Medizinball

Wegen eines Fitnesstrends kehrt das lederne Monster zurück

Das einstige Hassobjekt ist wieder in: der Medizinball.

Er brockte uns den Medizinball ein: William Muldoon

Das einstige Hassobjekt ist wieder in: der Medizinball.

Die schwere, stinkige, klebrige Kugel war das Folterinstrument für Generationen von Schülern. Jetzt erlebt der Medizinball - das einstige Hassobjekt - ein Comeback in den Fitness-Studios

Schulerlebnisse haben es so an sich, dass sie mit der Zeit verblassen oder sich «verschönern» und wir sie plötzlich viel positiver in Erinnerung haben, als sie tatsächlich waren. Doch auch viele Jahrzehnte später bleibt über dem Turnunterricht ein düsterer Schleier. Die Marschschritte, die wir jeweils auf Geheiss des schon betagten Turnlehrers im Tambourin-Takt zu laufen hatten, waren das eine. Viel schlimmer war es, wenn er die falsche Tür des Geräteschranks öffnete und die schweren braunen Lederkugeln hervorholte.

Diese stinkigen, klebrigen Medizinbälle erschienen uns Schulkindern wie ein Folterinstrument, irgendwie fehl am Platz für unsere noch dünnen Ärmchen. Rollen ging ja noch, aber Anheben war definitiv nicht nach unserem Geschmack. Nur die paar doofen Jungs, die etwas mehr Oberarme hatten, fanden Gefallen daran und nutzten den Medizinball schon mal als Wurfgeschoss. Kurzum: Die meisten waren froh, wenn die Dreikilo-Bälle im Schrank blieben.

Ball mit neuem Image

Nun sind sie wieder da! Es scheint fast, als wäre das Trauma aus der Jugend völlig vergessen. Plötzlich tauchen sie nämlich auch ausserhalb der Turnhalle auf. Männer und Frauen jeden Alters treffen sich heute zum «CrossFit», «Functional Training» oder «Speedball Fitness». Sie strecken sich an Reckstangen, hüpfen über Springseile, stemmen Sandsäcke – und wuchten Medizinbälle. Ganz freiwillig.

In den letzten Jahrzehnten ging der Trend beim Fitness zu Hochglanzchrom. Nun also wollen die Leute wieder etwas anderes. Zum Beispiel das einstige Hassobjekt Medizinball. Der Ball kann ja nichts für sein Image, vielmehr waren es die Übungen. «Es ist endlich Zeit, das Trauma zu überwinden», findet Regina Münstermann. Die Bernerin ist Speedball-Fitness-Instruktorin und weiss mit dem Ungetüm umzugehen. Vor allem aber räumt sie mit den verstaubten Vorurteilen auf: «Der moderne Medizinball wiegt ein Kilogramm und hat eine duftneutrale Oberfläche.»

Effizientes Training

Die neue Art, den Ball zur körperlichen Fitness zu nutzen, macht trainingswissenschaftlich durchaus Sinn. Man schwingt ihn um die Körpermitte, schiebt, zieht und hebt ihn mit schwungvollen Bewegungen. «Das raffinierte Rezept bei Speedball-Fitness ist das Beschleunigen und Bremsen», erklärt Münstermann. Die Übungen sind höchst wirkungsvoll. Jeder Muskel am Körper wird bearbeitet. Dabei werden bei Power-Musik klassische Elemente des Medizinballtrainings mit Übungen aus Kampfsport und dessen einfachen Schrittfolgen kombiniert. «Wenn man vorher nur an den Kraftmaschinen trainiert hat, wird man überrascht sein von der Effizienz des Trainings.»

Dazu wird freilich nicht mehr der lederne «Vollball» benutzt, wie er früher hiess, weil er nicht wie andere Bälle mit Luft aufgepumpt, sondern mit Wildhaaren oder Korkgranulat gefüllt war. Die neue Generation erinnert eher an Basketbälle, die es in verschiedenen Farben, Grössen und Gewichten gibt. Mittlerweile gibt es sogar solche aus antibakteriellem Material, wie Urs Schmid vom Sportgeräte-Hersteller Alder+Eisenhut betont.

Heilmittel aus Übersee

Zurückgekehrt ist der Medizinball von dort, wo er einst seinen Siegeszug begonnen hatte: den Vereinigten Staaten. Im späten 19. Jahrhundert wurde er von William Muldoon als Übungsgerät für Boxer populär. Überzeugt von der gesundheitsfördernden und kräftigenden Wirkung des schweren Balls, gab er ihm den Namen «medicine ball». In den 1920er-Jahren schwappte der Trend des Sportgeräts auf den europäischen Kontinent über.

In alten Zeitschriften aus jener Zeit wird in euphorischen Artikeln vom Medizinball als universales Heilmittel geschwärmt. Durch die Benutzung könne man auf dem kürzesten Wege zu einer einfachen und zugleich inhaltsreichen Körperbildung gelangen. Auch die Frauen übrigens, denen der Medizinball helfen sollte, ihre Gebärfähigkeit zu verbessern. Man war davon überzeugt, dass sie mit gestähltem Körper besser für Schwangerschaft und Geburt gerüstet seien. Rasch fand der Medizinball auch hierzulande eine grosse Verbreitung, denn man konnte ihn überall einsetzen, es bedurfte keinen grossen Erklärungen. Der Ball kam nicht nur im Turnverein zur Anwendung, sondern auch am Strand und sogar zu Hause – sozusagen als Hometrainer. So gehört er seit langem zum Inventar im Sportunterricht und steht auch heute noch auf der Geräteliste des Bundesamtes für Sport.

Universell einsetzbar

Dass der Medizinball in den Fitnessstudios ein Revival feiert, löst bei Andreas Lanz ein süffisantes Lächeln aus. Für den Personal- und Athletiktrainer kommt der Boom nicht überraschend. «Bei den Fitness-Trends ist es wie in der Mode: Sie kommen und gehen. Waren es vor zwei Jahren die Kettle Bells, die Kugelhanteln, ist es aktuell der Medizinball.» Dieser sei bei Sportlern schon immer ein wichtiges Trainingsinstrument gewesen. So setzt Lanz, der in Bern das Studio Tatkraft-Werk führt, ihn auch im Training bei Spitzensportlern wie Degenfechter Fabian Kauter, Schwinger Remo Käser oder dem Swiss-Taekwondo-Team ein.

Woran liegt es, dass nun Fitnessfreaks und Gesundheitssportler den früher verhassten Ball wieder lieb gewonnen haben? «Er bietet ein sehr ganzheitliches Training», findet Regina Münstermann. «Und die Übungen sind einfach und effizient, jeder kann sie sofort umsetzen.» Sofern man richtig instruiert werde, sei auch die Verletzungsgefahr gering. Für den Medizinball spreche, dass man ihn heute ganz anders einsetze als noch zur Schulzeit, betont Andreas Lanz. «Inzwischen hat man viel komplexere Bewegungsmuster entwickelt, die sich mit einem solchen Ball üben lassen.»

Der Medizinball wird uns wohl überleben. Zeit also, dem einstigen Folterinstrument nochmals eine Chance zu geben.

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