Luzerner Religionspreis
Eine Brücke als Symbol für religiöse Koexistenz

Maja Arnold aus Luzern hat als Maturaarbeit eine Erzählung geschrieben, die als Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Religionen zu lesen ist. Dafür hat sie den Luzerner Religionspreis 2021 erhalten.

Benno Bühlmann
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Maturandin Maja Arnold (18).

Maturandin Maja Arnold (18).

Bild: Nadja Schärli (Luzern, 22. Juni 2021)

Die «Alte Brücke» in Mostar galt 427 Jahre lang als wichtiges Symbol für die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Religionen auf dem Balkan. Am 9. November 1993 stürzte die Brücke in den Fluss Neretva, nachdem sie über Stunden beschossen worden war. Zwar ist sie inzwischen rekonstruiert. Allerdings ist Mostar seit dem Bosnienkrieg eine geteilte Stadt, wenn auch ohne sichtbare Mauer: In West-Mostar leben fast ausschliesslich bosnische Kroaten, in Ost-Mostar muslimische Bosniaken.

Kein Zufall also, dass das bekannte Wahrzeichen von Mostar auch in einer beeindruckenden Erzählung von Maja Arnold eine wichtige Rolle spielt. Die 18-jährige Luzernerin hat in ihrer Maturaarbeit einen literarischen Zugang sowohl zur bewegten Lebensgeschichte ihrer Mutter wie auch zu einem tragischen Kapitel europäischer Zeitgeschichte gefunden. Dieses herausragende Werk wurde nun von der Theologischen Fakultät und dem Religionswissenschaftliche Seminar der Universität Luzern mit dem «Luzerner Religionspreis 2021» ausgezeichnet (siehe Box am Ende des Textes). «Maja Arnolds Erzählung», so die Jury in ihrer Laudatio, «wirbt auf selbstverständliche Weise für ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen, sodass sie auch in ethischer Hinsicht relevant und damit preiswürdig ist.»

Muezzin-Ruf und Kirchenglocken

Dreissig Jahre ist es her: Im Frühjahr 1991 – kurz vor dem Ausbruch des Bosnienkrieges – schaffte es die Mutter von Maja Arnold, mit dem letzten Bus aus Sarajevo zu fliehen. Zuvor hatte sie das Gymnasium in einem Internat in Mostar absolviert. Das war eine Zeit, an die sie sich mit einer «Mischung aus Wehmut und Glück» erinnerte, meint Maja Arnold und beschreibt die damalige Atmosphäre in ihrem Büchlein mit folgenden Worten:

«Mittags, wenn ich über die heissen Pflastersteine lief, waren der Muezzin und das Läuten der Kirchenglocken gleichzeitig zu hören.»

Obwohl sie in einer atheistischen Familie aufgewachsen war, habe sie gespürt, dass Mostar besonders war. «Ich wusste es zu schätzen, dass all die Religionen und Nationalitäten friedlich an einem Ort lebten. Es fühlte sich an, als befände sich die ganze Welt auf einem Fleck.»

Die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte war für Maja Arnold und ihre Mutter eine grosse Chance und Herausforderung zugleich, weil mit den vergangenen Erlebnissen auch viele beklemmende Gefühle, Traumata, Trauer und Verlusterfahrungen verknüpft sind. Odilo Abgottspon, der als Deutschlehrer für die Betreuung der Maturaarbeit verantwortlich war, meint dazu: «Maja Arnold begnügte sich nicht mit einem sehr schwierigen Abschnitt aus dem Leben ihrer Mutter, sondern hatte von Anfang an die Intention, das Einzelschicksal einzubetten in die Geschichte dieses so sinnlosen Krieges. Sie zeichnete auf, wie Familien und Freundeskreise zerbrechen, wie Ohnmacht und Ängste den Einzelnen, ja die ganze Gesellschaft erfassen, wie ein Krieg die Zukunft von jungen Menschen zerstört.»

Stolz auf die eigene Mutter

Obwohl der Entstehungsprozess der Maturaarbeit kein Sonntagsspaziergang war, ist Maja Arnold im Rückblick sehr froh, dass sie sich der Herausforderung gestellt hat.

«Das Schreiben der Erzählung hat die innige Verbundenheit mit meiner Mutter noch weiter verstärkt – und ich bin heute mehr denn je stolz darauf, eine so starke Persönlichkeit als Mutter zu haben»

betont Maja Arnold. Dem Beispiel ihrer beiden Eltern folgend, möchte sie im Herbst ebenfalls ein Medizinstudium in Angriff nehmen. Ihre persönlichen Interessen sind allerdings sehr breit angelegt: Neben dem Faible für Naturwissenschaften wird für sie die Beschäftigung mit Musik, Literatur sowie existenziellen Themen aus der Philosophie und Religion auch in Zukunft von Bedeutung sein.

Mit der Aussicht, ihre Maturaarbeit in absehbarer Zeit in Buchform veröffentlichen zu können, erfüllt sich ein grosser Wunsch: «Es wäre schön, wenn ich mit diesem Buch einen Beitrag für mehr Respekt und Toleranz unter den Religionen leisten könnte, damit in dieser Welt ein friedliches Zusammenleben verschiedener Ethnien gefördert werden kann.»

Kontaktadresse für Personen, die mehr über das geplante Buchprojekt erfahren möchten: maja.arnold.03@gmail.com

Luzerner Religionspreis

Mit der Auszeichnung würdigen die Theologische Fakultät sowie das Religionswissenschaftliche Seminar der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern seit 15 Jahren das Engagement von Schülerinnen und Schülern im Hinblick auf das Themenspektrum Religion, indem sie herausragende Maturaarbeiten zum Thema Religion und Ethik auszeichnen. In diesem Jahr geht der mit 500 Franken dotierte Preis neben Maja Arnold auch an Selma Zoronjic für ihre Maturaarbeit über religiöse Vielfalt. Selma Zoronjic, die ebenfalls die Kantonsschule Alpenquai absolviert hat und für ihre Maturaarbeit auch noch mit dem diesjährigen Maturapreis der Universität Fribourg ausgezeichnet wurde, ist in dieser Zeitung bereits in der Ausgabe vom 5. März 2021 porträtiert worden.

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