Identitätssuche
Illegale Adoptionen: Keller-Sutter gesteht Fehler ein und verspricht Hilfe

In den Achtzigern hatten die Behörden nichts gegen illegale Adoptionen aus Sri Lanka unternommen. Nun will der Bundesrat den Betroffenen die Herkunftssuche erleichtern.

Niklaus Salzmann
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Die Angaben in diesem Pass widersprechen denjenigen der Adoptionsurkunde, wie CH Media in einem früheren Artikel aufzeigte.

Die Angaben in diesem Pass widersprechen denjenigen der Adoptionsurkunde, wie CH Media in einem früheren Artikel aufzeigte.

Sandra Ardizzone

Jetzt ist es offiziell: Die Schweizer Behörden haben Fehler gemacht. Sie wussten, dass insbesondere in den Achtzigern bei den Adoptionen aus Sri Lanka nicht alles mit rechten Dingen zuging. So wurden Frauen wurden gezielt geschwängert oder über die Adoptionsabsicht getäuscht. Andere wurden bezahlt, um sich als leibliche Mutter auszugeben und der Adoption zuzustimmen.

Die hiesigen Behörden seien früh über derartige Missstände informiert gewesen, aber jede habe sich hinter der eigenen Zuständigkeit versteckt, sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter am Montag an einer Medienkonferenz. Der Bundesrat anerkenne, dass durch die Versäumnisse und Verfehlungen Leiden verursacht wurde. «Dafür sprechen wir den Betroffenen im Namen des Bundesrats ausdrücklich unser Bedauern aus», sagte die Justizministerin.

Ein Meilenstein für Betroffene

Sarah Andres

Sarah Andres

zVg

Eine dieser Betroffenen ist Sarah Andres. Sie wurde in den Achtzigern vermutlich illegal adoptiert. Als Vorstandsmitglied des Vereins «Back To The Roots» unterstützt sie adoptierte Menschen aus Sri Lanka bei ihrer Herkunftssuche. Sie sagt:

Für uns ist mit dieser öffentlichen Anerkennung der Verfehlungen durch die Behörden ein Meilenstein erreicht.

Sie begrüsse die Massnahmen, die damit verbunden sind. Eine Arbeitsgruppe prüft nun, wie die Betroffenen bei ihrer Herkunftssuche stärker unterstützt werden können. Darin ist neben Bund und Kantonen auch der Verein «Back To The Roots» vertreten.

Vergangene Woche hat sich auch Karin Keller-Sutter persönlich mit zwei Mitgliedern des Vereins getroffen, wie ihr Departement auf Twitter bekanntgab.

In ihrer Ansprache gegenüber den Medien nahm die Bundesrätin Bezug auf dieses Gespräch und zeigte Verständnis für die Anliegen der Betroffenen. Sie sagte, die Suche nach der leiblichen Mutter liefere meist nur dann Ergebnisse, wenn die Betroffenen für Abklärungen ins Herkunftsland reisen. Über finanzielle Unterstützung für eine solche Reise könne geredet werden.

«Unverzeihliche Fehler»

Doch auch in der Schweiz gibt es noch einiges zu optimieren. Je nach Kanton sind die Akten zur Adoption einer Person auf Archive verschiedener Behörden verteilt. Auch die Kosten für Auskünfte variieren. Sarah Andres sagt:

Wir brauchen unbürokratische Hilfe bei der Dokumentensuche.

Mit ihrem Anliegen stösst sie auf offene Ohren. Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) empfiehlt, den Zugang zu den Dokumenten kostenlos zu gewähren. Das sagte der St. Galler Regierungsrat und KKJPD-Präsident Fredy Fässler an der Medienkonferenz. Er sprach auch im Namen der Kantone sein Bedauern gegenüber den Betroffenen aus. Es sei zu aus heutiger Sicht «unverzeihlichen Fehlern» gekommen.

Der Kanton St. Gallen gibt eine Forschungsarbeit in Auftrag

Eine besondere Rolle hatte der Kanton St. Gallen. Dort sind zwischen 1973 und 2002 rund 80 Kinder aus Sri Lanka adoptiert worden, davon viele über die umstrittene Vermittlerin Alice Honegger. Der Kanton hat dazu bereits einen Bericht erstellen lassen. Darin zeigte sich, dass Hinweise auf unrechtmässige Vorgänge sowie Kinderhandel in Sri Lanka zu wenig beachtet worden seien, wie die Staatskanzlei am Montag in einer Medienmitteilung schrieb.

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Den Kommentar zum Artikel: Ein erster Erfolg für illegal Adoptierte

Im kommenden Jahr sollen die Adoptionen im Kanton St. Gallen nun durch ein Forschungsteam der Universität Bern weiter aufgearbeitet werden. Zudem werden die Akten zu den Adoptionen zu elektronischen Dossiers zusammengeführt. Sie werden im Staatsarchiv aufbewahrt und sollen die Suche für die Betroffenen vereinfachen.

Müssen Gesetze angepasst werden?

Auf nationaler Ebene geht die Aufarbeitung der Verfehlungen auf ein Postulat zurück, das die Waadtländer SP-Politikerin Rebecca Ruiz vor drei Jahren im Nationalrat eingereicht hatte. Das Bundesamt für Justiz gab daraufhin eine Studie bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Auftrag. Daraus entstand ein Bericht, den der Bundesrat nun publiziert hat.

Nun soll eine Forschungsarbeit soll klären, ob es auch bei anderen Herkunftsländern zu systematischen Unregelmässigkeiten kam. Aus Indien seien zum Beispiel dreimal so viele Kinder adoptiert worden wie aus Sri Lanka. Zudem sollen mögliche Schwachstellen im heutigen System aufgedeckt werden. Eine vom Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement eingesetzte Gruppe von Expertinnen und Experten soll wenn nötig entsprechende Gesetzesänderungen vorschlagen.

Aus Sicht der Betroffenen wünscht sich Sarah Andres, dass sie via Kantone psychosoziale Unterstützung durch Fachpersonen, die auf Adoptionen spezialisiert sind, erhalten. Ihr Verein ist daran, eine DNA-Datenbank aufzubauen, um die Herkunftssuche zu erleichtern. Bei ihr selber konnte über einen DNA-Test bestätigt werden, dass eine Frau, die sie in Sri Lanka gefunden hatte, tatsächlich ihre Mutter ist.