Atommüll
100 000 Jahre Sperrgebiet: Wie markiert man ein Endlager?

Mindestens 100000 Jahre darf sich der Mensch radioaktiven Abfällen nicht nähern. Wie markiere ich die Entsorgungsanlage und wie teile ich mit, dass hier eine «No-go-Area» ist?

Christoph Bopp
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Herkömmliche Verbotsschilder dürften nicht funktionieren.

Herkömmliche Verbotsschilder dürften nicht funktionieren.

100 000 Jahre sind lang. Was vor 100 000 Jahren passierte, davon wissen wir nichts. Homo sapiens sapiens, wie wir uns selbst etwas grossmäulig klassifizieren, gab es schon. Er verfertigte und benutzte Steinwerkzeuge, aber das taten andere Hominidenarten vor ihm auch. Ob er bereits sprach, wissen wir nicht. Theoretisch hätte er es gekonnt. Denn äusserlich verändert hat sich der moderne Mensch nicht mehr. Der Sprachapparat war da, das Gehirn auch. Schreiben tat er mit Sicherheit nicht. Die ältesten Kochenritzungen, die man hat, sind wahrscheinlich nicht so alt. Und die ältesten figürlichen Darstellungen und Höhlenmalereien sind 30 000 bis 40 000 Jahre alt.

Berücksichtigt man das, wird man nicht mehr so leicht lachen ob der Frage, wie man denn so ein Tiefenlager markieren und anschreiben soll. Richtig schreiben kann der Mensch seit etwa 5000 Jahren, da gibt es die Keilschrifttexte und die Hieroglyphen. Einige schriftliche Zeugnisse kann man auch lesen und entziffern, andere hingegen nicht.

Wie lange bleibt eine Sprache sich selbst? Homers Epen in Altgriechisch muten uns schon ziemlich seltsam an. Auch das Alte Testament, wovon Teile etwa gleich alt sind, ist uns manchmal ziemlich fremd. Obwohl es da um ganz ähnliche Dinge geht. Die alten Israeliten schleppten ja ihre Bundeslade durch die Gegend. Und der Text wird nicht müde, davor zu warnen, da zu nahe heranzugehen. Autoren wie Erich von Däniken vermuten Elektrizität oder Radioaktivität. Aberglaube? Genau weiss man es nicht.

Wenn es die Sprache nicht kann, muss das Bild ran. Vielleicht sind ja unsere Nachgeborenen, die einen Atomkrieg, den Klimawandel, einen Meteoriteneinschlag oder sonst eine Katastrophe überlebt haben, wieder nomadisierende Barbaren, die das Schreiben und Lesen aufgegeben haben (oder als es mit den Smartphones nicht mehr ging, nicht mehr wieder lernen konnten). Der überzeugendste Versuch einer Warnung ist denn auch eine Art Comic.

Symbole scheinen uns unproblematisch. Aber es braucht nicht lange und sie sind ohne ihren Kontext miss- oder unverständlich. Das Atom-Flügelrad – von Däniken sieht vielleicht jetzt schon ein Raumschiff drin? Der Totenkopf – noch im Mittelalter war das eine theologisch-metaphysische Warnung: Denke dran, dass du mal sterben musst!

Am langlebigsten, sagen die Semiotiker, die das Zeichen erforschen, sind religiöse Dinge. Die Oberfläche einer Entsorgungsanlage sollte man deshalb wie eine Sakral-Anlage gestalten, so eine Art Atom-Stonehenge. Physiker und Atomtechniker sollten eine Priesterkaste bilden, die dem Volk die Warnung überbringt – wie damals bei der Bundeslade. Klappte schon damals nicht.

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