Naturkatastrophe
Wie die Schweiz für den Aralsee kämpft

Wasserverschwendung macht aus dem Aralsee einen Tümpel. Ein Rekord-Staudamm könnte das Problem verschärfen. Die Schweiz engagiert sich für eine Lösung, die über den austrocknenden See hinausgeht

Mark Walther
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Satellitenbild

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Er war einmal der viertgrösste See der Welt. Dieses Jahr ist das Ostbecken des Aralsees komplett ausgetrocknet, wie ein Bild der Nasa zeigt. Es ist das erste Mal seit dem Mittelalter. Der Nasa-Satellit «Terra» schiesst seit dem Jahr 2000 jeden August ein Foto des schrumpfenden Gewässers im westlichen Grenzgebiet zwischen Kasachstan und Usbekistan. Er dokumentiert eine der grössten Naturkatastrophen, die der Mensch je verursacht hat.

Die Schweiz leistet einen grossen Beitrag zur Rettung des einst mächtigen Wasserreservoirs. In langfristig angelegten Projekten investiert sie Millionen, um das Wasserproblem in Zentralasien zu lösen, das weit über die Naturkatastrophe am Aralsee hinausgeht. «Die Schweiz ist als das führende Land in Wassermanagement anerkannt», sagt Thomas Walder von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Anreiz zum Sparen fehlt

Die übermässige Wassernutzung ist laut Walder auch mehr als 20 Jahre nach dem Zerfall des kommunistischen Staates ein ungelöstes Problem in Zentralasien. Weil die Bauern das Wasser gratis beziehen können, haben sie keinen Anreiz, sparsam mit der Ressource umzugehen. Der Anbau von Baumwolle, Hauptexportprodukt von Usbekistan, verschlingt im Vergleich zu anderen Agrarpflanzen Unmengen des kostbaren Guts. Weitere Probleme sind das anhaltende Bevölkerungswachstum und immer mehr Dürreperioden. «Zentralasien ist stark vom Klimawandel betroffen», sagt Walder.

Die Deza beschäftigt sich seit 14 Jahren mit dem zentralasiatischen Wasserproblem. Die ersten Entwicklungsprojekte zielten darauf ab, die Bauern auszubilden und untereinander zu organisieren, um so den Wasserverbrauch zu reduzieren. «Dann haben wir gemerkt, dass wir damit das Problem nicht lösen können», sagt Walder und fügt an: «Es muss etwas auf staatlicher Ebene geschehen. Die betroffenen Länder müssen ihre Wasserpolitik anpassen und das Problem gemeinsam anpacken.»

Das ganze Einzugsgebiet des Aralsees soll Teil der Lösung sein. Darum beteiligt sich die Deza seit letztem Jahr mit der Weltbank und weiteren Organisationen an grossen Projekten in Tadschikistan und Kirgistan. Beide Länder beheimaten grosse Quellflüsse, die sich zum Amudarja respektive Syrdarja zusammenschliessen. Nächstes Jahr kommt ein ähnliches Projekt in Usbekistan dazu. Bis 2023 investiert die Schweiz pro Land zwischen 7 und 15 Millionen Franken. Die Entwicklungszusammenarbeit soll bewirken, dass in den Einzugsgebieten der Hauptflüsse die wertvolle Flüssigkeit optimal genutzt wird. So soll auch wieder mehr davon in den Aralsee gelangen. In allen drei Ländern sind Schweizer Experten vor Ort, die unter anderem die grenzüberschreitende Zusammenarbeit unterstützen.

Spannungen zwischen Ländern

Hier taucht aber bereits das nächste Problem auf: Die multilaterale Kooperation gestaltet sich äusserst schwierig. Es herrschen Spannungen zwischen den Ländern, gerade wegen der Wassernutzung. Die grösste Verstimmung herrscht zwischen Usbekistan und Tadschikistan. Letzteres will den mit 335 Meter höchsten Staudamm der Welt bauen, um Strom zu produzieren. Pläne für dieses Bauwerk namens «Rogun» am Fluss Wachsch, der in den Amudarja fliesst, gab es bereits zu Sowjet-Zeiten. Usbekistan weiter unten am Fluss befürchtet, dass der südöstliche Nachbar das gestaute Wasser vor allem im Winter zur Energieproduktion ablassen könnte. Dieses Wasser würde der usbekischen Baumwollproduktion im Sommer fehlen. Noch mangelt es Tadschikistan aber an Geld für das Milliardenprojekt.

Ob die Entwicklungsprojekte den Aralsee retten, ist sich Walder nicht sicher. Das Schlimmste sei wohl noch nicht durchgestanden, da Bevölkerungswachstum und Klimawandel die Lage noch zuspitzen würden. Darum brauche es Lösungen. Auch die Bauern sollen für Wasser bezahlen müssen, nennt der Deza-Experte ein Beispiel. Dann bräuchte es aber alternative Einnahmequellen für die ohnehin schon armen Landwirte. «Das Problem lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen beheben», resümiert Walder.

Ein wenig Hoffnung besteht indes für das kleine Nordbecken des Aralsees: Dank einem 2005 von Kasachstan gebauten Damm steigt der Wasserpegel in diesem Teil wieder etwas an.

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