WHO-Studie
Wurst ja oder nein? «Wenn ich verhungere, kriege ich wenigstens keinen Krebs»

Experten der Weltgesundheits-Organisation (WHO) stufen den Verzehr von verarbeitetem Fleisch – wie etwa Wurst – als krebserregend ein. Und jetzt, mit Blick auf den Teller: weiteressen oder endgültig verzichten?

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Gestelle mit Cervelats werden aus einer Koch- und Räucherkammer geschoben (Archivbild).

Gestelle mit Cervelats werden aus einer Koch- und Räucherkammer geschoben (Archivbild).

Keystone
Pro: «Wenn ich verhungere, kriege ich wenigstens keinen Krebs» (Roman Seiler, Wirtschaftsredaktor) Ob Kalb, Schaf, Schwein oder Wild: Einmal geschlachtet, landen von diesen Viechern nicht nur das Filet oder das Entrecôte in den Auslagen der Metzger. Nur sind diese vielen Stücke halt nicht mehr beliebt. Obwohl die sich oft viel schmackhafter zubereiten lassen als die Edelstücke. Ich verspeise lieber ein währschaftes Ochsenschwanzragout oder eine saftige Haxe als ein Filet. Ebenfalls viel schmackhafter sind Stücke, die verwurstet werden. Nur schon beim Gedanken an eine Fenchelsalami aus der Toscana, eine Salametti vom Kastanienschwein, einen Bauernschüblig aus dem Rauch oder einen Wurstsalat läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Am vergangenen Wochenende genoss ich wieder mal eine deftige Metzgete im «Anker» in Teufen AR mit exquisit gewürzten Blut-, Leber- und Siedwürsten. Morgen kommt Schwartenmagen und eine Getreidewurst mit Herz, Kopf und Federkohl auf den Tisch. Hausgemacht von meiner Frau – natürlich lecker. Auf all dies soll ich subito verzichten? Denn damit steige das Risiko, an Krebs zu erkranken, sagt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation. Was soll ich nun essen? Poulets? Von denen bekomme ich eine Vogelgrippe, hiess es vor einigen Jahren. Schweinefleisch auch nicht. Es war in Deutschland mit Dioxin verseucht. Damit überproportional belastet seien zudem Eier von Freilandhühnern, behauptete der «Kassensturz» einst. Keinen unpasteurisierten Vacherin Mont d’Or, er könnte Listerien enthalten, hiess es. Fische aus dem Meer darf ich gemäss einer aktuellen Kampagne nur ein Mal pro Monat geniessen. Die Meere sind überfischt. Aus unseren Seen kommt kaum mehr ein Schwanz, weil die Gewässer zu sauber sind. Ja, zum Teufel, was soll ich denn nun also noch guten Gewissens geniessen? Reine Schonkost, hat man mir mal beigebracht, sei eher schädlich. Menschen müssten nun halt mal ebenfalls Fleisch essen. Wenn möglich, tue ich das in Bio-Qualität aus Rücksicht vor den Tieren – und aus Liebe zur Umwelt. Aber ich lasse mir von Studienschreibern und anderen Gesundbetern nicht den Genuss verbieten. Sonst gilt nämlich in letzter Konsequenz: Wenn ich verhungere, kriege ich wenigstens keinen Krebs.

Pro: «Wenn ich verhungere, kriege ich wenigstens keinen Krebs» (Roman Seiler, Wirtschaftsredaktor) Ob Kalb, Schaf, Schwein oder Wild: Einmal geschlachtet, landen von diesen Viechern nicht nur das Filet oder das Entrecôte in den Auslagen der Metzger. Nur sind diese vielen Stücke halt nicht mehr beliebt. Obwohl die sich oft viel schmackhafter zubereiten lassen als die Edelstücke. Ich verspeise lieber ein währschaftes Ochsenschwanzragout oder eine saftige Haxe als ein Filet. Ebenfalls viel schmackhafter sind Stücke, die verwurstet werden. Nur schon beim Gedanken an eine Fenchelsalami aus der Toscana, eine Salametti vom Kastanienschwein, einen Bauernschüblig aus dem Rauch oder einen Wurstsalat läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Am vergangenen Wochenende genoss ich wieder mal eine deftige Metzgete im «Anker» in Teufen AR mit exquisit gewürzten Blut-, Leber- und Siedwürsten. Morgen kommt Schwartenmagen und eine Getreidewurst mit Herz, Kopf und Federkohl auf den Tisch. Hausgemacht von meiner Frau – natürlich lecker. Auf all dies soll ich subito verzichten? Denn damit steige das Risiko, an Krebs zu erkranken, sagt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation. Was soll ich nun essen? Poulets? Von denen bekomme ich eine Vogelgrippe, hiess es vor einigen Jahren. Schweinefleisch auch nicht. Es war in Deutschland mit Dioxin verseucht. Damit überproportional belastet seien zudem Eier von Freilandhühnern, behauptete der «Kassensturz» einst. Keinen unpasteurisierten Vacherin Mont d’Or, er könnte Listerien enthalten, hiess es. Fische aus dem Meer darf ich gemäss einer aktuellen Kampagne nur ein Mal pro Monat geniessen. Die Meere sind überfischt. Aus unseren Seen kommt kaum mehr ein Schwanz, weil die Gewässer zu sauber sind. Ja, zum Teufel, was soll ich denn nun also noch guten Gewissens geniessen? Reine Schonkost, hat man mir mal beigebracht, sei eher schädlich. Menschen müssten nun halt mal ebenfalls Fleisch essen. Wenn möglich, tue ich das in Bio-Qualität aus Rücksicht vor den Tieren – und aus Liebe zur Umwelt. Aber ich lasse mir von Studienschreibern und anderen Gesundbetern nicht den Genuss verbieten. Sonst gilt nämlich in letzter Konsequenz: Wenn ich verhungere, kriege ich wenigstens keinen Krebs.

Nordwestschweiz
Kontra: «Schon klar, Gelüste sind für viele schwer zu kontrollieren» (Andrea Weibel, Redaktorin Aargau) Würste sind ungesund, das sollte jedem klar sein. Sie erhöhen das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und frühen Tod. Diese Resultate werden alle paar Jahre durch Studien bestätigt. Die neueste WHO-Studie stuft verarbeitetes Fleisch wie Würste und Co. in die Gruppe 1 der krebserregenden Stoffe ein, zusammen mit Tabak, Asbest und Röntgenstrahlung. Ein Grund, seinen Wurstkonsum zu hinterfragen? Für viele Wurstfreunde nicht. «Hauptsache fein», sagen sie schulterzuckend. Doch wie sieht es mit ihrer Tierliebe aus? «Ich könnte nie auf Fleisch verzichten, aber wenn ich Fleisch kaufe, dann schaue ich darauf, dass es gutes Fleisch aus tiergerechter Haltung und aus der Schweiz ist.» Diesen Satz sagen gefühlte 99 Prozent der Fleischesser, sobald es um Fleischkonsum geht. Ein wunderbarer Satz, um sein Gewissen zu beruhigen. Selbst wenn sie im nächsten Moment wieder in eine Wurst beissen. Aber, liebe Fleischesser: Wurst ist auch Fleisch – auch wenn es nicht wirklich danach aussieht, und man sich nach Enthüllungsskandalen jeweils nicht mehr ganz sicher ist. Bei Wurst kann jedoch kaum jemand sagen, ob die Tiere, deren Fleisch bunt durcheinandergeworfen in einen Darm gedrückt wurde, zu Lebzeiten artgerecht gehalten wurden. Das gewissenberuhigende Argument wird missachtet. Wieder folgt Schulterzucken und Gerede über die «Ausnahme, die man sich mal gönnen darf». Schon klar, Gelüste sind für viele schwer zu kontrollieren. Spricht der Magen, sind sämtliche Argumente wurscht. Aber, liebe Wurstfreunde, genau hier könnte jeder ein Stück zum Tier- und Umweltschutz beitragen. Wenn ihr unbedingt Fleisch essen müsst, dann macht wenigstens euer Gewissensargument wahr. Kauft – statt täglich irgendwelche Würste in Form von Salamibrötli, Cervelat und Minipic, bei denen ihr definitiv nicht nachfragt, woher das Fleisch stammt –, einmal pro Woche ein Stück Fleisch von gut gehaltenen Tieren. Denn mit diesem «Hauptsache fein»-Fleischkonsum trägt man nicht nur zum Leid der Tiere bei, sondern unterstützt das Abholzen ganzer Regenwälder für den Anbau von Tiernahrung oder neue Krankheiten durch Antibiotika im Fleisch. All das müsste nicht sein, wenn man wenigstens wirklich darauf achtet, woher das Fleisch kommt. Und das geht bei Würsten so gut wie nie.

Kontra: «Schon klar, Gelüste sind für viele schwer zu kontrollieren» (Andrea Weibel, Redaktorin Aargau) Würste sind ungesund, das sollte jedem klar sein. Sie erhöhen das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und frühen Tod. Diese Resultate werden alle paar Jahre durch Studien bestätigt. Die neueste WHO-Studie stuft verarbeitetes Fleisch wie Würste und Co. in die Gruppe 1 der krebserregenden Stoffe ein, zusammen mit Tabak, Asbest und Röntgenstrahlung. Ein Grund, seinen Wurstkonsum zu hinterfragen? Für viele Wurstfreunde nicht. «Hauptsache fein», sagen sie schulterzuckend. Doch wie sieht es mit ihrer Tierliebe aus? «Ich könnte nie auf Fleisch verzichten, aber wenn ich Fleisch kaufe, dann schaue ich darauf, dass es gutes Fleisch aus tiergerechter Haltung und aus der Schweiz ist.» Diesen Satz sagen gefühlte 99 Prozent der Fleischesser, sobald es um Fleischkonsum geht. Ein wunderbarer Satz, um sein Gewissen zu beruhigen. Selbst wenn sie im nächsten Moment wieder in eine Wurst beissen. Aber, liebe Fleischesser: Wurst ist auch Fleisch – auch wenn es nicht wirklich danach aussieht, und man sich nach Enthüllungsskandalen jeweils nicht mehr ganz sicher ist. Bei Wurst kann jedoch kaum jemand sagen, ob die Tiere, deren Fleisch bunt durcheinandergeworfen in einen Darm gedrückt wurde, zu Lebzeiten artgerecht gehalten wurden. Das gewissenberuhigende Argument wird missachtet. Wieder folgt Schulterzucken und Gerede über die «Ausnahme, die man sich mal gönnen darf». Schon klar, Gelüste sind für viele schwer zu kontrollieren. Spricht der Magen, sind sämtliche Argumente wurscht. Aber, liebe Wurstfreunde, genau hier könnte jeder ein Stück zum Tier- und Umweltschutz beitragen. Wenn ihr unbedingt Fleisch essen müsst, dann macht wenigstens euer Gewissensargument wahr. Kauft – statt täglich irgendwelche Würste in Form von Salamibrötli, Cervelat und Minipic, bei denen ihr definitiv nicht nachfragt, woher das Fleisch stammt –, einmal pro Woche ein Stück Fleisch von gut gehaltenen Tieren. Denn mit diesem «Hauptsache fein»-Fleischkonsum trägt man nicht nur zum Leid der Tiere bei, sondern unterstützt das Abholzen ganzer Regenwälder für den Anbau von Tiernahrung oder neue Krankheiten durch Antibiotika im Fleisch. All das müsste nicht sein, wenn man wenigstens wirklich darauf achtet, woher das Fleisch kommt. Und das geht bei Würsten so gut wie nie.

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