Einst die Zukunft des Smartphones, heute Realität: Handys bekommen Falten

Seit es Smartphones gibt, sehen sie ziemlich gleich aus. Faltbare Displays könnten das nun ändern. Ob sie sich durchsetzen, ist aber alles andere als klar.

Raffael Schuppiser
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Premiere: Samsung-CEO Dong Jin Koh hat diese Woche ein faltbares Smartphone vorgestellt. Andere Hersteller werden nachziehen. (Bild: Eric Risberg/AP (San Francisco, 20. Februar 2019))

Premiere: Samsung-CEO Dong Jin Koh hat diese Woche ein faltbares Smartphone vorgestellt. Andere Hersteller werden nachziehen. (Bild: Eric Risberg/AP (San Francisco, 20. Februar 2019))

Vor gut zehn Jahren hat das Smartphone unsere Welt verändert. Die Geräte selber jedoch sind seither zumindest äusserlich ziemlich gleich geblieben. Klar, ihre Bildschirme sind gewachsen, und sie sind flacher geworden: Jahr für Jahr vielleicht einen halben Millimeter. Doch das ist Nebensache, wenn man bedenkt, dass nun die grösste Entwicklung ansteht seit der Geburt des Smartphones: die Displays werden faltbar.

Das bietet für Designer neue Möglichkeiten: Handys lassen sich platzsparend zusammenklappen oder zu Tablets entfalten. Oder man kann sie sich wie einen Armreif ums Handgelenk wickeln. Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. In einem Konzeptvideo eines Herstellers besteht das Smartphone nur noch aus einem Bildschirm, der sich stets der Grösse anpasst, die man gerade braucht. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg. Doch 2019 ist das Jahr, in dem die ersten Falthandys von namhaften Herstellern auf den Markt kommen.

Faltbare Handys mit variabler Displaygrösse

Diese Woche hat Samsung gleichzeitig in London und San Francisco das Galaxy Fold präsentiert. Huawei dürfte bald folgen. Und auch vom anderen grossen chinesischen Hersteller Xiaomi ist in den kommenden Monaten ein faltbares Gerät zu erwarten. Ein neu eingereichtes Patent von Apple lässt vermuten, dass auch das iPhone dereinst zusammengefaltet werden kann.

Voran schreitet Samsung: Am 26. Mai kommt mit dem Galaxy Fold das erste faltbare Gerät eines namhaften Herstellers auf den Markt. In zusammengefaltetem Zustand ist es ein Smartphone mit einem 4,6-Zoll-Bildschirm. Klappt man es wie ein Buch auf, kommt im Innern ein 7,3-Zoll-Bildschirm zum Vorschein, und man hält ein kleines Tablet in der Hand. Dank der neuen Falttechnologie wird der Bildschirm nicht durch ein hässliches Scharnier getrennt, sondern präsentiert sich als ganzheitliche Fläche. Da Glas dabei brechen würde, kommt ein knickbares Polymer zum Einsatz.

Samsung ist überzeugt, dass so die Zukunft des Smartphones aussieht. Die variable Displaygrösse macht durchaus Sinn, sind doch die Menschen so von ihren Smartphones eingenommen, dass der Bildschirm eigentlich nicht gross genug sein kann. Doch wenn man das Gerät in die Hosentasche schiebt oder es im Gehen mit einer Hand bedienen möchte, sollte es eben kleiner sein. Dieses Dilemma sollen die Foldables lösen.

Ob sie es können, ist allerdings alles andere als gewiss. Die Meinungen sind geteilt: Die Frage sei nicht, ob faltbare Smartphones die Zukunft seien, sondern nur wann, sagt etwa der Analyst Patrick Moorhead gegenüber dem Tech-Portal «The Verge». Anders sieht das Christopher Mims, Tech-Kolumnist beim «Wall Street Journal». «Faltbare Telefone sind die 3D-TVs der mobilen Welt», proklamiert er.

Einst glaubte man auch von diesen Geräten, sie seien die Zukunft des Fernsehers. Und eine ganze Branche setzte ihre Hoffnung und Energie in sie. Doch die Nutzer wollten sie nicht.

Sicher ist, dass es für die Entwickler alles andere als trivial ist, ganze Handys zu falten. Das zeigt die lange Entwicklung. Erste Konzepte von faltbaren Bildschirmen wurden an Technikmessen schon vor zehn Jahren gezeigt.

Ein Display ist noch kein ganzes Gerät

Dem Vernehmen nach arbeitet Samsung schon seit 2012 intensiv an einem Foldable – der Veröffentlichungstermin wurde immer wieder verschoben. Die Schwierigkeiten, mit denen sich Ingenieure und Designer bei der Entwicklung eines faltbaren Geräts herumschlagen müssen, kann man beim Flexpai des chinesischen Start-ups Royole beobachten. Es kam bereits Ende 2018 auf den Markt und kann sich rühmen, das erste Foldable zu sein. Doch punkto Qualität wurde dem Falthandy wenig positive Kritik zuteil. Der Faltmechanismus lässt jegliche Eleganz vermissen, und zusammengefaltet ist das Handy über 1,5 Zentimeter dick.

Ersteres wird Samsung zweifellos besser machen. Doch was die Dicke angeht, stösst auch der Elektronikriese an physikalische Grenzen. Die genauen Masse hat Samsung zwar noch nicht bekannt gegeben, doch aus der Ferne sieht das zusammengeklappte Gerät aus, als lägen zwei herkömmliche Smartphones übereinander.

Stolzer Preis von 2000 Dollar für das Fold

Die Technologie im Innern braucht nun mal Platz. Und wenn auch alles kleiner wird, so scheint man bei den Akkus doch allmählich an eine Grenze gestossen zu sein. Was bedeuten könnte, dass die Foldables auch im Laufe der nächsten Jahre nicht viel dünner werden dürften. Und mal angenommen, das wäre doch der Fall: So stellt sich für den Kunden dennoch die Frage, ob er lieber ein Falthandy oder einfach ein halb so dünnes und halb so schweres herkömmliches Smartphone möchte.

Kompromisse sind bei der neuen Gerätekategorie ganz bestimmt unausweichlich. Ausserdem sind die neuen faltbaren Smartphones zumindest in der ersten Generation alles andere als günstig. 2000 Dollar wird das Galaxy Fold aller Voraussicht nach kosten. Die Stückzahl soll begrenzt sein.

Anfangs wird es dafür also bloss einen Nischenmarkt geben. Dennoch setzt die Branche langfristig darauf. Denn die Hersteller haben mit rückläufigen Absätzen zu kämpfen. Weltweit wurden 2018 vier Prozent weniger Smartphones verkauft als im Jahr zuvor. Die Nutzer sind nicht mehr bereit, ihre Mobiltelefone ständig zu erneuern. Das liegt auch daran, dass die Entwicklungsschritte Jahr für Jahr kleiner geworden sind.

Als Handys noch Natels waren

Während sich die Geräte der verschiedenen Hersteller insbesondere im Premium-Bereich stetig angeglichen haben, dürften die faltbaren Displays in Zukunft für mehr Formvielfalt sorgen. Das deutet sich bereits an.

Während das Samsung Fold das Display nach innen faltet und für den Smartphone-Modus einen zweiten Bildschirm nutzt, setzt der Hersteller Xiaomi auf eine doppelte Falttechnik. Das Gerät wird sowohl links als auch rechts eingeklappt, und zwar so, dass der Bildschirm aussen liegt und das Telefon ganz umhüllt.

Und wer bei Falt-Smartphone an die Klapphandys mit Tastatur denkt, die in den frühen Nullerjahren populär waren, als Handys noch Natel hiessen und in ihrem Erscheinungsbild heterogener waren, liegt nicht ganz falsch. Denn: Das Unternehmen Motorola plant offenbar bereits eine Neuauflage seines Modells Razr aus dem Jahr 2003: Ein längliches Smartphone, das man nach dem Gebrauch wie einen Schminkspiegel zusammenklappen kann.