Glaube

Ihre Geschichte ist eine von Verfolgung und Flucht: Wie steht es heute um das Ritual der Taufe?

Unterwassertaufe im Weiher: Pfarrer Michel Ummel und Katechetin Isabelle Geiser mit einem Täufling.

Unterwassertaufe im Weiher: Pfarrer Michel Ummel und Katechetin Isabelle Geiser mit einem Täufling.

Der Spielfilm «Zwingli» hat die Schweizer Täufer in den Fokus gerückt. Wie halten es die Täufer heute mit dem Ritual der Taufe? Ein Besuch zu Pfingsten.

Das also ist der Ort, an dem Menschen ihre Zugehörigkeit zu Gott kundtun: zwischen Wohnwagen und Zelten, auf einem Campingplatz in den jurassischen Freibergen. Traditionell an Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes. Die Sonne scheint auf den Holzsteg beim Naturweiher des Campingplatzes in Les Breuleux, unweit von Tramelan. Die evangelische Mennoniten-Gemeinde Sonnenberg trifft sich zur sogenannten Unterwassertaufe in der freien Natur. Der Besuch ist ein Ausflug in eine Welt, die im Schatten der breiten Öffentlichkeit liegt.

Nach zwei Jahren Vorbereitungsunterricht werden fünf Täuflinge, alle um 16 Jahre alt, unter Wasser getauft. Sie haben sich das gut überlegt. Denn getauft werden sollen nur diejenigen, die sich bewusst und aktiv zum Glauben bekennen. Deshalb wird die Taufe erst im jugendlichen Alter praktiziert, manchmal sogar erst bei Erwachsenen. Die Sonnenberg-Gemeinde ist eine von zwölf Gemeinschaften der Konferenz der Mennoniten in der Schweiz; die Dachorganisation zählt eigenen Angaben zufolge landesweit etwa 2300 Mitglieder.

Pfarrer Michel Ummel ist der Ancien der Gemeinde, der Älteste. Mit einer Katechetin empfängt er an diesem Sonntag Familienangehörige und Gemeindemitglieder am Ufer des Weihers. Ummel steht bereits knietief im kühlen Nass neben dem Holzsteg, auf dem die Täuflinge – ganz in Weiss gekleidet – darauf warten, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Dass die Taufe auf dem Campingplatz vonstattengeht, hat praktische Gründe: Sein Weiher mit dem Steg und reichlich Platz für Zuschauer bietet dafür die besten Bedingungen in der Region.

Unterwassertaufe im Weiher: Pfarrer Michel Ummel und Katechetin Isabelle Geiser mit einem Täufling.

Unterwassertaufe im Weiher: Pfarrer Michel Ummel und Katechetin Isabelle Geiser mit einem Täufling.

Beim Besuch am Pfingstsonntag 2018 sind die Temperaturen mild, doch warm genug, um in einem Weiher zu waten – geschweige denn zu tauchen –, ist es noch nicht. Die Täuflinge wirken dennoch entschlossen und zufrieden, nur unruhige Handbewegungen deuten auf eine gewisse Nervosität hin. Die Stimmung am Weiherrand ist beschwingt, ja festlich. Gleich ist es soweit. Pfarrer Ummel begrüsst die Zuschauer. Die Gemeinschaft ist bilingual, ein «Grüezi» oder ein «Bonjour» sagt noch nichts darüber, in welcher Sprache der Smalltalk weitergeführt wird.

Abspaltung während Reformation

Ihren Ursprung findet die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten während der Reformation in Europa. Zuerst noch Befürworter Huldrych Zwinglis, wandte sich eine Handvoll Schweizer Männer und Frauen vom Zürcher Reformator ab und gründete eine eigene Gruppierung. Die Täufer – oder Wiedertäufer, wie sie auch genannt wurden – stellten das Evangelium noch mehr ins Zentrum ihres Glaubens.

Zwingli, fanden sie, tat dies nicht mehr zur Genüge. Das Täufertum vertrat eine radikalere Position in der Frage, was das «wahre Christentum» ist. Beinahe gleichzeitig formierten sich auch anderswo in Europa vergleichbare Bewegungen. Sie verlangten eine radikale, zuweilen eine noch radikalere Reformation.

Bedeutend für die Gemeinde Sonnenberg ist Menno Simons (1496–1561), ein aus den Niederlanden stammender, ursprünglich katholischer Priester. Durch ihn rückte die Bezeichnung «Mennoniten» in den Sprachgebrauch – als Schutzmassnahme, um von Feinden nicht direkt erkannt zu werden.

Die endgültige Ablösung von Zwingli folgte um 1525, als das Zürcher Kantonsparlament mehrere Disputationen gegen die Täufer ausrief. Nach dem verhängnisvollen Verdikt sahen sich die Gründerväter – Felix Manz, Konrad Grebel und Jürg Blaurock – gezwungen, die erste Erwachsenentaufe im Kanton Zürich auszurichten. Viele Gleichgesinnte wohnten dem Fest bei. Angespornt durch die Drohungen der Obrigkeit, waren die Männer erst recht entschlossen, ihre Konfession mit einer zweiten Taufe zu bekräftigen.

In dieser hitzigen Zeit begann auch die fast dreihundertjährige Phase von Verfolgung und Flucht der Täufer in der Schweiz. Wegen ihres Glaubens wurden manche von ihnen mit dem Tod bestraft. Bis ins 18. Jahrhundert wurden die Täufer schweizweit kontinuierlich vertrieben, teilweise eigens von «Täuferjägern».

Wer die Erwachsenentaufe befürwortete, war fortan nicht mehr erwünscht, denn diese war von Kirche und Obrigkeit verboten worden. Die Säuglingstaufe wurde von den Täufern verweigert, da sie im Neuen Testament nicht konkret erwähnt werde. Manz und Grebel fanden darin nur Hinweise auf die Erwachsenentaufe.

Zurück am Weiher in Les Breuleux. Pfarrer Michel Ummel ist ein Mann, der seine Worte melodisch ausspricht und die Zuschauer so zu fesseln vermag. Immer noch knietief im Wasser stehend, ruft er die Namen der Täuflinge einzeln auf. Sie steigen zu ihm und der Katechetin in den Weiher.

Es folgt der immer gleiche Segensspruch, ausgesprochen auf Französisch: «Durch Dein Glaubensbekenntnis, mit Deinem Willen getauft zu werden, mit Deinem Versprechen, Gott in Treue zu folgen, taufe ich Dich im Namen des Todes Christi, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.» Danach wird ein jeder Täufling sanft, aber bestimmt von Ummel und der Katechetin im Weiher rücklings unter Wasser geführt.

Keine Stelle der Täuflinge bleibt trocken – voller Körpereinsatz. Die Täuflinge wissen genau, wie sie ihren Körper anspannen müssen, um sich ins Wasser gleiten zu lassen; quasi in die «Wiege Gottes». Effektiv unter Wasser sind die Täuflinge nur wenige Sekunden. Einige halten sich die Nase zu, die meisten kreuzen ihre Arme, so gut es geht. Die Täuflinge vertrauen ihren Betreuungspersonen.

Freiwilliger Entscheid

Laut Bibel begann Johannes der Täufer, die Menschen im Fluss Jordan zu taufen. Er tauchte sie unter Wasser. Der Täufergemeinschaft aber ging es genau genommen gar nicht um die Taufe an sich, sondern darum, sich im Erwachsenenalter zu einer Gruppe zu bekennen.

Ihnen schwebte eine auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende, obrigkeitsunabhängige Gemeinde vor. Den Glauben sahen sie als freie Gewissensentscheidung. Diese Haltung und der Widerstand gegenüber dem unheilvollen Verhältnis von Staat und Kirche machte die Taufe zur Zielscheibe der Mächtigen.

Die Täufer sind in diesem Jahr auch mit dem Spielfilm «Zwingli» ins Rampenlicht gerückt; endlich, mag man konstatieren – waren sie doch Protagonisten eines bedeutungsvollen, wenn auch dunklen Teils der Schweizer Reformationsgeschichte. Viele flüchteten in die Pfalz und ins Elsass, noch mehr nach Nordamerika.

Der offizielle Filmtrailer zu «Zwingli».

Gleichzeitig kam es zu einer nennenswerten Binnenmigration; etwa vom Emmental in den Berner Jura, wo heute die Gemeinde Sonnenberg in der pluralistischen Gesellschaft ihren Glauben ausübt. In den Regionen Biel, Neuenburger Jura und Basel gibt es bis heute ebenfalls Täufer-Gemeinden.

Weiss gekleidet im Weiher

Bevor die Täuflinge an diesem Tag im Jura wieder hinauf auf den Steg steigen, erklärt Pfarrer Ummel abschliessend: «Dass der ewig treue Gott Dich taufe und er selbst im Wasser ist – damit Du das Leben hast, das ewige Leben. Amen.»

Die Zuschauer folgen gebannt dem Ritus. Was den Täuflingen, die sich zum Glauben bekennen, in diesem Moment durch den Kopf schwirrt, bleibt ungewiss. Der Campingplatz-Atmosphäre zum Trotz: Es ist eine romantische, beinahe ursprüngliche Kulisse. Gleichzeitig mutet sie reichlich skurril an, spätestens dann, wenn man den Blick durch die Umgebung schweifen lässt: Die Besucher des Campingplatzes sind, ob sie wollen oder nicht, auch Teil des Brauchs.

Die jugendlichen Täuflinge werden gegen Ende der Schulzeit vor die Entscheidung gestellt, ob sie auf ihrem weiteren Weg durch den Glauben und die Gemeinschaft begleitet werden wollen. Einem Weg, dessen Grundlage die Bibel ist, ausgehend von den Spuren der täuferischen Vorfahren.

Wer der Gemeinde nicht angehört und mit dem Taufritual nicht vertraut ist, dem kann angesichts der äusseren Umstände – weiss gekleidete Menschen werden in einem Weiher unter Wasser gedrückt – schon ein wenig flau im Magen werden.

Dieses Gefühl dürfte sich bei manchen mit Bewunderung mischen: Da entschliessen sich junge Menschen dafür, ein vollwertiges Mitglied einer christlichen Gemeinschaft zu werden. Und das in einer Zeit, in der die institutionalisierte Religion im Alltag vieler Menschen nicht mehr relevant ist.

* Laura Lämmli ist Master-Studentin der Geschichte und Soziologie an der Uni Zürich. Sie befasste sich bereits in ihrer Maturaarbeit damit, wie die Geschichte ihrer Vorfahren mit jener der Täufer im Berner Jura verwoben ist.

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