruppen denselben Administrator hatten und dass sie teilweise mit einem Bot, also automatisiert betrieben wurden.

In Ihrem Buch schreiben Sie von einem beängstigenden Comeback der extremen Rechten, die ihre Botschaft über Social Media in die Mitte der Gesellschaft bringt. Wie konnte es so weit kommen?

Das ist schleichend passiert. Rechtsextreme Ideologien, wie die Umvolkung oder der Traditionsverlust, wurden über Jahre hinweg immer gestreut. Seit 2015 wird der angebliche Verlust unserer christlichen Kultur beklagt. Rechte warnen davor, dass es bald nicht mehr Weihnachten, sondern «Jahresendfeier» heisse. Mit solchen polemischen – und natürlich unsinnigen – Beispielen werden radikale Ideologien in die Mitte der Bevölkerung getragen. Vor zehn Jahren hatte noch niemand Angst davor, dass wir durch Menschen aus dem Ausland unsere Traditionen verlieren würden. Heute fürchten sich davor viele. Sie fühlen sich unsicher und zweifeln an der Integrität der Regierungen.

Warum gelingt es ausgerechnet den Rechten mit Fake News Kapital aus der Pandemie zu schlagen? Warum schaffen es nicht demokratische Kräfte, den Diskurs mit Sachlichkeit und Aufklärung zu prägen?

Diese Frage stelle ich mir auch oft. Wieso schaffen es demokratische Parteien in Europa nicht, das Momentum zu nutzen? Das könnte daran liegen, dass die Strategien der extremen Rechte sehr destruktiv sind. Sie bringen keine Lösungen, sondern zielen auf Minderheiten ab. Diese Methode ist effizient, um Stimmung zu machen.

Sie beschreiben, wie Urheber von Falschmeldungen diese ganz bewusst erfinden. Wie muss man sich das vorstellen? Sitzt da jemand und überlegt sich: Welchen Bären könnte ich den Leuten heute aufbinden?

Ich glaube nicht, dass da jemand mit gespitzter Feder dasitzt und sich Lügen aus den Fingern saugt. Fake News entstehen vielmehr so, dass Gerüchte, die plausibel klingen, aufgegriffen und multipliziert werden. Willentlich und obwohl man weiss, dass sie falsch sind. Letzten Herbst behauptete ein bekannter deutscher Arzt, Kinder seien erstickt, weil sie eine Maske getragen hätten. Als Arzt muss er wissen, dass das Blödsinn ist. Und doch hat er dieses Gerücht weitererzählt. Dahinter steht politisches Kalkül. Wir haben auch mehrfach beobachten können, wie sogenannte alternative Medien reagieren, wenn man ihnen ein Gerücht zuspielt. Es hat sich gezeigt, dass sie diese Meldungen eins zu eins übernehmen, ohne diese gegenzuchecken.

Wer klickt Falschmeldungen am häufigsten an?

Das ist sehr unterschiedlich. Fühle ich mich von einer Meldung betroffen, klicke ich sie an und bin eher geneigt, das zu glauben, was drin steht. Das kann uns allen passieren. Es gibt aber eine Auffälligkeit: Männer ab 35 Jahren aufwärts tendieren dazu, anfälliger zu sein, dieser Art von dramatischen Schlagzeilen aufzusitzen. Natürlich gilt das nicht pauschal. Doch es scheint, dass bei dieser Gruppe die Bereitschaft höher ist, solchen Meldungen zu glauben.

Was denken Sie, warum?

Weil unsere Generation – und da schliesse ich mich mit ein – es nicht gewohnt ist, dass plötzlich überall Falschmeldungen auftauchen. Früher konnten wir davon ausgehen, dass eine Meldung vor ihrer Publikation geprüft wurde. Heute müssen wir diese Aufgabe selbst übernehmen und fähig sein, uns bei einer Meldung zu fragen, ob diese wirklich stimmt. Eine Rolle spielt auch der eigene Stolz. Niemand gibt gerne zu, einer Falschmeldung aufgesessen zu sein. Lieber wird das eigene Verhalten bis zum Schluss verbissen verteidigt. Man will schliesslich nicht als Depp dastehen. Das hat vor allem auch mit einer positiven Fehlerkultur zu tun. Man muss fähig sein, sich selbst zu revidieren und Fehler zuzugeben. Viele Menschen und vielleicht insbesondere Männer ab 35 Jahren scheinen damit mehr Mühe zu haben.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie eine alte Freundin von Ihnen den Ehemann an Verschwörungsfantasien und rechtsextremes Gedankengut verloren hatte. Was machte das mit ihr?

Das ist eine traurige Geschichte. Ich hatte sie schon länger nicht mehr gesehen und begegnete ihr zufälligerweise. Sie erzählte mir, sie habe sich von ihm getrennt. Er habe seinen Job verloren und sei komplett im Internet abgetaucht. Es wurde so extrem, dass sie sich habe trennen müssen. Eine ähnliche Geschichte wurde mir von einem Mann zugetragen, der berichtete, seine Frau sei in Verschwörungsfantasien abgerutscht und ziehe nun auch den Sohn hinein. Er habe einen Zettel an seine Zimmertür geklebt mit der Innschrift: «Zutritt für Regierungsbeauftragte verboten.»

Was haben Sie geraten?

Sich Hilfe zu holen. Bei einer Sektenbeauftragten oder einem Psychologen. Falschmeldungen bringen ein hohes Konfliktpotenzial mit sich. In Familien oder in einer Partnerschaft kann eine extreme Spannung entstehen. Ab einem bestimmten Punkt ist eine vernünftige Diskussion nicht mehr möglich. Alleine kommt man dagegen nicht mehr an.

Sie sehen unsere demokratische, pluralistische Gesellschaft in Gefahr. Verleihen Sie da den Internet-Lügnern nicht etwas mehr Gewicht, als diese tatsächlich verdienen?

Vielmehr denke ich, dass ihnen in den letzten Jahren zu wenig Gewicht gegeben wurde. Eine Dozentin der Universität Krems sagte mir kürzlich, 20 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher glaubten an Verschwörungslegenden. Jedes Wochenende gibt es Anti-Corona-Demonstrationen, deren Anhänger sich zunehmend radikalisieren. Sie werden aggressiver und es gibt kaum mehr ein Durchdringen zu ihnen. Wohin Lügen im Netz und deren dauernde Befeuerung führen können, haben wir in den USA beim Sturm auf das Capitol beobachten können.

Was ist der Ausweg?

Ich denke, dass sobald die konstante Betroffenheitslage mit dem Verschwinden der Pandemie abnimmt, auch der aggressive Diskurs verpufft. Ich hoffe auf die Sommermonate mit gutem Wetter und auf eine hohen Durchimpfungsrate. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass es auf Social Media mehr demokratische Instanzen braucht. Es braucht Informations- und Beratungsstellen, überparteiliche Instrumente zum Schutz der Demokratie.