Gastkommentar
Von lauwarm bis hitzig: Im Sommer 2022 schlägt nicht nur das Wetter Kapriolen

Dürfen Berner Reggae-Künstler Dreadlocks tragen? Und sollen sexistische Schlagersongs verboten werden? Von diesen Fragen ist der Hitzesommer geprägt. Dabei gäbe es jetzt Wichtiges zu diskutieren.

Thomas Kessler*
Thomas Kessler*
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Betreibt die Reggae-Band Lauwarm kulturelle Aneignung?

Betreibt die Reggae-Band Lauwarm kulturelle Aneignung?

Keystone

Mit den 1.-August-Reden hat sich die Polit-Schweiz ganz traditionell zurückgemeldet. Ansonsten bietet das Sommerloch schrillere Schlagzeilen als sonst.

Zuerst die leichte Kost: Meine Berner Lieblingsbeiz aus Studentenzeiten, die «Brasserie Lorraine», hat international für Schlagzeilen gesorgt. Einige kulturwache Gäste sollen sich an einem Auftritt der coolen Berner Giele Lauwarm unwohl gefühlt haben. Die Band spielt neben Indie, World und Pop auch Mundart-Reggae, einzelne Musiker im Afrolook. Das war den Erweckten zu viel der «kulturellen Aneignung». Sie suchten darauf nicht das feinsinnige Gespräch zum komplexen Thema, sondern sorgten für den Abbruch des Konzerts – und verabschiedeten sich «französisch». Dass der Bandleader aus Brasilien stammt und angolanische Wurzeln hat, haben sie nicht bemerkt. Mani Matters «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» hätte wohl eine gröbere Magenverstimmung ausgelöst.

Hetzerei gegen albanische Trachtenfreunde

Das Gegenstück zur offenbar heiklen Welt des Kulturaustauschs bietet derzeit das Eidgenössische Schwingerfest in Pratteln. Neben der multikulturellen Wohnsiedlung Längi und dampfenden Industriebetrieben wird eine heile Alpenwelt inszeniert, so wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Berner Oberland für die englischen Touristen erfunden wurde. Es darf mit einem breiten Wohlsein bei den Gästen gerechnet werden. Unappetitlich war im Vorfeld jedoch eine anonyme Hetzerei gegen eine albanischstämmige Trachtenfreundin. Sie setzt sich für Kulturaustausch ein.

Auch die erhitzten Jungen der beiden Polparteien hatten ihren Auftritt: Dank ihrer Aufrufe gegen und für das deutsche Ballermann-Lied «Layla» hat es der Gröler auf Platz 1 der Charts geschafft. Wer sich den Clip dazu antun möchte, kann ihn bedenkenlos mit den Kindern der Nachbarin angucken. Nächste Coups der Jung-Rechten: Boykottaufruf gegen die UBS wegen Wokeismus; Strafanzeige gegen die «Lorraine» wegen Rassismus.

Die Extremwerte sind Teil des dramatischen Klimawandels

Weniger heiter sind die harten Fakten zu Wetter und Energie. Die ansonsten im Juli noch begehbaren Gletscher mussten für den Alpinismus geschlossen werden. Reissendes Schmelzwasser auf nacktem Eis und offene Spalten geben ein trauriges Bild ab. Andernorts trocknen Bäche und Wiesen aus. Die bitteren Kommentare der Bergführer und Bauern können nicht mehr ignoriert werden. Die Extremwerte sind Teil des dramatischen Klimawandels.

Stark gewandelt hat sich auch das helvetische Bewusstsein, stets im Überfluss leben zu können. Erstmals seit Generationen sind ernsthafte Mangellagen möglich. Mit Putin sitzt ein skrupelloser Despot am Hebel zu Gas, Öl und Getreide, der den Westen noch so gerne vorführt und den horriblen Angriffskrieg mit hohen Rohstoffpreisen bezahlen lässt.

Der neue Zar aus Moskau und der neue Sultan aus Ankara

Dabei ist auch mit grosskalibrigen Flinten zu rechnen, wie man sie im Kleinen aus den Gangsterfilmen kennt. Der neue Zar aus Moskau ist mit dem neuen Sultan aus Ankara im filmreifen, leider realen Wettbewerb um das grössere Schlitzohr. Als Erdogan Putin vor der Weltpresse eine lange Minute für das Handshake warten liess, revanchierte sich Putin keine 24 Stunden später mit der Bombardierung des Hafens von Odessa –, was gegenüber Erdogan und der UNO den gestreckten Mittelfinger zum eben unterzeichneten Getreideliefervertrag bedeutete.

Angesichts solcher Akteure auf der Weltbühne tut die Schweiz gut daran, endlich ihre Hausaufgaben zu erledigen und mit den Nachbarn krisenfeste Partnerschaften einzugehen. Wir haben weder saisonale Gasspeicher noch ein Abkommen mit Deutschland. Und die drei eigenen Gasförderprojekte eingestellt.

Zeit, das lähmende Verwalten zu beenden

Beispiel einer weiteren Aufgabe: Wie in dieser Zeitung zu lesen war, hat das Bewilligungsverfahren für die erste grosse bäuerliche Biogasanlage geschlagene sieben Jahre gedauert. Statt sechs Monate. Das Potenzial der landwirtschaftlichen Biogasproduktion liegt beim Energiebedarf der gesamten Schweizerischen Lastwagenflotte. Zudem ist biovergaste Gülle für die Pflanzen besser und emissionsärmer. Höchste Zeit also, das lähmende Verwalten zu beenden, die bürokratischen Hindernisse radikal abzubauen und die Transformation zu beschleunigen.

Liebe Bundespolitik, wir möchten nach den Sommerferien nicht mehr von Intrigen und bundesrätlichen Kapriolen lesen, sondern von agiler Gestaltungspolitik. Von überzeugenden Strategien zu Energie, Sicherheit, Europa, Umweltschutz und Digitalisierung. Und vom konkreten Handeln.

Thomas Kessler ist Mitglied des publizistischen Ausschusses von CH Media, beruflich spezialisiert auf Sicherheitsfragen, Migration und Integration.