Studien
Grippeimpfung wegen Corona? Untersuchungen zeigen: Bei Senioren wirkt die Grippeimpfung kaum

Jetzt, da das Coronavirus kursiert, sollte man sich wenigstens gegen Grippe schützen. Doch die Wirkung ist bei der Risikogruppe fraglich und eine Grippewelle nicht sehr wahrscheinlich.

Niklaus Salzmann
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In manchen Praxen und Apotheken ist der schon Impfstoff ausgegangen. (Symbolbild)

In manchen Praxen und Apotheken ist der schon Impfstoff ausgegangen. (Symbolbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Die Intensivstation füllen sich, die Labors stossen an ihre Kapazitätsgrenzen. Bleibt zu hoffen, dass zu Corona nicht noch eine Grippewelle dazukommt. Verhindert werden soll dieses Worst-Case-Szenario durch die Grippeimpfung. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt die Impfung für Personen mit erhöhtem Komplikationsrisiko sowie für alle, die regelmässigen Kontakt mit Personen der Risikogruppe haben, etwa Pflegepersonal.

Es gibt drei grosse Fragezeichen

In der Schweiz soll es heute so richtig losgehen, es ist nationaler Impftag, viele Praxen und Apotheken bieten die Grippeimpfung für 30 Franken ohne Anmeldung an. Doch zu diesem Aktionstag gibt es dieses Jahr gleich drei grosse Fragezeichen.

Erstens ist manchen Praxen und Apotheken der Impfstoff ausgegangen. Wegen Corona gibt es Lieferverzögerungen und die Nachfrage ist weit höher als in gewöhnlichen Jahren. Das BAG konnte für die Schweiz 1,75 Millionen Impfdosen sichern, eine halbe Million mehr als in anderen Jahren, doch ein Teil davon trifft erst im Dezember ein.

Zweitens ist unklar, ob überhaupt eine Grippewelle kommt. Massnahmen wie Homeoffice, Abstand halten, Masken tragen und Hände waschen wirken auch gegen die Ausbreitung der Grippe. In der Südhalbkugel, wo die Grippesaison bereits vorüber ist, blieb sie weitgehenden aus. Sie tritt derzeit weltweit seltener auf, als zu diesem Zeitpunkt im Jahr zu erwarten wäre, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

In manchen Jahren ist die Wirksamkeit sehr tief

Und drittens ist die Wirksamkeit der Impfung ausgerechnet bei älteren Menschen, die den grössten Teil der Risikogruppe ausmachen, sehr tief – allem Anschein nach noch tiefer, als von den Behörden angegeben. Das BAG schreibt:

Studien schätzen die Wirksamkeit je nach Saison und geimpften Personen auf 20 bis 80 Prozent.

Doch das renommierte deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) hat für die Saison 2018/2019 bei Menschen über sechzig die Effektivität mit gerade mal vier Prozent angegeben. Das bedeutet: Hätten sich sämtliche Menschen über 60 impfen lassen, wären bei ihnen jede fünfundzwanzigste Grippe verhindert worden.

Nur wenige Studien zur Grippeimpfung vertrauenswürdig

In den Wintern 2017/2018 und 2016/2017 kam das RKI gar auf einen negativen Wert. Dies würde heissen, dass Geimpfte häufiger an Grippe erkrankten als Ungeimpfte. Allerdings sind die Berechnungen ungenau, weil der Anteil der geimpften Personen klein ist.

Zur Wirkung der Grippeimpfung gibt es zwar unzählige Studien, aber nur wenige davon sind vertrauenswürdig. Im Jahr 2011 hatte sich ein Team um den US-Epidemiologen Michael Osterholm eine Übersicht verschafft. Nach der Sichtung von 5707 wissenschaftlichen Artikeln kam es zu einem ernüchternden Schluss:

Es fehlt der Nachweis für einen Schutz bei Erwachsenen über 65.

Da die Grippe aber sehr häufig ist, kann eine Impfung selbst dann einige Todesfälle verhindern, wenn nur wenige ältere Menschen darauf ansprechen. Hugo Sax, Leiter Spitalhygiene am Unispital Zürich, sagt: «Man geht davon aus, dass auch für Menschen über 60 ein Nutzen da ist, aber schwächer als bei der übrigen Bevölkerung.» Wichtiger als die Impfung der Risikopopulation wäre aber, dass sich diejenigen, die mit ihnen in Kontakt kommen, impfen lassen. Theoretisch reicht es aus, ausschliesslich diese Kontaktpersonen zu impfen. Doch in der Praxis sei dies nicht umsetzbar – zu viele Menschen haben Kontakt zur Risikogruppe.

Die Wirksamkeit der Grippeimpfung variiert aber auch bei jüngeren Menschen stark von Jahr zu Jahr. Grippeviren verändern sich rasch, und bei Produktionsbeginn des Impfstoffes ist jeweils nicht klar, wie das Virus bei Beginn der Grippewelle genau aussehen wird. In manchen Jahren trifft der Impfstoff das Virus besser, in manchen weniger gut. Die für Infektionskrankheiten zuständige Behörde der USA schreibt dazu: «In Jahren, wo die Grippeimpfung nicht gut auf die zirkulierenden Grippeviren abgestimmt ist, kann es sein, dass nur ein geringer oder gar kein Nutzen beobachtet wird.»

Total wird mindestens jede fünfte Grippe verhindert

Das Robert-Koch-Institut berechnete für die Effektivität der Grippeimpfung bei der Gesamtbevölkerung in den Saisons zwischen 2014 und 2019 jeweils Werte zwischen 15 und 27 Prozent. Demnach wurde bei den Geimpften ungefähr jede fünfte Grippe verhindert. Eine ähnliche Auswertung aus den USA kommt auf etwas bessere Zahlen, für die letzten zehn Jahre finden sich Werte zwischen 19 und 60 Prozent.

Bei tiefer Wirksamkeit stellt sich die Frage, ob das Risiko überwiegt. Die meisten Nebenwirkungen sind harmlos, etwa erhöhte Temperatur oder Muskelschmerzen. Potenziell tödlich ist das Guillain-Barré-Syndrom, eine Nervenentzündung, die ungefähr einmal auf eine Million geimpfte Personen auftritt. Viel häufiger trete das Syndrom bei einer Grippeerkrankung auf, schreibt dazu das BAG.

Dieser direkte Vergleich ist aber nicht sinnvoll. Das Risiko muss vielmehr mit der Chance verglichen werden, dass die Impfung das Auftreten des Symptoms verhindert. Diese Berechnung hat vor fünf Jahren ein kanadisches Team durchgeführt. Das Ergebnis hängt davon ab, wie stark in einem Jahr die Grippewelle ist und wie gut die Impfung wirkt. Bei einer Wirksamkeit von 60 Prozent wird die Impfung das Risiko für das Guillain-Barré-Syndrom in den meisten Fällen leicht verringern, bei einer Wirksamkeit von 20 Prozent steigt das Risiko.