Solar Impulse 2
Piccard: «Man muss mit viel Enttäuschung und Frustration auskommen»

Und wieder macht das Wetter den Solar-Piloten einen Strich durch die Rechnung. Wie schwierig der Pazifiküberflug wirklich ist, zeigt ein Einblick ins Hauptquartier der Solar Impulse.

Mark Walther, Monaco
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Piccard zeigt, wo gestern zwischengelandet wurde: Allerdings befindet sich das japanische Nagoya weiter südlich als es die Solar-Impulse-Crew auf dieser Karte markiert hat.

Piccard zeigt, wo gestern zwischengelandet wurde: Allerdings befindet sich das japanische Nagoya weiter südlich als es die Solar-Impulse-Crew auf dieser Karte markiert hat.

KEYSTONE

Nach 44 Stunden und zehn Minuten in der Luft war bereits wieder Schluss: Die Solar Impulse 2 landete ausserplanmässig im Nagoya. Eine undurchdringliche Kaltfront hatte den Piloten André Borschberg gezwungen, über dem Japanischen Meer eine Rechtskurve zu fliegen und im Land der aufgehenden Sonne einen Zwischenstopp einzulegen. Der Rekordflug von China nach Hawaii hatte am Samstagabend Schweizer Zeit begonnen und hätte sechs Tage und Nächte dauern sollen.

Die Sicherheit des Piloten gehe vor, teilte das Team auf seiner Website mit. Trotz des unvorhergesehenen Zwischenstopps hat Borschberg zwei Rekorde eingeheimst: Noch nie war ein Mensch so lange und so weit in einem solarbetriebenen Flugzeug unterwegs. Als der Sonnenvogel in Nagoya problemlos aufgesetzt hatte, überwog bei Bertrand Piccard im Mission Control Center (MCC) in Monaco denn auch die Freude: «Das ist trotz allem ein grosser Erfolg.»

Im Herzen Japans wartet Borschberg nun auf das Go zum Weiterflug. Das kommt allerdings erst, wenn sich in der Kaltfront, die seit Wochen zwischen Alaska und Taiwan liegt, wieder eine Lücke auftut. Die ungünstige Wetterlage hat dem Team der Solar Impulse 2 bereits mehrmals einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Start wurde mehrmals verschoben

Ursprünglich war der Start zur Königsetappe von Nanjing im Osten Chinas nach Hawaii für den 5. Mai geplant gewesen. Immer wieder schwang das Wetter zwar zugunsten der Solarcrew um. Kaum aber hatte Borschberg jeweils seine Pilotenstiefel geschnürt, kam alles wieder anders. Am Montag letzter Woche schien dieses Katz-und-Maus-Spiel dann endlich ein Ende zu haben: Auf dem Twitter-Account von Solar Impulse jagte plötzlich eine Meldung die nächste. Seit Tagen hatte das Team aus Meteorologen, Ingenieuren und Mathematikern ein günstiges Wetterfenster vor Augen. Diese Equipe arbeitet in Zwölfstundenschichten, um jede Regung des Wetters auf der über 8000 Kilometer langen Strecke über den Pazifik zu beobachten und eine passende Flugroute zu errechnen. Am Montagabend würde es so weit sein, da waren sich dieses Mal allesicher. Auch ich.

Auf Einladung des Solar-Impulse-Partners ABB hätten einige Journalisten aus der Schweiz im MCC den Start zur Königsetappe live mitverfolgen sollen. Ausser mir machte jedoch keiner die fortwährenden Verschiebungen mit. Somit stand ich an diesem Montag allein vor dem mit einem Zahlencode gesicherten Eingang des MCC. Es war vier Uhr nachmittags. Drinnen erwarteten mich Dutzende Koffer und sogar ein Rennvelo – die Solar-Impulse-Leute hatten wegen des Formel-1-Rennens ihr Stammhotel vorübergehend verlassen müssen. Jedoch traf ich weder auf in komplexe Rechnungen versunkene Mathematiker noch Wetterkarten studierende Meteorologen.

Der Grund war einfach: Nur Stunden zuvor hatte der Pazifiküberflug erneut verschoben werden müssen. Tagelang hatten sie alles diesem Startfenster untergeordnet. Mehr als vier Stunden habe er in den Tagen zuvor nie geschlafen, erzählte mir Piccard. Flugdirektor Raymond Clerc war nach 2,5 Stunden Schlaf am Montagmorgen bereits wieder im MCC. «Ich war sehr optimistisch, dass wir abheben könnten», sagte Clerc.

Doch ein minimer Wetterumschwung hat das Startfenster jäh zerschlagen. Ungünstige Winde, dichte Wolken über dem Meer und Nebel über dem Ausweichflughafen in Japan seien dafür verantwortlich gewesen, so Clerc. Zu dritt – Borschberg, Piccard und er – fällten sie schliesslich den Entscheid, auf besseres Wetter zu warten.

Alle fassten sich an den Händen

Die tage- und nächtelange Vorbereitung für Flug sieben war also vorerst umsonst. Während sich das Team für eine Sitzung in den gläsernen Kontrollraum zurückzog, unterhielt ich mich in der Lounge mit Blick auf die vor Monte Carlo treibenden Yachten mit Nicolas Lorétan. Der ABB-Ingenieur arbeitet in einem Team, das die technischen Anwendungen für Solar Impulse in Payerne testet. Mit ihm hatte die Verzögerung des Starts freilich nichts zu tun, denn die von ihm auf Funktionalität getesteten Geräte liefen einwandfrei. «Müssen sie auch, denn davon hängt letztlich die Sicherheit des Piloten ab», sagte Lorétan.

Mitten in unserem Gespräch ging die Sitzung der Solar-Impulse-Crew mit Jubel und Applaus zu Ende. In der Lounge stellten sich alle in einen Kreis für eine Teambuilding-Übung, fassten sich an den Händen. Bertrand Piccard überwachte das Geschehen genau. Die Stimmung sei nach wie vor gut, sagte er. «Wissen Sie: Wenn man etwas so Revolutionäres macht wie wir, dann muss man mit sehr viel Enttäuschung und Frustration auskommen.»

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