Dürrenmatts Bücher kann man erwandern – eine literarische Reise durch die Schweiz

Inspirierende Orte
Dürrenmatts Bücher kann man erwandern – eine literarische Reise durch die Schweiz

Severin Bigler

Friedrich Dürrenmatt lässt sich nicht nur lesen, sondern auch erwandern. Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers folgten wir seinen Spuren in der Schweiz und trafen auf Namen und Orte aus seinen Büchern.

Silvia Schaub (Text) und Severin Bigler (Fotos)
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Es ist ein kurzer Tunnel, eigentlich bloss eine Unterführung, die unter den Bahngleisen von Konolfingen hindurchführt. Aber dem kleinen Jungen muss der Tunnel elend lang vorgekommen sein. Und wohl so unheimlich, dass er viele Jahre später Inspiration war für die berühmte Erzählung «Der Tunnel» von Friedrich Dürrenmatt.

Friedrich DürrenmattSchweizer Schriftsteller und Maler

Friedrich Dürrenmatt
Schweizer Schriftsteller und Maler

Key

«Er war diese Strecke schon manchmal gefahren, fast jeden Samstag und Sonntag seit einem Jahr und hatte den Tunnel eigentlich gar nie beachtet, sondern immer nur geahnt. Zwar hatte er ihm einige Male die volle Aufmerksamkeit schenken wollen, doch hatte er, wenn er kam, jedes Mal an etwas anderes gedacht, so dass er das kurze Eintauchen in die Finsternis nicht bemerkte, denn der Tunnel war eben gerade vorbei, wenn er, entschlossen, ihn zu beachten, aufschaute, so schnell durchfuhr ihn der Zug, und so kurz war der kleine Tunnel.»
Aus: Der Tunnel

In der Kurzgeschichte wundert sich ein 24-Jähriger, dass der Tunnel nicht endet, und es stellt sich heraus, dass der Zug dem Abgrund zurast.

Hier stehen wir mit Werner Weber, dem Co-Leiter des Dorfmuseums, am Emmental Literaturweg, der 2008 in Konolfingen eröffnet und zum Jubiläumsjahr neu aufbereitet wurde. Der Themenweg mit 15 Tafeln wird uns an weitere Stationen aus der Kindheit des Schriftstellers führen. Dazu ist ein Dorfparcours mit 52 Tafeln gekommen, der auf dem Dorfplan Dürrenmatts basiert.

Werner WeberCo-Leiter des Dorfmuseums «Alter Bären» in Konolfingen

Werner Weber
Co-Leiter des Dorfmuseums «Alter Bären» in Konolfingen

Severin Bigler

Konolfingen wird bestimmt nie zu den schönsten Schweizer Gemeinden zählen. Friedrich Dürrenmatt bezeichnete sie sogar als hässlich. Wer allerdings ins Universum des Schriftstellers eintauchen will, kommt nicht um diesen Ort am Tor zum Emmental herum. Zur Beruhigung: Schlimm ist es nicht, auch wenn bei unserem Besuch eine eisige Bise wehte. Konolfingen liegt einge­bettet in sanfte Hügel, die von dunklen Tannenwäldern umgeben sind. Die Gemeinde ist stark gewachsen und ein wichtiges Zentrum der ­Region – nicht zuletzt dank der An­siedlung von Nestlé (früher Berner Alpenmilch-Gesellschaft).

Dürrenmatt bezeichnete seine Heimatgemeinde Konolfingen einst als hässlich. Doch eingebettet in die Hügel liegt sie idyllisch am 7. April 2021.

Dürrenmatt bezeichnete seine Heimatgemeinde Konolfingen einst als hässlich. Doch eingebettet in die Hügel liegt sie idyllisch am 7. April 2021.

Severin Bigler

Wie prägend Ko­nolfingen für Dürrenmatts spätere Litera­tur war, stellt man fest, wenn man seinen Dorfplan genauer anschaut. Ab dem Jahr 1960 zeichnete er Skizzen mit allen für ihn wichtigen Figuren des Dorfes. Und ­siehe da! Er hatte in seinen Werken aus dem Vollen geschöpft, hemmungslos Namen von Dorfbewohnern und Örtlichkeiten in seine Geschichten einge­baut – wenn auch leicht ver­fremdet. Literarische Motive wie die griechischen Sagen, die er von ­seinem Vater auf den «Nachtgängen» erzählt bekam, tauchen ebenso auf wie der Friedhof, die Irrenanstalt oder das Labyrinth. Letzteres ist auch der ­Titel einer Sammlung von autobiografischen und philosophischen Essays von Dürrenmatt:

«Die Welt ist grösser als das Dorf: über den Wäldern stehen die Sterne. Ich machte mit ihnen früh Bekanntschaft durch den Lehrer Fluri... Ich zeichnete die Konstellationen: den unbeweglichen Polarstern, den Kleinen und den Grossen Bären mit dem geringelten Drachen zwischen ihnen, ich lernte die helle Wega kennen, den funkelnden Atair, den nahen Sirius, den fernen Daneb, die Riesensonne Aldebaran, die noch gewaltigeren Beteigeuze und Antares.
Aus: Labyrinth, Stoffe I-III

Unseren nächsten Halt machen wir beim Pfarrhaus neben der Kirche mit dem Dürrenmatt-Fenster, wo seine Familie wohnte und heute eine schlichte Tafel daran erinnert.

Das Pfarrhaus Konolfingen war von 1921 - 1935 Friedrich Dürrenmatts Elternhaus.

Das Pfarrhaus Konolfingen war von 1921 - 1935 Friedrich Dürrenmatts Elternhaus.

Severin Bigler

«Gleich daneben liegt die ehemalige Bankfiliale», erzählt der pensionierte Lehrer Weber und weist auf eine alte Villa. Der ehemalige Direktor Ernst Lory sei das Vorbild für die Hauptfigur in «Frank V», einer musikalischen Komödie, gewesen.

Gegenüber der Villa landen wir mitten in «Die Panne», der Kurzgeschichte um den Textilhändler Traps, der einst hier wohnte. Traps muss in Dürrenmatts Erzählung aufgrund einer Autopanne seine Heimreise unterbrechen und gerät in eine Gesellschaft, bei der die Frage nach Gerechtigkeit und Schuld ein zentrales Thema ist.

«Alfredo Traps, um den Namen zu nennen, in der Textilbranche beschäftigt, fünfundvierzig, noch lange nicht korpulent, angenehme Erscheinung, mit genügenden Manieren, wenn auch eine gewisse Dressur verratend, indem Primitives, Hausiererhaftes durchschimmert – dieser Zeitgenosse hatte sich eben noch mit seinem Studebaker über eine der grossen Strassen des Landes bewegt, konnte schon hoffen, in einer Stunde seinen Wohnort, eine grössere Stadt, zu erreichen, als der Wagen streikte.»
Aus: Die Panne

Die Dürrenmatt-Geschichten ziehen einen noch immer in Bann. Es fällt uns auch auf, dass auf dem Plan «Alte Dame», darunter angefügt «Hediger-Stumpen», figuriert. Bevor wir die sogenannte Himmelsleiter (Buchwaldtreppe) hochsteigen, um zu dem Ort zu kommen, nehmen wir zuerst eine Schlaufe entlang der Bahnlinie zu den nächsten Stationen am Schulhaus und dem Schloss Hünigen.

Die sogenannte Himmelsleiter (Buchwaldtreppe) in Konolfingen.

Die sogenannte Himmelsleiter (Buchwaldtreppe) in Konolfingen.

Severin Bigler

Die Treppe ist lang und steil. An ­diesem Weg liegt ein Chalet, das zwischen den modernen Terrassenhäusern wie ein Fremdkörper wirkt. Hier habe die alte Dame gelebt, die als Vorlage für die kettenrauchende Millionärin Claire Zachanassian aus seinem berühmtesten Stück «Der Besuch der alten Dame» diente, weiss Werner Weber zu berichten.

In diesem Chalet lebte die alte Dame, die Dürrenmatt die Vorlage für «Der Besuch der alten Dame» war.

In diesem Chalet lebte die alte Dame, die Dürrenmatt die Vorlage für «Der Besuch der alten Dame» war.

Severin Bigler

Ohnehin sei das Dorf Güllen im Stück eindeutig hier angesiedelt. Aber:

«Das hat natürlich nicht allen gepasst.»

Viele hätten vor 30, 40 Jahren über Dürrenmatt die Nase gerümpft und ihn als Nestbeschmutzer betitelt. Schliesslich rächt sich Claire Zachanassian in der tragischen Komödie an ihrem Liebhaber, in dem sie eine Milliarde für dessen Tod bietet.

Claire Zachanassian: «Ich bin doch in Güllen, Moby. Ich erkenne das traurige Nest. Dort drüben der Wald von Konradsweiler mit dem Bach, wo du fischen kannst, Forellen und Hechte, und rechts das Dach der Peterschen Scheune.»
Aus: Der Besuch der alten Dame

Es ist spannend Webers Ausführungen zu lauschen, wenn er auch zugibt, kein besonderer Fan von Dürrenmatt zu sein, «aber er war zweifellos eine sehr faszinierende Person».

Friedrich Dürrenmatt wird derzeit quer durch die Schweiz gehuldigt – mitsamt einer Sonderbriefmarke und einem edlen Bordeaux «Edition Dürrenmatt» von Selection Schwander. Neben Konolfingen war auch die Gegend am Bielersee wichtig für Dürrenmatt. 1948 übersiedelte er mit seiner Frau und den Kindern in die Gemeinde Ligerz, wo sie zunächst im Haus der Schwiegermutter im Ortsteil Schernelz, ab 1949 im Weiler Festi wohnten.

Hier entstand 1950 der Kriminalroman «Der Richter und sein Henker» eindeutig mit Bezug auf Lokalitäten im nahen Lamboing. Dort kann man im Rahmen einer Krimiwanderung durch die Landschaft rund um die Twannbachschlucht selber als Kommissar in diesem Mordfall ermitteln.

«Er begreife nicht, wunderte sich Bärlach, warum die Polizei von Lamboing, Diesse und Lignières nicht auf diesen Gastmann gekommen sei, sein Haus läge doch im offenen Feld, von Lamboing aus leicht zu überblicken, und eine Gesellschaft sei hier in keiner Weise zu verheimlichen, ja geradezu auffallend, besonders in einem so kleinen Jura-Nest.»
Aus: Der Richter und sein Henker

Zwischen Ligerz und Prêles entsteht gerade ein neuer Dürrenmattweg, der im Sommer fertiggestellt sein dürfte. Der fünf Kilometer lange, einfach zugängliche Weg mit 13 interaktiven Posten führt vom Bielersee hinauf zur Künstlerkolonie Festi und weiter durch die Weinberge nach Prêles. Maskottchen dieser Tour ist Lulu, der Kakadu, den Dürrenmatt tatsächlich als Haustier besass.

Dieser zog mit den Dürrenmatts 1952 auch nach Neuchâtel, wo sie oberhalb der Stadt ihren Wohnsitz bezogen. Gleich neben dem Jardin botanique befindet sich heute das Centre Dürrenmatt, das in diesem Jahr mit besonderen Aktivitäten aufwartet.

Inzwischen sind wir im Dorfmuseum im alten Bären in Konolfingen angekommen. Sorgfältig hat das Team um Werner Weber die Geschichte der damaligen Zeit zusammengestellt. Ein bisschen stolz ist man schon auf den einstigen Bürger. Und Dürrenmatt selber schreibt in seinen autobiografischen Stoffen: «Ich bin kein Dorfschriftsteller, aber das Dorf brachte mich hervor.»

Auf Dürrenmatts Spuren

Der neue Parcours durch Konolfingen basiert auf diesem alten Plan von Dürrenmatt. Der Rundgang durchs Dorf beinhaltet alte Bilder, die man per QR-Code auf dem Smartphone anschauen kann.

Der neue Parcours durch Konolfingen basiert auf diesem alten Plan von Dürrenmatt. Der Rundgang durchs Dorf beinhaltet alte Bilder, die man per QR-Code auf dem Smartphone anschauen kann.

Severin Bigler

Konolfingen, Emmental
Literaturweg mit 15 zweisprachigen Tafeln zu den wichtigsten Punkten von Dürrenmatts Jugend sowie dem Dorfparcours mit 52 Tafeln aufgrund seiner Skizzen. Beide Wege zeigen mit QR-Codes weitere Infos über das Leben von Dürrenmatt. Sonderausstellung «Konolfingen zur Zeit Dürrenmatts» im Dorfmuseum Verein alter Bären (1. und 3. Sonntag monatlich 14–17 Uhr), www.museum-alter-baeren.ch

Dorfmuseum Alter Bären in Konolfingen

Dorfmuseum Alter Bären in Konolfingen

Severin Bigler

Ligerz
Themenweg «Auf den Spuren von Friedrich Dürrenmatt», Eröffnung Sommer 2021, https://www.j3l.ch/de/Z13054/themenweg-auf-den-spuren-von-friedrich-duerrenmatt

Magglingen-Twann
Geführte ­Krimiwanderung, nur mit Vorreservation, https://www.j3l.ch/de/P43721/krimiwanderung

Neuchâtel
Centre Dürrenmatt, www.cdn.ch

Bern
Szenischer Stadtrundgang über Leben und Werk des berühmten Einwohners, geplant ab Anfang Mai, www.stattland.ch; in der Dürrenmatt-Mansarde an der Laubeggstrasse 49 finden Führungen statt, und man kann übernachten. www.nb.admin.ch

Alle Veranstaltungen zum Dürrenmatt-Jahr unter www.duerrenmatt21.ch

Literatur
Friedrich Dürrenmatt und das Dorf seiner Kindheit, Verein alter Bären, im Museum zu beziehen.

Friedrich Dürrenmatt – eine Biographie, Ulrich Weber, Diogenes-Verlag. (ssc)