Draussen ist es kalt, wir sind mitten in der Grippesaison. «Die Influenzasaison ist diesen Winter noch nicht so stark», sagt Werner Albrich von der Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen. Am meisten von Grippe geplagt sind in der Schweiz Kleinkinder bis vier Jahre – welche die Viren dann später an Erwachsene weitergeben. Die meisten erkranken dabei wegen viraler Atemwegsinfekte wie Erkältungen und grippaler Infekte. Diese Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gründen für Antibiotikaverschreibungen.

Und diese bereiten Werner Albrich Sorge. Der Medizin entgleitet das Schwert gegen bösartige Bakterien immer mehr, weil die Resistenzen gegen Antibiotika zunehmen. «Deshalb wollen wir Infektiologen den rationalen Einsatz von Antibiotika fördern», sagt Albrich. «Erkältungen sind in aller Regel Virusinfekte, bei denen Antibiotika nichts bringen, aber trotzdem unnötigerweise oft eingesetzt werden. Und dieser unnötige Einsatz fördert die Resistenzen.»

Albrich macht sich stattdessen für den Wirkstoff Echinacea stark: «Es konnte wissenschaftlich gezeigt werden, dass mit Echinacea der Antibiotikaverbrauch reduziert wird.» Dies ist ein Hauptgrund für eine von Albrich geleitete klinische Studie, in der 400 Erwachsene zurzeit zwei neue, von der Zulassungsbehörde Swissmedic freigegebene Echinaforce-Produkte testen.

Gewonnen wird der Wirkstoff Echinacea aus dem Roten Sonnenhut. Aus dessen Frischpflanzenextrakt und Alkohol werden die Echinaforce-Produkte hergestellt, die nicht nur vorbeugend, sondern auch heilend wirken sollen.

Gegen Viren und Bakterien

«Die Echinacea-Präparate wirken zum einen direkt gegen Viren», sagt Albrich. «Sie hemmen die Virusvermehrung, töten sie direkt ab und verhindern, dass sich die Viren an die Atemwegszellen anheften.» Der zweite wichtige Effekt sei die Immunmodulation. Das heisst, der Wirkstoff wirkt entzündungshemmend, fördert aber gleichzeitig das Immunsystem, sodass die Fresszellen aktiviert werden und Bakterien und Viren abtöten können. Ein weiterer Effekt ist, dass Echinacea die Anheftung von Bakterien an die Atemwegszellen blockiert.

Virusinfekte bahnen oft bakteriellen Infekten einen Weg. Das heisst, der Virusinfekt schädigt die Atemwegszellen und fördert dann das Eindringen der Bakterien in die Zellen. Dadurch kann oft erst der bakterielle Superinfekt entstehen. Echinacea verhindert also sowohl den Virus- als auch den Bakterieninfekt», erklärt Albrich. Und im Unterschied zu anderen Arzneimitteln sei bei Echinacea keine Resistenzentwicklung bekannt.

Die Echinaforce-Produkte aus dem thurgauischen Roggwil gibt es in Tabletten- und Tropfenform sowie als Spray und Hot Drink. Bei zwei neuen Präparaten aus der aktuellen Studie ist die Dosis deutlich gesteigert worden. Durch die neue Zusammensetzung erhofft man sich eine schnellere Heilung einer Infektion in den Atemwegen, wie Studienleiter Albrich sagt. Bis Ende Mai werden die 400 freiwilligen Probanden aus der Ostschweiz vier Echinaforce-Produkte testen – die zwei neuen, höher dosierten und im Vergleich zwei bereits im Handel erhältliche Medikamente.

Die Probanden werden ein Tagebuch führen und in der Klinik für Infektiologie überwacht. Gemessen werden die Erreger im Nasen-Rachen-Raum und deren Reduktion durch die Echinacea-Produkte. Finanziert wird die Studie von der Eidgenössischen Kommission für Technologie und Innovation KTI und von der Firma Bioforce AG, welche die Echinaforce-Produkte herstellt.

Weniger Lungenentzündungen

Die Studie in St. Gallen ist nicht die erste wissenschaftliche Untersuchung von Echinaforce-Medikamenten, wie Roland Schoop, Medical Advisor bei der Bioforce, erklärt. Eine erste Studie wurde im Jahr 2012 an einer Konferenz der «Royal Society of Medicine» in London präsentiert. Über vier Monate wurden 770 Probanden getestet.

Dabei zeigte sich, dass das Risiko einer Erkältung mit der Einnahme von Echinacea um 26 Prozent gesenkt werden konnte. Noch deutlicher waren die Effekte bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem – bei Rauchern, Gestressten und Personen mit wenig Schlaf. «Das Risiko konnte um 60 bis 80 Prozent gesenkt werden», sagt Schoop.

Eine weitere Studie zeigte, dass Echinaforce nicht nur Erkältungen verhindert, sondern auch Komplikationen daraus wie Lungen- oder Mittelohrentzündungen, gegen die sehr oft Antibiotika eingesetzt werden. Gemäss der im Jahr 2015 in London vorgestellten Studie reduzierte Echinacea das Risiko einer Lungenentzündung, eine der häufigsten Todesursachen, beinahe um 70 Prozent. Und die neuste Studie mit 200 Kindern aus dem Jahr 2018 brachte hervor, dass die Prophylaxe von Atemwegsinfekten mit Echinacea die Fiebertage um 67 Prozent reduziert, die Atemweginfekte um 33, die Komplikationen um 64 Prozent und deswegen die Antibiotikaverschreibungen um 73 Prozent geringer sind.

Es gibt jedoch auch eine Reihe von Studien und Übersichtsarbeiten, bei denen sich keine oder eine nur sehr geringe Wirkung von Echinacea-Produkten zeigte. Zudem wird vielen Studien mangelnde Aussagekraft wegen methodischer Mängel vorgeworfen. Die Wirksamkeit von Echinacea ist deshalb umstritten. Resultate der aktuellen Studie des Kantonsspitals St. Gallen werden Ende Jahr erwartet.