Streaming
Google bringt das Netflix für Games in die Schweiz

Mit Google Stadia kann man ohne Konsole die neusten Top-Games spielen. Die Idee ist gut, mit der Umsetzung haperts aber. Wir sagen, warum Google die Playstation nicht so bald ersetzen wird.

Raffael Schuppisser
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Jeder kann mitspielen: Ein gamecontroller reicht.

Jeder kann mitspielen: Ein gamecontroller reicht.

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Bei Filmen und Serien hat sich Streaming längst etabliert: Oder wann haben Sie zuletzt einen DVD gekauft? Eben. Bei Games hingegen ist es üblich, dass man sich einzelne Spiele für seine Konsole erwirbt und installiert. Google will das ändern; mit Stadia, einem Streaming-Service für Games. Seit Montagabend ist dieser auch in der Schweiz verfügbar.

Dass Games derzeit anders als Filme nur selten gestreamt werden, hat einen Grund: Games sind interaktiv. Man kann nicht einfach ein Video abspielen und gut ist. Da der Spieler selber in der virtuellen Welt interagiert, muss das nächste Bild des Videostreams stets neu berechnet werden.

Einfach gesagt funktioniert das so: Ein Bild wird vom Server auf den TV des Gamers gestreamt. Der rennt, springt, schiesst oder macht sonst was – und verändert damit das nächste Bild. Das heisst, ein Signal muss vom Gamer zurück zum Server gesendet und ein neues Bild berechnet werden. Dieses wird dann wieder zum Gamer geschickt. Dessen Interaktion sendet ein Signal zurück und so fort.

Gehen wir davon aus, dass ein Game mit 60 Bildern pro Sekunde läuft. Dann bedeutet das, dass jede Sekunde ein Signal 120 Mal zwischen Gamer und Server hin und her gesendet werden muss. Pro Signal bleiben als 0,008 Sekunden. Das ist eine technische Herausforderung - auch für die Google Rechencenter.

Hier laufen die Spiele: In den google Datacenters.

Hier laufen die Spiele: In den google Datacenters.

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Funktioniert das in der Praxis wirklich? Ein Test soll Klarheit bringen.

1. Die Spiele: Für Top-Titel zahlt man extra

Langfristig will Google 400 Spiele anbieten. Derzeit lassen sich rund 80 Games über den Streaming-Service spielen. Darunter sind auch absolute Top-Titel wie «Assassin’s Creed Valhalla», «Red Dead Redemption 2» oder «Watch Dogs: Legion». Das Problem liegt aber nicht in der Anzahl Titel: In der Flatrate namens Stadia Pro für 11 Franken pro Monat sind sie nicht inbegriffen. Dafür gibt es nur ein Sammelsurium von 30 meist alten oder unbekannten Games.

Für Blockbusters wie das lang ersehnte Watch Dogs Legion zahlt man extra.

Für Blockbusters wie das lang ersehnte Watch Dogs Legion zahlt man extra.

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Die Mehrzahl der Spiele – und darunter so gut wie alle Blockbuster – müssen extra gekauft werden. Statt für den Zugang zu zahlen, muss man doch das Spiel erwerben. Die Preise bewegen sich in ähnlichen Dimensionen wie bei den neusten Konsolen, also zwischen 70 und 100 Franken für einen neuen Titel. Zum Vergleich: Das ist als würden sich auf Netflix die Top-Serien und -Filme nur gegen extra Bezahlung streamen lassen. Ein Ärgernis.

2. Die Internetverbindung: Geschwindigkeit allein reicht nicht

Google verspricht, dass man mit einer Internetverbindung von 10 Megabits pro Sekunde (Mbps) bereits Games in HD-Qualität streamen könne. Stadia schafft jedoch auch 4K-Auflösung und eine Wiederholungsrate von 60 Bildern pro Sekunde. Wer in 4K-Auflösung pro Sekunde gamen will, braucht eine Internetverbindung von mindestens 35 Mbps. Das ist heute kein Luxus mehr.

Wir haben Stadia mit einer Verbindung von 100 Mbps getestet. Sollte eigentlich locker reichen, tut es aber nicht. Meist kam zuerst eine Fehlermeldung, dass die Leitung zu schwach sei. Beim zweiten Versuch klappte es dann, Goolge warnte jedoch, dass es wegen schwacher Verbindung zu Unterbrüchen kommen könne. Das passierte aber nur selten. Sobald das Game startete, lief es generell flüssig und ohne Ruckler.

Probleme machte die Verbindung jedoch, wenn wir uns zu weite weg vom Wlan-Router begaben. Dann liess sich ein Spiel öfter nicht starten. Grundsätzlich gilt: Über die Qualität entscheidet nicht nur die Geschwindigkeit der Internetverbindung, sondern auch die Stärke des Wlan-Signals.

3. Die Nutzerfreundlichkeit: Auf dem Smartphone, top, auf dem TV flop

Die Smartphone-App bietet eine strukturierte Übersicht über die einzelnen Games sowie über Titel, die bald zu erwarten sind. Wie bei Netflix kann man durch das Angebot scrollen und sich ein Spiel aussuchen, auf das man gerade Lust hat. Auf dem Fernseher ist das unverständlicherweise nicht möglich. Auch wenn man Googles eigene Mini-Setup-Box Chromecast Ultra an seinen TV eingestöpselt hat, muss man das Spiel zuerst auf dem Handy aussuchen und dann auf den grossen Bildschirm Übertragen. Bequem in einer Gruppe auf dem Sofa fläzen und zusammen ein Spiel auswählen geht nicht.

Google verspricht, dass man während des Spiels nahtlos den Bildschirm wechseln kann. Heisst: Auf dem TV beginnen, dann kommt die Freundin nachhause und will die Nachrichten schauen, also wechselt man auf das Smartphone. In der Praxis geht das mässig. Die Hürde besteht darin, dass man den Controller zuerst abmelden und auf dem neuen Bildschirm wieder anmelden muss.

4. Der Controller: Auch Xbox- und Playstation-Joypads funktionieren. Aber nur manchmal

Das Design des Stadia-Controllers ist schlicht, er verfügt aber über alle Knöpfe, die man gewohnt ist und braucht. Das Tolle an Stadia ist aber, dass man den Service auch mit anderen Controllern nutzen kann – etwa mit jenen von Microsoft Xbox oder Sony Playstation. Auf dem PC oder auf dem Smartphone funktioniert das. Nicht aber auf dem TV. Über Chromcast Ultra kann man derzeit nur mit dem Stadia-Controller spielen. Das ist ein grosses Handicap: Schliesslich will man ja vor allem auf dem grossen Bildschirm und nicht auf Handys Games streamen.

Der Chromcast Ultra und der Stadia-Controller reichen für das Speielen auf dem TV.

Der Chromcast Ultra und der Stadia-Controller reichen für das Speielen auf dem TV.

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Schade, denn eigentlich haben wir uns bereits einen feuchtfröhlichen Game-Abend vorgestellt: Ein paar Freunde kommen vorbei, zwei bringen einen Playstation-Controller mit, man selbst legt zwei Xbox-Joypads hinzu, und dann spielt man eine Runde «Bomberman». Klappt leider nicht so leicht.

5. Das Fazit: Noch ersetzt Stadia die Konsole nicht

Das Konzept von Google macht absolut Sinn. Warum sollte man eine eigene Konsole zuhause haben, wenn man alle Spiele übers Netz streamen kann? Der DVD-Player ist schliesslich auch ausgestorben. Doch so einfach wie bei Filmen, ist das beim interaktiven Medium Videospiel nicht. Das zeigt sich nicht nur bei Stadia, sondern auch bei Konkurrenzprodukten wie Playstation Now, Nvidia GameStream oder Xbox GamPass.

Damit das Streaming klappt sind zwei Dinge wichtig: Einerseits ein über den ganzen Erdball dicht ausgebautes Netz von Serverfarmen. Hier ist Google – aber auch Microsoft gut aufgestellt. Zweitens: Ein gutes Portfolio an Spielen. Hier hapert es bei Stadia. Offenbar stehen Game-Vertriebe einem Abo-Modell noch skeptisch gegenüber. Lieber wollen sie ihre Titel für gutes Geld einzeln Verkaufen.

Klar ist auch: Ob Stadia, Playstation, Xbox oder Switch – am Ende entscheiden die Exklusivtitel über die Wahl der Nutzer. Bereits hat Google die ersten eigenen Spiele lanciert und machte von sich Reden durch den Kauf der Gameschmiede Typhoon Studios. So wie Netflix eigene Filme und Serien produziert, macht Google nun Videospiele. Fest steht aber auch: Google ist neu im Geschäft und Stadia ersetzt derzeit die Playstation 5 oder die neuste Xbox noch nicht.