Literatur
Düstere Aussichten: Warum immer mehr kritische Bücher auf den Markt kommen

Sie häufen sich unter den Neuerscheinungen: Bücher, die eine schwarzes Bild unserer Zukunft zeichnen. Das jüngste Beispiel: Juli Zehs neuer Roman «Leere Herzen». Was sagt uns das?

Anne-Sophie Scholl
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Literatur: Fünf dystopische Szenarien
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Datenterror: Martina Clavadetscher, Knochenlieder Eine abgeschiedene Gemeinschaft auf dem Land, ein Terrorregime, das über computergesteuerte Kontrolle jeden entferntesten Winkel ausleuchtet, ein Ort irgendwo in Übersee: In ihrem dreiteiligen Roman «Knochenlieder« zeichnet die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher eine bedrohliche Zukunft in betörender Sprache. Das Buch ist für den Schweizer Buchpreis nominiert, der am Sonntag verliehen wird.
Sexismus: Margaret Atwood, Der Report der Magd Die kanadische Autorin Margaret Atwood wurde soeben mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt. Ihr dystopischer Roman von 1985 entwirft ein totalitäres, patriarchales System, in dem wegen der Naturzerstörung nur noch wenige Frauen fruchtbar sind. Diese müssen den Herrschenden als Gebärmaschinen dienen. Das Buch analysiert die Triebkräfte für Sexismus in Gesellschaften.
Sprache: George Orwell, 1984 Der englische Schriftsteller George Orwell hat seinen Roman «1984» unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Er zeichnet darin einen totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984. Sein Protagonist, Mitglied der herrschenden Staatspartei, will sich der omnipräsenten Kontrolle entziehen und seine Vergangenheit erfahren, die vom Regime überschrieben wurde. Orwells Buch ist zum Klassiker geworden.
Techkonzern: Dave Eggers, The Circle In seinem Roman «The Circle» von 2013 porträtiert US-Autor Dave Eggers eine hippe, weltweit operierende Internet-Firma. Diese hat die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt. Ihre Kunden sind mit einer einzigen Internetidentität ausgestattet, durch die jede Anonymität wegfällt. Doch aus der umfassenden Transparenz entsteht soziale Kontrolle. Die Verfilmung mit Emma Watson und Tom Hanks läuft derzeit im Kino.
Populismus: Juli Zeh, Leere Herzen Ein Terrordienstleistungsunternehmen, das sterbewillige Menschen zu Organisationen führt, die sich mehr Aufmerksamkeit wünschen steht im Zentrum von Juli Zehs Roman «Leere Herzen». Als die Firma plötzlich Konkurrenz erhält, ist es mit der Ruhe und den sauber geregelten Abläufen vorbei. Parabelhaft führt die deutsche Autorin vor, wo Sinnentleerung hinführen kann. Das Buch erscheint nächste Woche.

Literatur: Fünf dystopische Szenarien

Katinka Reinke

Angela Merkel ist zurückgetreten, die «Bewegung Besorgte Bürger» ist an der Macht. Europa steht kurz vor der Auflösung. Im neuen Roman «Leere Herzen» der erfolgreichen deutschen Schriftstellerin Juli Zeh ist «Politik wie das Wetter: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber».

Der Mehrheit ist die Fähigkeit, für etwas einzustehen, abhandengekommen. Nur romantische Exoten erträumen sich ein Haus, wo sie sich aus der Welt ausklinken können. Die anderen haben sich Zynismus zugelegt. So Britta Söldner. Sie hat die verbreitete Abwesenheit von Sinn zum lukrativen Geschäft gemacht. Ihr Geschäftspartner Babak hat einen Algorithmus entwickelt, der jene Leute aus dem Internet fischt, die sich Selbstmordfantasien hingeben. Die Firma akquiriert diese Menschen, lässt sie ein zwölfstufiges Testverfahren durchlaufen.

Wer nach dem Schreiben eines Abschiedsbriefes, nach Psychotherapie, Waterboarding oder Todesdrohung noch immer auf seinen Selbstmordabsichten besteht, den führt das Unternehmen mit passenden Organisationen zusammen – ökologischen Aktivisten etwa, Tierschützern oder Separatisten. Die Firma ist ein Terrordienstleister. Die Sterbewilligen beglückt sie, indem sie ihrem Tod Sinn verleiht. Das Ganze wird sauber abgewickelt, nach definierten Regeln und möglichst ohne weiteren menschlichen Kollateralschaden. Chaotische Amokfahrten mit Lastwagen in Menschenmengen, die traurige Realität der heutigen Tage, gibt es nicht mehr.

Viele malen die Zukunft düster

Juli Zehs neuer Roman dreht aktuelle Entwicklungen wie den Aufstieg der AfD in Deutschland und die für den Dschihad angeworbenen Selbstmordattentäter weiter. Es ist nicht der einzige Roman, der aktuelle Tendenzen in ein albtraumartiges Szenario überführt. Jüngst fantasierte auch Charles Lewinsky in «Der Wille des Volkes» über eine Schweiz der nahen Zukunft, in der die Populisten an der Macht sind und über ihren Sprachgebrauch das Volk manipulieren. Der US-Amerikaner Omar Al Akkad malte in «American War» ein Szenario, in dem die USA in einem neuen Bürgerkrieg versinken. Der französische Starautor Michel Houellebecq fantasiert in «Die Unterwerfung» ein Frankreich herbei, in dem Islamisten die Macht übernommen haben. Dave Eggers aus den USA schrieb in «The Circle» über die Selbstüberwachung eines Techkonzerns nach dem Vorbild von Google.

Es gibt eine Häufung von Büchern, die ein düsteres Bild der Zukunft malen. Das bestätigt Literaturprofessor Philipp Theisohn, der am Deutschen Seminar der Universität Zürich über Science-Fiction in der Literatur forscht. Dystopische Erzählungen, also negative Utopien, befinden sich nicht nur in der Literatur im Aufschwung, auch im Film oder im Fernsehen – ein Zeichen für den Zustand der heutigen Welt?

Die Dystopie hat ihren Ursprung in der Modernitätserfahrung des Menschen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich der einzelne Mensch in der Gesellschaft repräsentiert fühlt, sagt Philipp Theisohn. Im Aufstieg von Autokraten wie Donald Trump oder im Brexit den Grund für das aktuelle Hoch von dystopischen Szenarien zu sehen, greife zu wenig tief. In der Dystopie gehe es nicht um das Monster von aussen, sondern um gefährliche Potenziale, die in uns selbst lauern.

Es geht um Wünsche nach Ordnung, Sicherheit oder wirtschaftlichem Erfolg, die in eine Bedrohung verkehrt werden. Und da ist noch ein anderer Aspekt: Dystopien können auch eine Form sein, auf spannende Art über ihr Gegenstück, die Utopie, zu sprechen. Utopische Romane gibt es nämlich praktisch keine – abgesehen von «Utopia» von Thomas Morus, dem Roman aus dem 16. Jahrhundert über eine ideale Gesellschaft, nach dem das Genre benannt ist. Über das Glück zu schreiben, ist schlicht nicht interessant.

Begriffe für die Gegenwart

Die wohl bekannteste Dystopie ist George Orwells Roman «1984», den der Autor 1949 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Das Buch hat ein Revival erlebt, im vergangenen Jahr war es bei Amazon eines der meistverkauften Bücher in den USA. Orwell skizziert in «1984» ein Szenario, in dem der Wunsch nach einem Staat, der sich um seine Mitglieder kümmert, in sein Gegenteil verkehrt ist, in Unterdrückung. Und mit der darin vorkommenden manipulierten Sprache «Neusprech» lanciert er das Thema einer Ausdrucksform, die es verunmöglicht, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Mit Fake News ist das in der Wirklichkeit angekommen.

«Die Dystopie kann Begriffe schaffen und Strukturen erkennen lassen, die in den Wissensschatz einwandern und helfen, die Gegenwart zu analysieren», sagt Philipp Theisohn. Orwells «Neusprech» ist ein Beispiel dafür. Ihre Stärke entfalte die Dystopie dabei, je weiter sie vom Alltag entfernt ist und je besser sie aufzeigen kann, wie die Fremdbeherrschung ein Verlust von Selbstbeherrschung ist. Margaret Atwoods Roman «Der Report der Magd» von 1985, der jüngst als Serie verfilmt wurde, zeichnet eine Zukunft, in der die meisten Menschen zeugungsunfähig geworden sind. Die wenigen noch fruchtbaren Frauen müssen als Gebärmaschinen dienen. Das Buch analysiert den Sexismus in Gesellschaften und fragt nach den Triebkräften. Auch dieser Roman ist wieder sehr aktuell.

Juli Zeh lässt ihr neues Buch in einer nur wenige Jahre entfernten Zukunft spielen. Ihr geht es darum, den Wert von Haltungen und die Bedeutung des öffentlichen Diskurses aufzuzeigen – demokratische Errungenschaften, die es heute zu bewahren gilt. Die Autorin packt ihr Thema in die Form eines Krimis – wie auch Charles Lewinsky in seinem Roman. Das kommt nicht von ungefähr. Die beiden Genres sind verwandt, sagt Philipp Theisohn. Bei der Dystopie und beim Krimi geht es darum, verdeckte Strukturen offenzulegen.

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