ÜBERHITZT
Im Klimawandel geschrumpft: Vögel im Amazonas werden wegen der Hitze immer kleiner

Wenn es heiss wird, versuchen Tiere den Effekt mit der Körpergrösse im Verhältnis zur Oberfläche zu kompensieren. Oder mit besonders grossen Ohren zur Wärmeregulation. Als letzte Überlebensstrategie vor dem Aussterben.

Roland Knauer
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Die Goldkappen-Spatelschnabeltyrannen im Amazonas-Regenwald werden immer kleiner.

Die Goldkappen-Spatelschnabeltyrannen im Amazonas-Regenwald werden immer kleiner.

Cameron Rutt

Selbst dort, wo der Amazonas-Urwald nicht gerodet wird, beeinflusst die Menschheit inzwischen die Natur. Der Klimawandel treibt die Temperaturen in die Höhe: In der Regenzeit sind die Temperaturen in dieser Region seit 1966 um ein Grad Celsius gestiegen, in der Trockenzeit sind die Temperaturen ­sogar um 1,6 Grad.

Das wirkt sich auf die Vögel aus: Seit 1979 werden in einem grossen Gebiet 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas regelmässig Vögel gefangen. Nach dem Messen von Körperdaten wie Gewicht und Flügelspannweite werden die Tiere wieder im Regenwald freigelassen. Vitek Jirinec und sein Team von der Louisiana State University in Nordamerika haben nun die Körpermasse von über 14800 und die Flügellänge von fast 11600 Vögeln aus den gesammelten Daten unter die Lupe genommen. Sie fanden bei allen untersuchten 77 Arten eine Abnahme des Körpergewichts um bis zu 1,8 Prozent pro Jahrzehnt. Und bei 61 Arten vergrösserte sich auch die Länge der Flügel. Zusammen ermöglichen beide Eigenschaften einen Energiesparflug, der den Körper auch weniger erhitzt.

Weissscheitelpipras bringen im zunehmend heisseren des Amazonas-Regenwaldes weniger Gewicht auf die Waage.

Weissscheitelpipras bringen im zunehmend heisseren des Amazonas-Regenwaldes weniger Gewicht auf die Waage.

Cameron Rutt

Je heisser, desto kleiner – wegen der Oberfläche

Der Mechanismus ist bekannt: Zum Beispiel sind in kühleren Gefilden bei Arten wie den Braunbären die Individuen deutlich grösser als ihre Artgenossen in wärmeren Regionen.

Der physikalische Zusammenhang: Verdoppelt sich die Länge eines Körpers, vervierfacht sich seine Oberfläche, während sein Volumen oder Gewicht sich verachtfacht. Da gleichwarme Tiere wie Vögel und Säugetiere mit jedem Gramm Körpermasse mehr Wärme produzieren, die über seine Oberfläche wieder verloren geht, haben die Riesen in der Kälte einen Vorteil: Bei doppelter Länge produzieren sie achtmal mehr Energie, verlieren aber nur die vierfache Wärmemenge.

Zwerge haben dagegen in tropischen Regionen einen Vorteil: Dort droht der Körper bei hohen Aussentemperaturen zu überhitzen und muss Energie abgeben. Das gelingt mit einer verhältnismässig grossen Oberfläche. Oder aber über bestimmte vergrösserte Körperteile, über welche die Tiere zusätzlich Wärme abgeben: Deshalb haben Afri­kanische Elefanten oder auch Wüstenfüchse sehr grosse Ohren. Tatsächlich lassen steigende Temperaturen die Grösse einiger Körperteile wachsen, legte eine Studie im September 2021 in «Trends in Evolution and Ecology» nahe: Mit dem Klimawandel werden die Ohren von Waldmäusen ein wenig grösser. Und einige Papageien-Arten in Australien haben seit 1871 ihre gut durchbluteten Schnäbel um vier bis zehn Prozent vergrössert und können so mehr Wärme abführen.

Verzwergung ist eine Frühwarnglocke

Eine Verzwergung kennt der Paläontologe Wolfgang Kiessling von der Friedrich-Alexander-Universität im deutschen Erlangen aus der Vergangenheit: Vor 252 Millionen Jahren schützten sich die Ammoniten im Meer mit einer Kalkschale vor Feinden. Im Durchschnitt war der Panzer 15 Zentimeter gross. Dann begannen im heutigen Sibirien Lavamassen aus der Erde zu strömen, die riesige Mengen Kohlendioxid ausgasten. Zusammen mit weiteren Effekten stiegen die Temperaturen in einer Million Jahre um rund 15 Grad Celsius. Die Evolution beantwortete dies mit der Verzwergung: Die Ammoniten waren am Ende im Durchschnitt nur noch drei Zentimeter gross. Überträgt man den Liliput-Effekt auf einen 175 Zentimeter grossen Menschen, würde er auf die Grösse eines Kätzchens schrumpfen. Kurz danach verschwand im grössten bisher bekannten Artensterben die vorher riesige Vielfalt der Ammoniten fast völlig.

Verringert sich die Körpergrösse, ist das ein frühes Warnzeichen für dramatische Ereignisse, schliessen Wolfgang Kiessling und sein Team. Nun beginnen wieder die Arten zu schrumpfen und die Frühwarnglocken zu läuten.

Auch die Grauameisenschlüpfer sind von der Verzwergung betroffen.

Auch die Grauameisenschlüpfer sind von der Verzwergung betroffen.

Cameron Rutt

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