Glosse
Der Aargauer als Stilikone: Dieser Trend haut alle aus den Socken

Weisse Socken sind gerade cool. Das macht die Aargauer nicht nur zum Vorbild für andere Kantone.

Simon Maurer
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Wäre in diesem Look auch in Ueken AG willkommen: Bella Hadid.

Wäre in diesem Look auch in Ueken AG willkommen: Bella Hadid.

Getty Images

Was hat die Schweiz gelacht über den Aargau. Besonders in Zürich verriss man sich jahrzehntelang mit Freude das Maul über die Nachbarn im Rüebliland. Sie hätten einen schlechten Fahrstil («AG – Achtung Gefahr») und einen noch schlechteren Modegeschmack. Weisse Socken, das inoffizielle Erkennungsmerkmal des Aargauers, avancierten in Zwinglis Stadt zur ultimativen Modesünde. Stolze Stadtzürcher griffen gar lieber zum Ambri-Piotta-Schal als zu weissen Socken im Stile der Mode im Nachbarkanton.

Nach Jahren des Spotts hat sich nun aber der Wind gedreht. In Paris und New York laufen Stars wie Bella Hadid oder Kaia Gerber mit weissen Socken an den Füssen über Laufstege. Popsänger Justin Bieber flaniert mit weiss bedeckten Knöcheln durch Los Angeles, als käme er aus Unterlunkhofen.

Und selbst am Zürcher Bellevue sieht man bereits mehr «Wiissöckler» als FCZ-Fans.

Weisse Socken sollen Lockerheit demonstrieren

Dass Aargauerinnen und Aargauer entsprechend zu Stilikonen avancieren, ist aber eher unfreiwilliger Natur. Internationale Designmarken wie Michael Kors, die jetzt ein ganzes Sortiment an weissen Socken vorweisen können, haben sich selbstredend nicht vom mittelländischen Kantönligeist inspirieren lassen, sondern setzen im Sinne des Zeitgeistes auf Athleisure – den Trend, Sportoutfits im Alltag zu tragen.

Dazu passt, dass in diesem Sommer Kleider im Stil der Tennis-Mode aus den 90er-Jahren, wie sie etwa Baywatch-Legende Pamela Anderson oft trug, angesagt sind. Und da ist die weisse Socke auf langem Bein noch immer ein zuverlässiger Blickfang. Schliesslich hat man seine Waden ja nicht stundenlang im Gym trainiert, damit sie dann niemand bemerkt.

Ein feministisches Statement wie in den 1930er-Jahren sind die weissen Socken heute aber nicht mehr. Vielmehr wollen sie Lockerheit demonstrieren und zeigen, wie wenig die Trägerin oder der Träger sich an die Gesetze der Modepolizei hält. Socken in Sandalen gelten seit langem als No-Go? Dann trägt sie der Moderebell erst recht genau so.

Weisse Socken sind indes nicht nur in weissen Schuhen vertretbar. Wichtig zu bedenken ist beim Hype nur, dass man den Füssen zwischendurch dann doch ein wenig frische Luft gönnt. Denn stinkende Füsse bleiben nach wie vor ein Tabu, egal wie stylish ihr Gewand aussieht.

Ganz nebenbei freuen sich auch die Luxuslabels: Seitdem weisse Socken wieder wortwörtlich en vogue sind, ist der Preis für ein Sockenpaar rasant gestiegen. Ein lohnendes Geschäft: Mit einem kleinen Stück Stoff erzielen sie einen besonders grossen Profit. Kunden mit kleinerem Portemonnaie wiederum gibt der Trend die Möglichkeit, sich auch mal ein Kleidungsstück einer Luxusmarke zu leisten. Für satte 165 Franken kann man sich nun Socken von Yves Saint Laurent über die Füsse streifen – inklusive gut sichtbaren Logos, versteht sich. Ideal für alle, die gerne dezent klotzen wollen.

Womit wir wieder bei den Zürchern wären. Genau betrachtet, passen die alten Aargauerklischees heute nämlich viel besser zum hippen Lebensgefühl der Stadtjugend: Sie trägt weisse Socken und isst erst noch gerne Rüebli vom Biobauer aus dem Aargau. Vielleicht wäre die nächste Swiss Fashion Week deshalb besser bei den Trendsettern in Baden oder Aarau aufgehoben.