Eine Nase für Trends: Wie ein junger Schwabe zum Schaufenster-König des Globus wurde

Er hatte immer eine gute Idee: Art Director Erhard Lock hat 43 Jahre lang den ­optischen Auftritt des Globus ­geprägt. Seine ­exquisiten Schaufenster schrieben Geschichte. In seinem Daheim hat der Romantiker einen Paradiesgarten errichtet.

Text: Melissa Müller
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«Wenn es im Paradies so aussieht, freue ich mich»: Erhard Lock in seinem Garten, umgeben von selbstgestalteten Accessoires. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)
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In Indien liess der Stylist zarte Vorhänge zum Thema «Maharadscha» nähen.
König Ludwig als Weihnachtsschmuck.
Prunkvolles Dekor beim Weihnachtsthema St. Petersburg.
Der Arbeitsplatz des Maestros.
«Mein Bluffer»: Hirsch mit extra viel Schmuck im Geweih.
Lock züchtet seit seiner Kindheit weisse Tauben, die er auch zähmt.

«Wenn es im Paradies so aussieht, freue ich mich»: Erhard Lock in seinem Garten, umgeben von selbstgestalteten Accessoires. (Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

Erhard Lock hängt auch im Sommer Weihnachtsschmuck auf. In einem Erker seiner St.Galler Jugendstilvilla baumelt eine Christbaumkugel in Form eines uniformierten jungen Mannes mit Schnauz. «Das ist König Ludwig von Neuschwanstein, mein Alter Ego», sagt Erhard Lock ironisch. Der Märchenkönig, der mit seinen Schlössern seine eigene, extravagante Traumwelt schuf. Der 78-Jährige serviert dem Besuch auf einer silbernen Etagère Champagnertruffes. Weitere Vorbilder? «Donald Duck.»

An Ideen und Humor mangelt es ihm nicht: Erhard Lock hat 43 Jahre bei Globus die Schaufenster gestaltet. Seine Weihnachtsdekorationen schrieben Geschichte. Sie waren sogar eine Touristenattraktion. «Es fuhren extra Cars aus Deutschland nach St.Gallen, um sie zu sehen», sagt Lock. Das Londoner Nobelkaufhaus Harrods habe mehrmals versucht, ihn abzuwerben. Doch er blieb St.Gallen treu. Und bestimmte von dort aus den Look aller Globus-Filialen der Schweiz.

«Seine Nase roch die Zukunft», schrieb der damalige Unternehmensleiter Marcel Dietrich 2006 in einer Würdigung zur Pensionierung. Erhard Lock verfüge über Sensibilität, Kreativität, Imaginationskraft und Stilsicherheit. «Damit wurde er zum Kompass für den ganzen Globus.»

Diese Stehlen liess Erhard Lock in Indien nach seinen Zeichnungen anfertigen.

Diese Stehlen liess Erhard Lock in Indien nach seinen Zeichnungen anfertigen.

Glasmurmeln im ­ Dschungel vor der Haustür

Seit bald 50 Jahren wohnt der Stylist am St.Galler Rosenberg. Sein grösster Stolz ist der verwunschene Garten. Durch das schmiedeeiserne Gartentor betritt man einen Zauberwald. Ein Kiesweg aus Steinen und Glasmurmeln schlängelt sich durch einen grünen Dschungel. Wasser sprudelt aus einem Fischmund und fällt über Stufen in einen quadratischen Brunnen. «Wo sind nur meine zwei Kröten?», fragt der Hausherr, aber die Tierchen zeigen sich nicht. «Ich glaube, die wollen nicht in die Zeitung.»

Gartendekoration.

Gartendekoration.

Der ehemalige Art Director mit der silbergrauen Mähne ist von Kopf bis Fuss in Schwarz gekleidet. Ganz dem Klischee der Architekten und Kreativen entsprechend. Aber:

«Wenn man so viel mit Farben arbeitet, braucht es neutrale Kleidung.»

Der Kunstliebhaber und geschiedene Vater zweier Töchter hat ein Vorliebe für abstrakte Kunst. Für seine Schaufenster arbeitete er oft mit befreundeten Künstlern wie Karl Fürer und Fredy Kübler zusammen, denen er Illustrationsaufträge gab. Karl Fürer sagt über ihn: «Erhard Lock ging es beim Einrichten nie nur um Stil und Design, sondern immer auch ums Gemüt und Wohlbefinden.» Ein Sinnesmensch, der gerne mal über die Stränge schlägt, und findet: Man soll sein Leben leben. Und nicht immer vernünftig sein.

Eine Panne in St.Petersburg

Seine Karriere führte Lock nach Madrid, Marokko, New York, Paris und Hongkong, um Inspirationen für Globus zu sammeln, die Kamera stets griffbereit. 2005 flog er für das Weihnachtsthema St.Petersburg in die russische Metropole. Aber eine Fotopanne machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Die Bilder waren verschwommen. «Wunderbar», befand er, liess die nebulösen Aufnahmen in verschnörkelten Goldrahmen aufhängen – und erzielte damit eine romantische Stimmung. Auf solche Arten entstanden unverwechselbare Schaufenster.

Drei Tage lang geweint

Sein Talent zeigte sich schon früh: Aufgewachsen in Bad Friedrichshall als eines von fünf Kindern, modelliert er schon in der Schule heimlich Figürchen unter der Schulbank. Als Teenager muss er bei einem Eignungstest eine Dampfmaschine zusammenbauen. Er macht seine Sache so gut, dass er in einer Modellschreinerei in einem Industriebetrieb landet. «Das war schlimm. Ich weinte drei Tage lang.» Er hängt die Lehre an den Nagel, streift durch die Stadt – und bleibt fasziniert vor einem Modegeschäft stehen. Schaut zu, wie Leute ein Schaufenster dekorieren. Ein Mann streicht ihm übers Haar: «Buebli, was schaust du?», fragt er. «Was machen Sie da?», gibt der Jugendliche zurück. «Wir sind Dekorateure.» Zuhause am Familientisch eröffnet er seinen Eltern:

«Ich werde Dekorateur.»

Nach der Lehre will Erhard Lock in die Schweiz auswandern; die Zürcher Bahnhofsstrasse ist mit ihren noblen Schaufenstern schon damals international ein Begriff. Der 22-Jährige erhält die Zusage für eine Stelle beim Modehaus Grieder – aber der Vertrag kommt auf mysteriöse Weise nie bei ihm an, und er ist zu scheu um nachzufragen. Statt nach Zürich zieht er 1963 nach St.Gallen und tritt dort seine Lebensstelle an. Nach kurzer Zeit wird er zum Dekochef des Warenhauses befördert, wo er als guter, aber strenger Lehrmeister waltet. Auch er steht unter Druck. Sein Boss befiehlt ihm:

«Sorge dafür, dass Globus zum Gesprächsthema Nummer eins wird.»

Lock startet Aktionen wie «Globi trifft Mickey Mouse», die er in der Zeitung ankündigt. Rund 5000 Kinder kommen zum Bahnhof St.Gallen, wo Mickey Mouse wie ein Bundesrat auf Gleis 1 empfangen wird. Die Comicfigur – hinter dem Kostüm steckt eine Lehrtochter von Lock – wird mit einer Pferdekutsche zum Warenhaus gebracht, wo sie Globi kennen lernt.

Ein Brief an die Astronauten

Auf die Sommerferien hin stellt Lock seinem Team einmal das Thema «Matterhorn». 26 Schaufenster werden mit 26 Bergen aus verschiedensten Materialien geschmückt: Gips, Holz, Wolle. «Wir bestellten dann beim Tourismusdirektor von Zermatt einen Stein des Matterhorns.» Danach fragt er bei der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde an, ob die Astronauten den Stein mit auf den Mond nehmen könnten. «Sie schrieben höflich zurück, dass sie keine Steine ins All schleppen, wohl aber Steine auf die Erde hinunterbringen.» Dieses Schreiben stellt Lock ebenfalls ins Schaufenster. Immer wieder traut er sich, Geschichten zu erzählen und Begehren zu wecken, statt nur Produkte zu präsentieren. «Ich arbeitete Tag und Nacht, war oft ruhelos.»

Die meisten Objekte in seinem Garten - wie dieser indische Wärter - dienten ihm einst als Dekoration im Warenhaus.

Die meisten Objekte in seinem Garten - wie dieser indische Wärter - dienten ihm einst als Dekoration im Warenhaus.

Über 50 Mal in Indien

1986 wird er zum Art Director für dreidimensionales Gestalten ernannt. Von nun an tragen alle Filialen seine Handschrift. Dazu reist er über 50 Mal nach Indien und besucht Handwerksbetriebe, Schmiede, Töpfereien, Textilfirmen. Sie stellen nach seinen Skizzen exklusive Möbel, Wohnaccessoires und Requisiten her: Postkartenhalter, Holzschalen, riesige Kugeln aus Eisendraht oder Gartenmöbel mit verspielten Efeu-Verzierungen. «Es gab nichts ab Stange.»

Mit all diesen Objekten umgibt sich der Meister der geschmackvollen Inszenierung bis heute. Oxydiertes Eisen mag er besonders gern. «Es strahlt Vergänglichkeit aus».

Buffet im Esszimmer.

Buffet im Esszimmer.

Lock sieht die Magie auch in kleinen Dingen, in einer Glasscherbe, einer Vogelfeder, einem Eichenblatt. Und er freut sich wie ein Kind über ein Blech mit drei ­Löchern: «Sieht doch aus wie ein Gesicht.»

Eine bedrohte Kunst

(mem) Vor rund hundert Jahren, als es noch kein Fernsehen gab, stellten manche Schaufenster eine Sensation dar. Leute standen in Schlangen davor, um einen Blick darauf zu erhaschen. Die ersten Schaufenster wurden Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris eingerichtet. Früher ging es vor allem darum, Fülle und Menge zu demonstrieren. Alle Waren wurden bis zur Decke aufgestapelt.

Als die Glasindustrie dann grössere Fensterscheiben anfertigen konnte und es immer mehr Warenhäuser gab, wurde das Schaufenster zum ernst zu nehmenden Thema. Ladenbesitzer erkannten, dass es sehr darauf ankam, wie sie ihre Sachen präsentierten. Sie schmückten ihre Ware und setzten Schaufensterpuppen aus Wachs ein. Die Fenster sollten Kunden anlocken.

Künstler wie Andy Warhol, Robert Rauschenberg und Jean Tinguely verdienten ihren Lebensunterhalt zeitweise mit dem Dekorieren von Schaufenstern. Inzwischen hat das ­Online-Shopping dazu geführt, dass Schaufenster weniger Wertschätzung erfahren und viele Passanten auf ihre Handys starren. Fachleute beklagen eine sterbende Kultur. 

Woran er sich in der Stadt stört

Er habe sich als junger Mann sofort in St.Gallen verliebt, erzählt der Schwabe. Doch heute bekommt der Ästhet fast Bauchschmerzen, wenn er durch die Gassen spaziert. Hier die «ordinären» grauen Salzstreukisten, da die unpraktischen, viel zu niedrigen Bänkli aus Hartgummi, da die lieblos zusammen gezimmerten Holzhütten der Marronistände.

«Die Stadt sollte jemanden einstellen, der für Charme zuständig ist. Um Gottes Willen keinen Erbsenzähler! Es ist Zeit für eine Revolution der Gefühle.»

Früher erholte sich der Stylist gern auf Waldspaziergängen, «da konnte ich ganz für mich sein». Seit ihm beim Fotografieren ein Ast auf den Fuss krachte und die Knochen zertrümmerte, fällt ihm das Gehen schwerer. Umso mehr hängt er an seinem Fleck Natur vor dem Haus. Jede Pflanze, die da spriesst, entzückt ihn. Er hinkt zu seinem Lieblingsplatz, einem Glaspavillon, wo er morgens die Zeitung liest, und lässt sich ächzend auf den Stuhl nieder. In einer Volière gurren «meine Schätzeli», zwei weisse Tauben. «Schauen Sie, wie schön es hier aussieht», sagt er und deutet mit dem Spazierstock auf ein Ensemble von Vasen und Wasserschalen für die Vögel, hinter einer Pflanze räkelt sich eine antike Göttin aus Stein. «Also wenn es im Paradies so aussieht, dann freue ich mich.»