Bushcraft

Sackmesser-Guru Felix Immler liefert Jung und Alt ans Messer

Stuhl, Bett, Küchenutensilien: Felix Immler ist Taschenmesser-Pädagoge und zeigt, was man mit einem Hegel alles tun kann. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

Er hat immer ein Taschenmesser im Hosensack. Und mehrfach Ersatz im Rucksack, im Auto gar einen Koffer voll mit dem Schweizer Kulturgut. Felix Immler ist so etwas wie der Schweizer Taschenmesser-Gott. «Wenn du durch den Wald streifst, musst du die Augen aufmachen. Überall liegen Dinge, aus denen du etwas Tolles schnitzen kannst», sagt der 30-Jährige mit dem ausgeprägten St. Galler Dialekt.

Es gibt wohl niemanden, der so geschmeidig mit dem Werkzeug umzugehen weiss, und niemanden, der so viele – wie Immler es selber nennt – «Projekte» mit dem Sackmesser kennt.

Wahrlich, egal ob Stuhl, Bett oder Küchenutensilien – Immler schnitzt alles und erinnert mit seinem Einfallsreichtum und seiner handwerklichen Begabung an MacGyver aus der gleichnamigen Kult-Serie. Fängt er einmal an, fällt er wie in Ekstase und vergisst alles um sich herum. So gerade auch jetzt, dass es bald dunkel wird.

Nicht frieren wie beim Survival

Was man mit einem Taschenmesser als einzigem industriell produzierten Werkzeug alles machen kann, zeigt Immler in seinem neuen Buch, das diese Tage in den Handel kommt. «Outdoor mit dem Taschenmesser. 63 Bushcraft-Projekte für Waldcamp und unterwegs».

Bushcraft kann mit Waldhandwerk übersetzt werden. Dabei geht es – anders als beim «Survival» – nicht um Notsituationen in der Wildnis. Nein, der Bushcrafter plant seinen Aufenthalt im Wald und macht es aus purer Freude. «Dieses ganze Survival-Zeug ist nichts für mich. Ich will nicht hungern und frieren», sagt Immler und setzt sein natürliches Lächeln auf. «Ich liebe einfach selbst gemachten Luxus. Das befriedigt mich.» Man nimmt ihm den Naturburschen ab, und versteht seine Freunde, wenn sie ihn Pitbull nennen. Nicht wegen seiner Statur, eher weil er sich in etwas reinbeissen kann. In ein Projekt.

Blasrohr - wies geht, zeigt Felix Immler

Blasrohr - wies geht, zeigt Felix Immler

Allein mit «Ranger Grip 79»

Wie etwa in sein Bushcamp, das er elf Kilometer von der St. Galler Innenstadt entfernt aufgebaut hat und das die Basis seines aktuellen Buches bildet. In Schlatt-Haslen in Appenzell Innerrhoden, dort, wo der Rotbach sich in eine enge Kurve schlängelt, hat er drei Monate an seinem Camp gewerkelt.

Er hatte nur «Ranger Grip 79» als Gefährten. Nein, das ist kein Schäferhund und auch kein Fallschirmjäger. Ranger Grip ist ein Taschenmesser von Victorinox von 130 Millimeter Länge und kostet 57 Franken. Mit Grip 79 hat sich Immler als Erstes improvisierte Werkzeuge wie Schaufel, Hammer und Grabstock gebastelt. Schritt für Schritt und mit etlichen Bildern erklärt Immler im Buch, wie das geht. Dann zeigt er, wie man Feuerstelle, Bett, Kühlschrank oder einen Steinofen baut. Ja, sogar Schwingbesen oder Nudelholz weiss er zu basteln. Nur mit dem Sackmesser und dem, was ihm der Wald um den Rotbach bietet.

Immler hat im Kinderheim gearbeitet. Am liebsten ging er mit den Kids in den Wald. Schliesslich war er selber bei den Pfadi, hat in seinem Erstberuf als Mechaniker immer schon gerne mit den Händen gearbeitet und dann auch noch die Ausbildung zum Naturpädagogen gemacht. Aber er musste die Kinder stets motivieren, mit ihm rauszugehen.

Er suchte einen Anknüpfungspunkt, um sie in die Natur zu locken. Wenn er das Sackmesser hervorkramte, standen alle um ihn herum, guckten gespannt und wollten auch eines haben. «Immer wenn ein Kind mit dem Sackmesser hantierte, spürte ich Freude und Anspannung zugleich», erklärt Immler das Dilemma, in dem er steckte.

Seine Frau meinte bloss: «Zeig ihnen wie man mit dem Messer umgeht.» Die Idee für einen Sackmesserkurs war geboren. Später folgte sein erstes Buch: «Werken mit dem Taschenmesser – 26 Schnitzanleitungen vom Klangstab bis zum Segelboot».

Mittlerweile hat der St. Galler seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Er hat sich von Immler, dem Sozialpädagogen im Kinderheim, verabschiedet und sich zum Taschenmesser-Instruktor geschliffen. Seit September letzten Jahres ist er bei der Firma Victorinox als Taschenmesserpädagoge und Messerinstruktor angestellt, gibt Kurse im Umgang mit dem Messer.

"Outdoor mit dem Taschenmesser" - Das neue Buch von Felix Immler

"Outdoor mit dem Taschenmesser" - Das neue Buch von Felix Immler

Im Hochzeitsanzug zur Audienz

Wenn Immler von der «Audienz» berichtet, die er beim Victorinox-Chef bekommen hat, blitzen seine Augen wie stählerne Messerklingen. Genau erinnert er sich noch, wie er, der bodenständige und einfach Gestrickte, sich in seinen Hochzeitsanzug warf und nervös auf den Big Boss wartete. «Dann betrat er den Raum, einfach im Pullover und in Manchesterhosen. Ich war total overdressed», erklärt Immler lachend. Carl Elsener junior war von seiner Idee, ein Buch zu schreiben, angetan und schickt ihn seither als Sackmesser-Instruktor durch die Schweiz. Schnitzkurse für Familien, Workshops für Lehrer – Immler bringt Kinder und Erwachsene ans Messer.

Vom Bushcamp in den VW-Bus

Auf die Frage «Für wen er das macht?» bleibt der sonst so quirlige und gesprächige Immler für einmal still. Es geht einen Moment, bis er sagt: «Für mich. Ich habe einfach Freude daran.» Aber er glaube auch, dass es den Kindern guttue. Er ist keiner, der Computer und Fernsehen verteufelt, trotzdem wünscht er sich, dass die Eltern ihre Kinder mehr für Aktivitäten in der frischen Luft begeistern.

«Es ist doch toll, wenn du dir so ein Camp in der freien Natur aufbaust», sagt Immler überschwänglich und fügt dann leiser an: «Ja, mir ist schon klar, dass nicht jeder etwas damit anfangen kann.»

Und bald verlässt auch er das Bushcamp wieder. Zumindest vorübergehend. Bald bekommt er von Victorinox einen VW-Bus, mit dem er dann als Taschenmesserpädagoge durch die Schweiz touren wird.

Felix Immler Outdoor mit dem Taschenmesser – 63 Bushcraft-Projekte für Waldcamp und unterwegs, AT Verlag, 200 S., Fr. 29.90.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1