Ernährung
Gibt es ein Entkommen aus dem Zucker-Rausch der Schweizer?

In den nächsten vier Jahren soll der Zuckergehalt in Joghurt und Müesli reduziert werden. Darauf haben sich Bundesrat Alain Berset und Vertreter der Branche geeinigt. Christian Ryser von der Schweizerische Gesellschaft für Ernährung freut das.

Alexandra Fitz
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Zuckerkonsum pro Kopf pro Tag.

Zuckerkonsum pro Kopf pro Tag.

Nordwestschweiz

Herr Ryser, der Bund und Schweizer Lebensmittelfirmen wollen den Zucker in Lebensmitteln reduzieren. Was halten Sie davon?

Christian Ryser: Grundsätzlich begrüssen wir es, dass man mit einer Strategie den Zuckerkonsum in den Griff bekommen möchte. Überall, wo man kann, macht es Sinn, Zucker zu reduzieren. Wir sind aber gespannt, was für konkrete Massnahmen folgen werden oder ob es nur ein leeres Versprechen ist.

Christian Ryser, Geschäftsführer der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung

Christian Ryser, Geschäftsführer der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung

Zur Verfügung gestellt

Es klingt bisher noch ein wenig schwammig. Es ist ja erst eine Absichtserklärung, die Umsetzung erfolgt in den nächsten vier Jahren.

Die Reduzierung von Zucker ist heikel, das kann man nicht von heute auf morgen. Die Leute sind an einen gewissen Zuckergehalt gewöhnt. Würde man ihn schnell und drastisch reduzieren, hätte das sicher negative Auswirkungen auf den Absatz dieser Produkte.

Warum genau Joghurt und Frühstückscerealien? Sind das die «schlimmsten» Zuckerbomben?

Es sind zwei Produkte, die häufig sehr viel Zucker beinhalten. Es ist sehr wirksam da zu reduzieren, weil es der Konsument nicht so merkt, wenn die Reduktion in kleinen Schritten erfolgt. Zudem sind sie sehr verbreitet und gehören zur Basisernährung. Joghurt und Müesli sind Lebensmittel, die die Leute als sehr gesund erachten. Den meisten ist gar nicht bewusst, dass sie so viel Zucker enthalten können. Gerade morgens essen wir häufig zuckerhaltige Lebensmittel. Wahrscheinlich ist es lebensmitteltechnologisch auch einfach, dort einzugreifen. Dennoch hätten wir es begrüsst, wenn man auch Süssgetränke und Fertigprodukte, die sehr viel Zucker beinhalten, in den Fokus genommen hätte.

Werden wir den «fehlenden» Zucker im Joghurt schmecken?

Die Reduktion kann nur in kleinen Schritten erfolgen. Es braucht eine langsame Anpassung. Weil sich die Leute an den Zucker gewöhnt haben. Wenigstens hat man anders als beim Salz eher die Möglichkeit mit Aroma – beispielsweise Früchtearoma – den Zucker ein wenig zu ersetzen. Also das Joghurt aromatisch anders aufbereiten, dass man die Reduktion des Zuckers nicht so stark merkt.

Ist es richtig, dass der Staat im Sinne von Reduzierungen und Gesetzen eingreift?

Der Staat und die Wirtschaft haben eine Mitverantwortung für unsere Gesundheit. In diesem Sinne ist es gut, wenn die beiden Hauptakteure Verantwortung übernehmen. Wenn sie das zusammen machen, umso besser.

Wirtschaft ist ein gutes Stichwort. Emmi, Nestlé und Co. unterzeichnen ein Memorandum of Understandig mit dem Bund – warum sollten diese Firmen ein Interesse haben, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu senken?

Es ist spannend zu sehen, was für Versprechen diese Firmen machen und ob da wirklich etwas passiert.

Oder ob es eine Image-Kampagne bleibt?

Klar, in erster Linie wollen diese Unternehmen ihre Produkte an den Mann und an die Frau bringen. Aber sie haben in der letzten Zeit auch gemerkt, dass sie sich verantwortungsvoller verhalten und ihr Sortiment anpassen müssen. Die Leute sind beim Thema ausgewogene Ernährung sensibilisierter geworden. In anderen Ländern wie etwa in den USA gibt es bereits staatliche Eingriffe. In der Schweiz hinken wir auf der gesetzlichen Ebene hintennach. Da ist in der Schweiz noch nicht viel passiert.

Ist die Ernährung das neue Rauchen? Ein «Problemfaktor», in den der Staat irgendwann eingreift?

Essen ist existenziell wichtig. Rauchen und Alkohol nicht – sie sind klar als Drogen deklariert und haben direkt nachweisbare schädigende Wirkungen. Man kann das also nicht vergleichen. Man hat aber gemerkt, dass die Ernährung immer wichtiger wird. Gleichzeitig hat sich das Bewegungsverhalten verändert. Das ist für alle Folgekrankheiten wie etwa Herz-Kreislauf wichtig.

Sollte der Staat auch bei der Werbung für zuckerhaltige Produkte eingreifen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Die Produkte, die in der Lebensmittelpyramide ganz oben stehen (Anm. der Red. die mit einer sehr hohen Energiedichte – also eher «ungesund»), werden am stärksten beworben. Dort könnte man sehr viel bewirken. Insbesondere wenn man an Kinder und Jugendliche denkt, die sehr leicht beeinflussbar sind.

Wie viel Zucker sollte man täglich zu sich nehmen? Die WHO schlägt 25 Gramm pro Kopf und Tag vor. Das hat man doch wirklich sehr schnell. Was sagen Sie?

Die WHO macht Empfehlungen, die die ganze Welt betreffen. Da muss man auch Voraussetzungen von Entwicklungsländern berücksichtigen. Deswegen kann dieser Wert so nicht auf die Schweiz angewendet werden. Wir empfehlen 10 Prozent der Energiezufuhr in Form von Zucker, was im Durchschnitt zirka 50 Gramm am Tag ausmacht.

Da liegen wir aber mit 159 Gramm (siehe Grafik oben) ganz schön weit drüber.

Wir haben in der Schweiz keine Verzehr-, sondern nur Verbrauchsdaten. Die letzte Zahl, die ich kenne, ist von 2008 und da lag unser Konsum bei über 100 Gramm. In der Zwischenzeit hat der Süssgetränkekonsum stark zugenommen, daher wird auch unser Zuckerkonsum viel mehr sein als im letzten aktuellsten Bericht von 2012.

Mehr als das Doppelte also. Die Schweiz hat im Vergleich mit anderen Ländern einen sehr hohen Zuckerverbrauch.

Zucker ist in der Schweiz aus ernährungskultureller Sicht ein sehr wichtiges Lebensmittel. Es hat in der Schweiz eine grosse Tradition mit der Zuckerrübenindustrie, die stark subventioniert wurde und nach wie vor wird.

Wo versteckt sich der Zucker besonders gut und warum ist er in den letzten Jahren zu einem so riesigen Problem geworden?

Wir haben nebst den klassischen süssen Lebensmitteln mehr Süssgetränke, Energydrinks und verarbeitete Produkte, die Zucker enthalten. Das sind Halbfertig- und Fertigprodukte. Das grosse Problem: wir sehen gar nicht mehr, wo überall Zucker drinnen ist. Die Produkte kommen fast pfannenfertig auf den Tisch. Entsprechend ist die Sensibilisierung auch nicht mehr so stark, weil wir den Zucker nicht mehr selber beifügen.

Wir merken den Zucker gar nicht mehr?

Wenn wir in den Produkten keinen Zucker erwarten, konsumieren wir diese bedenkenlos und unwissend.

In den 70er- und 80er-Jahren hat die «Low-Fat-Bewegung» eingesetzt. Wir essen fettärmer als früher. Ist deshalb der Zuckerkonsum gestiegen? Wurde ein Übel durch ein anderes ersetzt?

Hingegen gibt es auch die «Low-Carb-Bewegung»! Wie auch immer, irgendwie muss man Geschmack herbekommen, egal ob über Fett oder Zucker.

Sind wir süchtig nach Zucker?

Ja, wir bevorzugen Süsses, es ist angelernt. Bereits die Muttermilch ist süss. Dass wir Süsses bevorzugen, ist angelernt. Das ist auch schwierig, davon wegzukommen, insbesondere wenn man den Zuckerkonsum noch sukzessive erhöht.

Haben Sie Tipps, wie wir uns vom Zucker wieder entwöhnen?

Süssigkeiten im Mass geniessen. Wasser trinken, denn ein Grossteil des Zuckerkonsums erfolgt über Süssgetränke. Selber und bewusst kochen und mit Mass Zucker verwenden. Da müssen die Leute aber wieder kochen lernen und Zeit haben dafür. Da sind andere Akteure auch gefragt.

Weil uns alles «vorgesüsst» wird, haben wir verlernt zu süssen?

Ja, genau. Selber süssen und würzen ist sehr wichtig. Ich lasse ja ein Fertigprodukt nicht stehen, ich sage einfach am Ende, es ist ein bisschen zu süss oder zu salzig gewesen. Aber ich esse es trotzdem, ich habe es ja gekauft. Vieles ist eben auch eine Gewöhnungssache. Die geschmackliche Umstellung braucht manchmal ein wenig Selbstdisziplinierung.

Der Bund lanciert eine neue Strategie zur Bekämpfung von Diabetes. Der Zuckerkonsum nimmt zu und Diabeteserkrankungen auch – in wiefern hängt dies zusammen?

Auch wenn es noch andere Faktoren gibt, vordergründig ist sicher der hohe Zuckerkonsum verantwortlich.