US-Wissenschaftlern ist es gelungen, Gehirne von Schweinen vier Stunden nach deren Schlachtung teilweise wiederzubeleben. Diese Forschungsergebnisse gelten als Sensation. Wie der britische Nachrichtensender «BBC News» berichtet, könnten sie eine neue Debatte über die Grenze zwischen Leben und Tod anstossen und die Therapiemöglichkeiten von Krankheiten wie Alzheimer ermöglichen.

Aber von Anfang an.

1. Wie gingen die Forscher vor?

Sie sammelten 32 Schweinehirne von einem Schlachthof und schlossen diese vier Stunden nach dem Tod der Schweine an ein spezielles Gerät an. Dieses wurde von einem Team der Yale Universität entwickelt und pumpte rhythmisch, um den Puls nachzuahmen eine Flüssigkeit um die Gehirne herum.

Die Flüssigkeit enthielt synthetisches Blut zum Transport von Sauerstoff und Medikamente, die das Absterben der Gehirnzellen verlangsamen oder umkehren. Dieser regenerierende Cocktail wurde den Schweinehirnen während sechs Stunden verabreicht.

2. Was waren die Ergebnisse der Studie?

In der englischen Fachzeitschrift «Nature» wird beschrieben, dass die Anzahl der toten Gehirnzellen reduziert werden konnten, Blutgefässe wiederhergestellt wurden und eine gewisse Gehirnaktivität zurückkehrte.

Die Forscher fanden funktionierende Synapsen vor, Verbindungen zwischen Gehirnzellen also, die miteinander kommunizieren. Auch zeigten die Gehirne eine normale Reaktion auf weitere Tests mit Medikamenten. Sie verbrauchten die gleiche Menge an Sauerstoff wie ein normales Gehirn.

Das alles 10 Stunden nach dem Tod der Tiere.

Allerdings gab es keine Anzeichen für eine elektrische Aktivität der Gehirne. Eine entsprechende Messung durch Elektroenzephalografie fiel negativ aus. Obwohl es spontane Aktivitäten der Nervenzellen im Gehirn gab, stellte sich keine netzwerkartige Kommunikation ein. Die Gehirne entwickelten also kein Bewusstsein oder Empfindungen. Zusammengefasst heisst das: Die Gehirne waren nach wie vor tot.

3. Welche Erkenntisse zogen die Forscher aus der Studie?

Die Studie zeigte im Ansatz, wie und wie schnell ein Gehirn stirbt. Bisher ging man davon aus, dass das Gehirn irreversibel Schaden nimmt, wenn es wenige Minuten keinen Sauerstoff erhält.

Nenad Sestan, Professor für Neurowissenschaften an der Yale Universität, sagte: «Der Zelltod im Gehirn erfolgt über ein längeres Zeitfenster hinweg, als wir bisher angenommen haben. Die Forschungsergebnisse zeigen uns, dass der Prozess des Zelltods ein schrittweiser Prozess ist. Diese Prozesse können hinausgezögert oder sogar rückgängig gemacht werden.»

4. Ist das Experiment ethisch unbedenklich?

Beim Nachrichtensender «BBC News» wird thematisiert, ob solche Experimente mit den Schweinehirnen ethisch bedenklich sind.

Laut den Forschern stammten die Gehirne aus der Fleischindustrie; die Tiere wurden also nicht für das Experiment in einem Labor aufgezogen. Allerdings waren die Wissenschaftler von Yale besorgt, dass sich die Schweine bewusst werden könnten, was mit dem körperlosen Gehirn passiert. Das Team überwachte deswegen die Gehirne ununterbrochen, um zu prüfen, ob es Anzeichen für eine höhere Gehirnaktivität gab. In diesem Fall hätten sie das Experiment mit einem Narkosemittel beendet.

In dem Magazin «Nature» schreiben Ethiker, es brauche nun neue Richtlinien für dieses Forschungsgebiet. Denn die Tiere, die in diesen Studien verwendet werden, seien zwar nicht lebendig, aber eben auch nicht völlig tot.

5. Wofür können die Forschungsergebnisse verwendet werden?

Bei dem Erforschen von Krankheiten wie Alzheimer könnten die Studie von grossem Nutzen sein. Auch für die Behandlung eines Schlaganfalls können die Forschungsergebnisse von Bedeutung sein. Gelingt es, die Nervenzellen nach einem Sauerstoffmangel zu reanimieren, könnte das die Regeneration des Gehirns verbessern.

Andrea Beckel-Mitchener vom nationalen US-Institut für psychische Gesundheit sagte: «Diese Forschungen könnte zu einer ganz neuen Art der Untersuchung des postmortalen Gehirns führen.»

Allerdings betonen die Studienleiter, man könne noch nicht sagen, ob man nach einem Sauerstoffmangel die normale Gehirnfunktion wiederhergestellt werden kann.

6. Ändert sich jetzt die Bedeutung des Todes?

Die Studie könnte Fragen dazu aufwerfen, wann ein Mensch als tot bezeichnet wird. Dominic Wilkinson, Professor für medizinische Ethik in Oxford sagte: «Wenn es in Zukunft möglich wäre, die Funktion des Gehirns nach dem Tod wiederherzustellen, hätte das natürlich wichtige Auswirkungen auf unsere Definition des Todes.» Derzeit sei das aber nicht der Fall. Die Diagnose «hirntot» sei nicht umkehrbar.

Auch Tara Spires-Jones, Professorin an der Universität Edinburgh sagte, mit der Studie sei man weit davon entfernt, menschliche Gehirnfunktionen nach dem Tod am Leben zu erhalten. Sie sagte: «Es ist eine vorübergehende Erhaltung einiger der grundlegenderen Zellfunktionen im Schweinehirn, nicht die Erhaltung von Denken und Persönlichkeit.»