Jenny Jürgens: «Ich war nie eine, die Geld rausschmeisst»

Jenny Jürgens (51) gibt ihr Comeback in der ARD-Serie «Rote Rosen». Im Interview spricht sie über ihr Leben auf Mallorca, über ihr Hilfsprojekt für Senioren und über ihren Vater Udo Jürgens, der 2014 plötzlich und unerwartet verstorben ist.

Interview: Daniela Grunwald
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Tiere sind ihr wichtig, doch sie vergisst darob die Menschen nicht: Jenny Jürgens in einer Drehpause am Elbdeich bei Hamburg mit zwei Hunden einer Freundin. Auf Mallorca hat sie selber zwei Hunde sowie zwei Esel und zwölf Hühner.(Bild: Daniela Grundwald)

Tiere sind ihr wichtig, doch sie vergisst darob die Menschen nicht: Jenny Jürgens in einer Drehpause am Elbdeich bei Hamburg mit zwei Hunden einer Freundin. Auf Mallorca hat sie selber zwei Hunde sowie zwei Esel und zwölf Hühner.(Bild: Daniela Grundwald)

Wie kam es dazu, dass Sie jetzt wieder bei «Rote Rosen» mitspielen und in Lüneburg am Drehen sind?

Ich bekam eine Anfrage von der Produktion. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, habe mich aber wahnsinnig darüber gefreut. Für mich war immer klar: Wenn so etwas kommt, sag ich ­sofort wieder Ja. Es gibt ja keinen Grund, es nicht zu machen.

Hat Ihnen das Drehen gefehlt?

Nein, eigentlich nicht. Ich habe genügend andere Sachen zu tun. Es ist nicht so, dass ich mich nur lebendig fühle, wenn ich drehe. Ich habe sehr viel mit meinem Projekt «Herzwerk, aktiv gegen Armut im Alter» zu tun, bei dem ich mich um Altersarmut kümmere. Das ist eine richtige Lebensaufgabe geworden. Das mache ich jetzt schon seit zehn Jahren. Ich habe das Deutsche Rote Kreuz als Partner gewonnen. Letztes Jahr habe ich dafür den Landesverdienstorden von Nordrhein-Westfalen verliehen bekommen. Die Leute denken immer, wenn sie einen nicht im Fernsehen sehen, dann arbeite man nicht oder sei nicht beschäftigt. Das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Ich habe ein sehr ausgeprägtes und intensives Privatleben, mit Familie. Ich führe sozusagen ein kleines Familienunternehmen.

Wie sieht das genau aus?

Naja, ich habe ein Haus und einen Mann, der zwei Kinder hat. Ein Kind ist auch viel bei uns. Man hat ja ständig viel zu organisieren. Das hat jede Frau, die Familie hat oder ein Haus führt, mit Garten oder wie auch immer, das ist ordentlich Arbeit. Das ist nicht zu unterschätzen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Der Alltag fordert viel. Ausserdem haben wir Tiere. Und dann habe ich eben noch das Herzwerk-Projekt. Das würde mein Leben alleine schon ausfüllen. Wenn ich dann drehen kann, freue ich mich natürlich. Das ist schon eine tolle Abwechslung. Aber es ist nicht mehr so, dass ich ständig immer vor der Kamera stehen muss. Ich bin finanziell unabhängig. Nach Drehen sehne ich mich nicht permanent. Und ich will auch nicht dauerhaft so lange weg sein von den Menschen, die ich liebe.

Sie spricht auch Schweizerdeutsch

Jenny Jürgens wurde am 22. Januar 1967 in München geboren. Sie ist die Tochter von Sänger Udo Jürgens und dessen erster Frau Panja.

Neben ihrem Bruder John Jürgens hat sie noch zwei Halbschwestern: Sonja und Gloria, beide nichteheliche Töchter von Udo Jürgens.

Bereits mit 15 stand Jenny Jürgens vor der Kamera, sie wirkte unter anderem in dem Film «Im Dschungel ist der Teufel los» mit. 1984 sang sie mit ihrem Vater das Lied «Liebe ohne Leiden». Es folgten später Rollen in TV-Serien wie «Mallorca – Suche nach dem Paradies» und «Ein Schloss am Wörthersee». Zuletzt spielte sie 2014 bis 2015 die weibliche Hauptrolle in der ARD-Serie «Rote Rosen».

Auf ihrer Homepage schreibt sie, dass sie neben Englisch, Spanisch und Bayrisch auch Schweizerdeutsch spricht.

Jenny Jürgens ist seit 2015 in zweiter Ehe mit dem spanischen Regisseur David Carreras Solé verheiratet und lebt heute auf Mallorca. (dgr)

Wie kam es zu Ihrem Engagement bei «Herzwerk»?

Ich hatte immer schon eine Affinität für alte Menschen. Sie haben so einen grossen Fundus an Wissen und haben oft etwas Anrührendes. Mir war mit Anfang 40 klar, dass ich meinem Leben gern eine sinnvolle Wende geben möchte und dass die Schauspielerei alleine eben für mich überhaupt nicht erfüllend ist. Es ist eine recht oberflächliche Welt, in der man sich ständig mit sich selbst beschäftigt: Wie geht es mir? Bin ich nervös? Bin ich zu dick? Bin ich zu dünn? Man kreist die ganze Zeit um sich selbst. Das hat mich gestört. Und ich wusste, die einzige Flucht daraus ist, dass man sich auf ­etwas fokussiert, was ausserhalb von einem selbst liegt. Und wo könnte man das besser, als wenn man sich karikativ irgendwo einbringt?

Und weshalb bei den Senioren?

Weil sie meines Erachtens in der sozialen Kette ganz unten stehen. Zuerst kommen Kinder, Hunde – und irgendwann dann Senioren. Wenn man in ein Kind investiert, investiert man in die Zukunft, beim Senior in die Würde. Das ist ein Projekt, das ich machen werde, bis ich sterbe.

Was genau machen Sie da?

Wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, unterstützen wir Seniorinnen und Senioren. Schnell und unbüro­kratisch wird Geld ausgeschüttet. Viele haben nicht mal für die einfachsten Dinge genug Geld. Ob eine neue Brille, Coiffeur oder Waschmittel. Das ist für viele unglaublich viel Geld. Das darf man nicht vergessen.

Viele vergessen es trotzdem.

Ich nicht. Ich war immer schon unglaublich realistisch mit Geld. Ich war nie ­jemand, der das rausschmeisst, das konnte ich auch nicht. Nicht nur, weil mein Vater uns auch durchaus mit angezogener Handbremse in der Richtung erzogen hat. Ich wusste schon immer die Wertigkeit von Geld, da ich ja auch ab 19 angefangen habe zu arbeiten. Aber durch das Projekt weiss ich es noch tausendmal mehr. Und ich weiss, wenn ich mal für 50 Euro irgendwo schön essen gehe, dass das für andere undenkbar ist.

Welchen Stellenwert hatte Geld im Hause Jürgens?

Wenn man in einer wohlhabenden ­Familie lebt oder in eine hineingeboren ist, wie das bei mir der Fall ist, ist Geld ja immer ein Thema. Es wird darüber gesprochen, nachgedacht. Man erfährt Reaktionen von Menschen, die durch Geld zu Stande kommen: Neid oder Kommentare wie ‹Was will denn die? Die musste sich doch nie wirklich anstrengen, hat doch von ihrem Vater immer alles bekommen›.

Wie gehen Sie damit um?

Es tut unglaublich weh. Davon muss man sich distanzieren, tue ich ja auch. Aber es ist trotzdem ungerecht und entspricht nicht der Wahrheit. Natürlich führe ich ein privilegiertes Leben, aber ich bin mir dessen total bewusst, und ich bedanke mich innerlich jeden Tag dafür, dass es so ist. Aber rechtfertigen muss ich mich dafür nicht. Man muss sich darüber freuen und dankbar sein, es ist ein grosses Geschenk und keine Selbstverständlichkeit. Und es ist wichtig, dass man nicht abhebt und dass man empathisch bleibt.

Jenny mit ihrem Vater Udo anlässlich einer ZDF-Gala 2009. (Bild: Christian Charisius, AP/ZDF)

Jenny mit ihrem Vater Udo anlässlich einer ZDF-Gala 2009. (Bild: Christian Charisius, AP/ZDF)

Sie waren 2014 auch bei den Dreharbeiten für «Rote Rosen», als Ihr Vater starb …

Nicht direkt, ich hatte gerade frei und bin am 19. Dezember abends nach Hause, nach Mallorca geflogen. Am 21. haben mein Mann und ich uns mit vielen Freunden getroffen, sassen am Hafen mit Fisch und Bier, die Sonne schien, es war ein super Tag. Und alles war so perfekt. Ich wollte mich mal richtig ausruhen, hatte ja gerade sechs Monate die Hauptrolle gedreht. Und auf einmal kommt um halb drei Uhr nachts ein SMS von meinem Bruder: ‹Bitte ruf mich sofort an!›. Und dann begann eine neue Zeitrechnung in meinem Leben. Ich hab komischerweise gar nicht geweint. Ich war nur noch im Schockzustand. Mein Mann hat für mich gepackt, und ich bin sofort nach Zürich geflogen, um mich von meinem Vater zu verabschieden, der aber schon tot war. Das war natürlich brutal.

Es kam ja alles auch so plötzlich.

Ja, wir haben zwar gesehen, dass mein Vater älter wird, der Gang hatte sich ein bisschen verändert, die Augenfarbe auch. Aber für einen 80-Jährigen war er ja der Wahnsinn. Wobei, er wurde wie viele ­andere im Alter auch recht rührselig und sentimental. Er hat öfter geweint, es ­kamen ihm öfter die Tränen, wenn er über etwas geredet hat. So auch, wenn er über seinen Grossvater sprach.

Aber nichts deutete auf seinen plötzlichen Tod hin.

Ich war noch in drei seiner Konzerte. Ich habe mir schon gedacht: Na, ob der Papa noch mal auf Tournee geht? Ich hatte im Gefühl, dass er diese Form von Tourneen nicht mehr machen würde, weil es ihm zu viel war. Und dann ist er mitten in seiner Tourpause gestorben, auf einem Spaziergang in Gottlieben im Kanton Thurgau. Sterben ist ein Teil des Lebens, aber es bleibt immer eine Amputation. Auch bei meinem Vater war es das.

Haben Sie zu Hause auch mal übers Sterben gesprochen?

Mit meiner Mama kann ich sehr gut darüber sprechen. Sie sagt genau: wo, wie, was – hab jetzt schon einen Umschlag, wo alles drin steht. Bei meinem Vater war es ein bisschen schwieriger. Er tat sich sehr schwer. Übers Sterben zu sprechen war nicht sein Ding. Er hat einen schönen und für ihn passenden Tod gehabt, er ist einfach beim Spazierengehen tot umgefallen. Aber es werden noch einige Abschiede auf mich zukommen. Und das ist auch etwas, wovor ich wirklich Angst habe: vor Schicksalsschlägen. Denn ich habe ein so schönes, glückliches Leben. Ich habe den tollsten Mann der Welt an meiner Seite. Ich muss immer aufpassen, ich neige zu einer grossen Ängstlichkeit. Ich habe immer Angst, dass irgendetwas passiert und plötzlich alles anders ist.

Wie ist der Kontakt zu Ihren Geschwistern?

Zu meinem Bruder habe ich einen sehr engen Kontakt, und zu meiner Halbschwester Sonja habe ich auch einen ­guten Kontakt. Der Tod unseres Vaters hat uns noch mal mehr zusammengeschweisst. Wir stehen seitdem immer noch täglich in Kontakt.

Wie viel Ähnlichkeit haben Sie mit der Jana Greve, die Sie in «Rote Rosen» spielen?

Sie ist sehr neugierig, fragt gern weiter nach bei anderen, das ist etwas, was ich nicht mache. Und sie kann sich nicht gut entscheiden. Aber das ist halt Telenovela. Da entscheiden sich alle nicht so leicht, sonst wäre die Serie ja schnell vorbei (lacht).

Aber Sie sind im richtigen Leben nicht so?

Nein, ich bin jemand, der sich schnell gut entscheiden kann. Ich habe keine Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Und ich habe ja auch schon sehr radikale Entscheidungen getroffen und neu angefangen in meinem Leben, und das war immer gut.

Sie tragen Ihre Haare jetzt kürzer, wie kam es dazu?

Wahrscheinlich wie das bei vielen Frauen der Fall ist, wenn man neu durchstarten will. Ausserdem habe ich mir immer, ­bestimmt seit 20 Jahren schon, eine Kurzhaarfrisur gewünscht, aber mich nie ­getraut. Ich hatte Angst, dass ich ein riesiges, breites Gesicht bekomme. Aber mein Mann hat gesagt, es wird genau das Gegenteil der Fall sein: ‹Du hast hohe Wangenknochen, ein so schönes ausgeprägtes Gesicht.› Und dann bin ich los zum Coiffeur in Spanien. Es war so toll, als ich wieder raus bin. Nie wieder lange Haare! Und das Stylen ist so einfach, man muss nicht lange herumfönen. Das war im Frühling 2015. Ich denke, das war auch, nachdem sich der erste Schock vom Tod meines Vaters ein bisschen gelegt hatte. Da kam der Frühling, und ich dachte: Ab mit der alten Energie, ab mit der Traurigkeit, rein ins Sommerkleid.

Was machen Sie jeweils nach Drehschluss in Lüneburg?

Nicht viel. Ich bin am Wochenende mal schön essen oder kaufe im Delikatessenladen ein, gehe spazieren. Aber ich brauche nicht immer so viele Menschen um mich herum. Ich kann unheimlich gut alleine sein, tagelang. Deswegen bin ich immer gleich heim. Da hab ich meine Rituale: Badewanne, pflegen, essen, Text lernen, um 22 Uhr ins Bett, um 6 Uhr wieder aufstehen. Ganz klarer Rhythmus. Ich habe mich in Lüneburg aber immer sehr wohl gefühlt. Ich habe eine überdimensionale Anpassungsfähigkeit. Man kann mich überall hinsetzen und ich richte mich ein. Die nordische Lebensart gefällt mir gut, handfeste einfache Leute besonders. Ich liebe auch das Bauernvolk, wie zum Beispiel die Bauern in Spanien auf dem Land. Wie wir selbst ja fast sind …

Wie muss man sich das vorstellen?

Wir haben zwei Esel, zwei Hunde, zwölf Hühner. Und meine Hühner haben auch alle Namen, zum Beispiel Erika, Lotti, Martha, Don Antonio und Don Pieps. Mein Hauptschuhwerk sind Gummistiefel. Hühner sind aufwendiger, als man denkt. Manchmal kochen wir auch für sie, Reis oder Teigwaren. Aber wir essen nur die Eier. Ich könnte keine Suppe essen, wo die Martha drin ist.

Wie halten Sie sich fit?

Ich esse alles, was schmeckt. Ich bin nicht fanatisch mit irgendetwas, kein Vegetarier oder Veganer. Ich ernähre mich einfach ausgewogen. Ich habe auch konstant drei bis fünf Kilo zu viel. Das ist wahrscheinlich auch dem Alter und den Wechseljahren geschuldet. Aber ich hab mir einfach gesagt, ich möchte relaxt bleiben und keinen Krampf veranstalten. Das ­Leben soll Genuss sein. Und Sportstudio ist auch nicht so mein Ding. Ich schwimme gern und bin viel zu Fuss unterwegs. Auch mit den Hunden.

Hinweis
Die jetzt in Lüneburg gedrehten 15 Folgen für die ARD-Dauerserie «Rote Rosen» mit Jenny Jürgens in der Rolle von Jana Greve werden ab Donnerstag, 6. September, jeweils um 14.10 Uhr im Ersten gezeigt.