Klimawandel
Wandern, schrumpfen oder weichen: Wie Tiere auf den Klimawandel reagieren

Unser Klima verändert sich. Für viele Tierarten hat das gravierende Folgen. Welche profitieren davon? Welche nehmen Schaden? Welche passen sich an?

Kai Althoetmar
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Verschiedene Tierarten werden in ihren Lebensgewohnheiten vom Klimawandel beeinflusst.

Verschiedene Tierarten werden in ihren Lebensgewohnheiten vom Klimawandel beeinflusst.

Keystone

Für die eine Tierart gilt der Klimawandel als Bedrohung, für die andere als Chance. In Afrikas Savannen begünstigt der steigende CO2-Gehalt das Wachstum von Wäldern – was Waldelefant oder Schimpanse zwar freut, Savannenelefant oder Giraffe aber den Lebensraum entzieht.

Während den Eisbären mit dem Schwinden des Packeises ihr Lebensraum wegtaut, wurden an Englands seit je warmer Südküste schon Mondfische beobachtet, die sonst am Äquator vorkommen, und der Löffler, eine mediterrane Ibisart, nistet bereits im deutschen Wattenmeer.

Viele Arten sind zum Umsiedeln gezwungen, manchen eröffnen sich zusätzliche Lebensräume, anderen droht der Artentod, weil sie nicht ausweichen können. Viele zum Teil recht allgemeine Vorhersagen – etwa die von der Verschiebung von Lebensräumen Richtung Pole – entpuppen sich aber oft als zu schlicht. In anderen Fällen löst der Klimawandel Wechselwirkungen zwischen den Arten aus, die erst erforscht werden müssen.

Leoparden müssen wandern

Wie anderswo schmelzen auch auf dem «Dach der Welt» die Gletscher. Mit steigenden Temperaturen rückt die Vegetation in zuvor eisige Höhen vor. Bergaufwärts wandert nicht nur die Baumgrenze, die im Himalaja heute bei 4400 Metern liegt. Auch Tierarten erobern neue Höhenlagen, zum Beispiel der Leopard, der in den bewaldeten Hochtälern am Fusse von Mount Everest und Lhotse vorkommt. Dabei gibt es einen Verlierer: den Schneeleoparden. Sein Reich sind offene Gras- und Buschlandschaften, steinige und steile Bergmatten. Die beiden Leopardarten gehen sich aus dem Weg, um tödliche Konfrontationen zu vermeiden. Beliebig kann der Schneeleopard seine Reviere nicht nach oben ausdehnen.

«Schneeleoparden im Himalaja sind gefährdet durch die Dezimierung ihrer Beute, durch Wilderei und durch den Klimawandel», sagt der Verhaltensforscher Sandro Lovari von der Universität Siena. «All das kann für die Katze tödlich sein.»

Den Verlust von 30 bis 50 Prozent seiner Habitate im Himalaja sagt Lovari dem Schneeleoparden voraus.

US-Wildbiologe George Schaller beobachtet die Verschiebung von Lebensräumen durch den Klimawandel mit Sorge. «Die Tiere müssen mitwandern, über die Grenzen der heutigen Schutzgebiete hinaus», schreibt Schaller in einem Essay. Damit Tiere wie der Schneeleopard überleben können, brauche es ein Mosaik aus Kernzonen ohne Siedlungen und Menschen. Wo die Habitate der Tiere wandern, werden auch die Grenzen von Nationalparks und Reservaten wandern müssen.

Manche Arten wie der Leopard erobern mit steigenden Temperaturen zuvor allzu unwirtliche Regionen, auch indem sie bergauf ziehen. So ist der Klimawandel auch für die arktische Vogelwelt ein Lockruf weiter nach Norden. Doch so einfach ist es nicht, wie das Beispiel des Kormorans auf Grönland zeigt.

Kormorane brauchen Tageslicht

Bislang waren Forscher davon ausgegangen, dass auch Kormorane auf Grönland vom Klimawandel profitieren. Die Packeisschmelze gibt den Tauchvögeln das benötigte offene Gewässer. Wärmeres Meerwasser und wärmere Luft verlangen ihnen weniger Energie ab, um ihre Körpertemperatur zu halten – eigentlich gute Bedingungen, sich weiter nördlich zu orientieren.

In der Arktis erweist sich diese Gleichung aber als Milchbüchleinrechnung. Gründe sind die unveränderlichen Lichtverhältnisse und die Energiebilanzen von Vogelzügen. Für die Jagd nach Fischen sind Kormorane auf Tageslicht angewiesen. Ein wärmeres Meer reicht nicht, um die Tiere noch weiter Richtung Nordpol zu locken.

Der Temperaturanstieg im Meer beraubt Königspinguine ihrer Jagdgebiete.
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Schneeleoparden treibt der Klimawandel in die Höhe – das gefährdet sie.
Ein Meister der Anpassung im widrigsten Klima: Der texanische Salamander.
Die Lichtverhältnisse im Norden verunmöglichen Kormoranen das Leben dort.

Der Temperaturanstieg im Meer beraubt Königspinguine ihrer Jagdgebiete.

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Zur Brutzeit ab dem Frühjahr werden die Tage oberhalb des Nördlichen Polarkreises lang und länger, über den Winter legt sich im hohen Norden eine wochen- oder monatelange Polarnacht. Der Evolutionsbiologe Craig White von der australischen University of Queensland erforschte die Zusammenhänge. Mit seinen Kollegen kam er in einer Studie zu der Prognose, «dass die Überwinterungsgebiete der Kormorane grösstenteils unverändert bleiben – und zwar wegen des fehlenden Lichts im Winter».

Folglich bleiben die Wasservögel trotz Klimawandel eher standorttreu, so die Prognose der Forscher. Die Erkenntnisse dürften auch auf andere Beutegreifer der Arktis zutreffen, die auf Licht angewiesen sind, so die Wissenschafter. Einer Expansion ihrer Habitate nach Norden seien damit enge Grenzen gesetzt.

Den Pinguinen wirds zu warm

Andere Arten könnten gar nicht weiterziehen, weil sie ihre heimische Scholle nicht verlassen können. Ein Beispiel sind die grossen Populationen von Königspinguinen auf dem Crozet-Archipel im Indischen Ozean. Ihre Bestände gelten mit rund drei Millionen Individuen als stabil, doch setzt den Tauchvögeln der Klimawandel zu. «Königspinguine jagen vor allem im fischreichen Südpolarmeer», sagt Nicolas Hanuise von der Universität Strassburg. «Der Anstieg der Meerestemperatur verschiebt die Polarfront nach Süden.» Das vergrössert die Distanz zwischen den Brutkolonien und den Jagdgebieten der Tiere. Damit werde auf Dauer der Bruterfolg gefährdet, erklärt der Pinguin-Forscher. Steigen die Temperaturen weiter, werden die Crozet-Inseln auf Dauer schlichtweg zum falschen Ort für die Vögel.

Salamander als Ziehharmonikas

Die Evolution bringt andererseits enorme Anpassungsleistungen hervor. Der Südwesten der USA zum Beispiel ist eine Region, in der sich Dürren häufen. Auf welche kreative Art sich eine Amphibienart der Dürre anpasst, erfuhren Andrew Gluesenkamp, Herpetologe beim Texas Parks and Wildlife Department, und Nathan Bendik, Umweltwissenschafter der texanischen Hauptstadt Austin, bei Forschungen in Höhlen und Quellen. Ursprünglich hatten sie nur messen wollen, ob sich das Wachstum einer kleinen Lurchart, des seltenen Jollyville-Plateau-Salamanders, bei Dürre verlangsamt.

Eine aussergewöhnliche achtmonatige Dürre kam ihnen dabei zupass. Als sie die zuvor markierten und fotografierten Salamander nach der Dürre wieder einsammelten, hielten sie ausgezehrte Schrumpfversionen in ihren Händen. Die Kopf-Rumpf-Länge der Salamander war um bis zu acht Prozent kürzer als vor der Dürre, der Schwanz sogar um bis zu 23 Prozent. Im Frühjahr darauf hatten die Lurche ihre Verluste wieder mehr als kompensiert.

Unter Amphibien war das zeitweilige Einschrumpfen des Körpers bislang völlig unbekannt. Für das Phänomen gab es aber zuvor schon Beispiele. Meist sind die Tiere ungewöhnlich harten Umweltbedingungen und Futtermangel ausgesetzt. Zuletzt wurde das Ziehharmonika-Verhalten bei Meeresleguanen festgestellt, denen das Wetterphänomen El Niño vor der Westküste Südamerikas alle paar Jahre die Nahrung dezimiert. Die Leguane verlieren dabei bis zu zwanzig Prozent ihrer Körpergrösse. Gleichwohl überleben viele Individuen die Warmwasserphasen nicht.

«Das Schrumpfen des Körpers könnte eine Anpassung sein, um mit langen Phasen geringen Futterangebots fertig zu werden», analysiert Bendik in seiner Studie. Der Abbau von Fettreserven des Salamanders genüge offenbar nicht, um den widrigen Umweltbedingungen zu trotzen. «Für den weltweiten Niedergang der Amphibienpopulationen ist der Klimawandel eine treibende Kraft», so Bendik. Gestiegene Temperaturen und häufigere Dürren setzten den Kriechtieren zu. Für die Salamander und alle anderen Spezies lautet die Frage, ob sich die Art der veränderten Umwelt anpassen und dabei mit dem Tempo des Klimawandels mithalten kann.

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