Internet
Im Netz verbunden oder darin gefangen?

Über die dunklen Seiten der Internet-Ökonomie und ihre Folgen für eine freie Gesellschaft.

Christoph Bopp
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Das Internet ist für uns zu etwas Selbstverständlichem und Alltäglichem geworden. Dabei geht schnell vergessen, wie sehr diese Erfindung unsere Gesellschaft verändert hat.

Das Internet ist für uns zu etwas Selbstverständlichem und Alltäglichem geworden. Dabei geht schnell vergessen, wie sehr diese Erfindung unsere Gesellschaft verändert hat.

Reuters

«Das Internet ist nicht die Antwort» – irgendwie dreht sich in diesem Buch von Andrew Keen ziemlich viel um 1989. Es war das Jahr, als die Berliner Mauer fiel, aber auch das Jahr, in dem Tim Berners-Lee in Genf das Internet installierte. Im ersten Blick zurück erschien 1989 als das Wendejahr schlechthin. Francis Fukuyama kam es vor wie das «Ende der Geschichte». Die Konkurrenz der Systeme war an ein Ende gekommen und die liberale Demokratie hatte das bessere Ende. Andere sagten, der Kapitalismus hätte über den Kommunismus gesiegt. Aber die täuschten sich womöglich noch mehr als der arme Fukuyama, der Hohn und Spott über sich ergehen lassen musste, als das Demokratie-Konzept doch nicht überall erfolgreich war.

Die Idee vom «turning point» hat insofern etwas für sich, als man eine gewisse Vorstellung davon haben will, wann es war, als alles in eine andere Richtung ging. Und dass 1989 – mit der Berliner Mauer und mit dem Internet – gut für so etwas geeignet ist, leuchtet ein. Aber man darf sich dadurch nicht den Blick verstellen lassen. Es geht ja nicht um einen 180-Grad-Turn. Sondern neue und andere Kräfte haben begonnen die Bewegung zu lenken. Sie wirken noch jetzt, aber sie waren auch schon am Werk, bevor 1989 kam.

Die Frage, die das Buch nicht beantwortet, ist die, ob Internet und der Fall der Ostblockregimes etwas miteinander zu tun haben. Und es ist sicher mehr als eine Ironie der Geschichte, dass sich Erich Mielke, der Chef der Stasi, vor 1989 mit ganz ähnlichen Gedanken befasst hat wie die Theoretiker der allumfassenden Information auf der anderen Seite der Mauer. Mielke träumte, in seinen Computern schlicht alles zu speichern, natürlich geordnet, was seine Bürger tun und lassen, was sie begehren und zu vermeiden suchen – und auch seine Maxime war ganz ähnlich: Er träumte davon, seine Bürger besser zu kennen als die sich selbst. Mit anderen Worten: Google, Amazon und Facebook -0.0.

Der Fall des Hoffnungsträgers

Was 1989 natürlich in sich vereint, ist der schlichte Umstand, dass Hoffnungen, die man gehegt hatte, sich erfüllt hatten – oder eben in weit grösserem Umfang: sich gerade nicht erfüllt, sondern fast in ihr Gegenteil verkehrt hatten. So musste man sich im Fall der liberalen Demokratie von der Auffassung lösen, dass sie selbsterklärend und quasi selbstüberzeugend war. Wahlen abhalten und – zack! – die Demokratie ist da. Das funktionierte nirgends und es hat weniger damit zu tun, dass politische Freiheit nicht ein attraktiver Wert wäre, sondern eher damit, dass Institutionen, die funktionieren, viel wichtiger sind für die Demokratie als der Durst des Volkes nach Freiheit.

Der Fall des Internets liegt leicht anders. Die ursprüngliche Idee, die hinter dem Projekt stand, Computer miteinander zu verbinden, war Teilhabe an der wissenschaftlichen Forschung, Diskussion zu ermöglichen über Raum und Zeit hinweg. Natürlich galt dies nicht nur für Wissenschafter, sondern für alle Bürger. Partizipation an der Öffentlichkeit, unbeschränkt, jederzeit und überall.

Das Internet ist mehr als ein Medium. Vor den Medien haben besorgte Denker immer gewarnt. Platon/Sokrates warnten vor der Schriftlichkeit, Warner vor den Zeitungen gab es zu Hauf, bei Radio und noch mehr beim Fernsehen wurde befürchtet, dass es durch seichte Unterhaltung das Volk verblöden würde – das hat sich nie in dem Mass eingestellt, wie die Schwarzseher prophezeit hatten. Das Internet aber hat nicht die Kultur verändert, sondern auch den Kapitalismus.

Keen schreibt das so – und er hat bei aller Grobschlächtigkeit der Formulierung recht. Das Transportschiff machte viele reich, die Eisenbahn machte viele reich, das Internet macht auch viele reich, aber gleichzeitig andere arm. Und anders als die Umwälzungen in der Produktion, welche die Maschinenstürmerei herbeiführte, schafft es nicht neue Verhältnisse, welche auch denen, die unmittelbar betroffen waren, neue Chancen bot, sondern nie gekannte Ungleichheit.

Keen schreibt mit nachvollziehbarer Wehmut über Kalifornien und besonders San Francisco, das verlottert. Er vergleicht es mit Rochester, nach dem Untergang von Kodak eine ökonomische Wüste. Er könnte auch von Detroit reden, dem sozialen Sanierungsfall par excellence.

Klicks anstatt Produkte

Die Internet-Ökonomie ist eine des The-Winner-takes-it-all. Es gibt nur ein Google und nur ein Amazon. Es gibt auch neuartige Profitmöglichkeiten: Instagram und Facebook. Und es hat dazu geführt, dass sich die Kunden oder User unfreiwillig beteiligen. Im Internet gibts alles gratis. Aber die User zahlen mit Daten, mit denen sich anderweitig die Dominanz der neuen Herrscher ausweiten und fortsetzen lässt. Geld verdienen mit Klicks, nicht mehr mit neuen Produkten. Und diese Klicks summieren sich auch zu Kontrollmöglichkeiten, von denen die Werbeabteilungen der herkömmlichen Konzerne nicht zu träumen wagten.

Keen liefert eher eine Diagnose. Er zitiert viele Gurus mit ihren träfsten Formulierungen. Er wettert gegen die Milliardäre des Silicon Valley, die keinen Gedanken daran verschwenden müssen, dass es auf der anderen Seite noch Kaufkraft geben muss, damit das Geschäft funktioniert. Klicken tut jeder. Kodak hatte 43 000 Angestellte, Instagram noch 43. Die Internet-Milliardäre schaffen keine Jobs, aber sie generieren Profit.

Das ist nicht nachhaltig. «Was für eine Gesellschaft schaffen wir hier eigentlich?» zitiert Keen Jeff Jarvis. Die Forderung nach einem neuen Gesellschaftsvertrag klingt bekannt. «Silicon Valley hat den Gedanken der Zusammenarbeit und des Gesprächs zum Fetisch erhoben», und die wirkliche Zusammenarbeit und das wirkliche Gespräch irgendwohin abgedrängt.

«Einfach abschalten» hat William Powers gefordert. Ist es ein Klang nach Rousseau, den man da zu hören glaubt? Andererseits kommen uns die Beschreibungen, wie miserabel die Arbeitsbedingungen in Amazons Auslieferungsstätten sind, auch bekannt vor. Das Internet ist nicht die Antwort, wenigstens nicht die auf die Frage nach einer wünschbaren Zukunft. So viel wenigstens ist klar.

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