Reisen
Durch das unbekannte Böhmen schippern

Eine Fahrt auf der Moldau ist eine bequeme Möglichkeit, Böhmen zu erkunden. Da stolpern Besucher über Kleinode wie die Silberstadt Kuttenberg und passieren die Heimatstadt eines Nationalhelden.

Mathias Küng
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Das einstige Jesuitenkollegium (rechts) und der Dom der Unseco-Weltkulturerbe-Stadt Kutna Hora (Kuttenberg) in abendlicher Beleuchtung.
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Durchs unbekannte Böhmen schippern
Einzigartige Felslandschaft in der Sächsischen Schweiz nahe der deutschen Kulturmetropole Dresden.
Der Autor versucht sich in Kutna Hora als Münzenpräger.

Das einstige Jesuitenkollegium (rechts) und der Dom der Unseco-Weltkulturerbe-Stadt Kutna Hora (Kuttenberg) in abendlicher Beleuchtung.

Getty Images/Hemis.fr RM

Wer eine Reise nach Tschechien plant, denkt sofort an Prag. Verständlicherweise. Diese Stadt lässt sich immer wieder von neuem entdecken. Doch es lohnt sich, die eigenen Kreise über Prag hinaus geografisch weiter zu ziehen. Dabei entdeckt man Kleinodien, die den Tschechen zwar geläufig, hierzulande aber wenig bekannt sind. Allen voran die nach Prag einstmals wichtigste und einwohnerstärkste Stadt Kutna Hora (Kuttenberg) in Mittelböhmen, etwa 70 Kilometer östlich von Prag. Kuttenberg ist heute eine Stadt von der Grösse Aaraus. Bei einem Besuch wird einem rasch deren glanzvolle Vergangenheit bewusst.

Grandioser unfertiger Dom

Prächtige Bauwerke wie der Dom der heiligen Barbara oder das einstige Jesuitenkollegium zeugen von früherem Reichtum. Der Dom und die ganze Altstadt zählen zum Unesco-Weltkulturerbe. In gotischem Stil erbaut, wurde der Dom nie wirklich fertig. Die Westfassade ist eigentlich ein Provisorium. Das Kirchenschiff war deutlich länger geplant. Mitte des 16. Jahrhunderts gingen nämlich die Silberstätten zur Neige, die Kutna Hora zuvor so reich und gross gemacht hatten. Dies und noch viel mehr erfährt man auf einer Führung durch die Stadt.

Warum war Kutna Hora einst so reich und liegt heute abseits der grossen Touristenströme? Im 13. Jahrhundert wurden dort riesige grosse Silberlagerstätten entdeckt. Sie lösten einen jahrhundertelangen Boom aus. Bergleute wanderten vorab aus Deutschland zu. Deshalb auch der ursprünglich deutsche Name der Stadt. Dieser lässt sich vom mittelhochdeutschen Wort «Kutta» (Grube) ableiten, was auf den Bergbau verweist. Der Silberbergbau machte die Stadt zur «Schatzkammer» des Landes und zur zweitwichtigsten böhmischen Königsstadt nach Prag. In Kuttenberg wurde der berühmte Prager Groschen geprägt. Touristen können heute in der einstigen Münzstätte – passend zur damaligen Zeit gekleidet – selbst Münzen prägen. Leider nur aus Blech.

Schweiz am Wochenende

Gut zu wissen

Wer Mittelböhmen per Schiff erkunden will, kann dies mit einem Arrangement des auf Schiffsreisen spezialisierten Familienunternehmens Thurgau Travel machen. Auf der Moldau ist ihre «Florentina» unterwegs. Das Mittelklasseschiff bietet eine familiäre Atmosphäre – und Platz für 86 Personen in 46 Kabinen. Die tschechische Besatzung spricht auch Deutsch. Die Reiseleitung erfolgt in Deutsch und ist ausserordentlich kundig.

Die Flussreise beginnt und endet jeweils in Prag, das natürlich ebenfalls besichtigt wird. Die Moldaukreuzfahrten werden zwischen April und September angeboten. Sie dauern neun Tage und kosten ab 1490 Franken mit Vollpension und Bustransfer Zürich–Prag.

Wer nicht bis zum Frühling warten mag: Thurgau Travel bietet ganzjährig viele Schiffsreisen an, etwa auf dem Douro (Portugal), oder auf dem Mekong. (MKU)

Wenn das Silber ausgeht

Böhmen hat eine bewegte Geschichte. Es hat schon im 15. Jahrhundert erleben müssen, was andere Regionen im Zuge der Reformation 100 Jahre später durchmachten: fürchterliche Religionskriege. In den Hussitenkriegen in den 1420er-Jahren wurde die Stadtbevölkerung enorm dezimiert. Erst Jahrzehnte nach dieser Katastrophe erholte sich die Stadt wieder, verlor aber später ihre Bedeutung, als die Silberlagerstätten ausgeschöpft waren. Das tschechische Silbermuseum in Kutna Hora erinnert mit dem Nachbau einer mittelalterlichen Mine an die Silberbergbaugeschichte.

Ein Besuch von Kuttenberg lohnt sich besonders für kulturhistorisch Interessierte, die nicht mit Hunderten oder Tausenden anderen gleichzeitig einen Blick auf ein berühmtes Bauwerk oder ein Gemälde zu erhaschen versuchen. Kuttenberg ist touristisch noch nicht überlaufen. Und in hübschen sauberen Restaurants in der Altstadt isst man gut und sehr preiswert.

Ein Student als Nationalheld

Mittelböhmen kann man auf verschiedene Weise erkunden. Eine Möglichkeit ist eine Bootsreise auf der Moldau. So kann man überdies hervorragend entschleunigen. Entlang der Moldau harren weitere Sehenswürdigkeiten der Entdeckung, etwa das malerisch an der Einmündung der Moldau in die Elbe gelegene Städtchen Mělník. Es liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Prag. Der dort angebaute Wein steht für die bedeutendste Weinbaulage in Böhmen. Klar gibt es hier die Möglichkeit von Weinverkostungen. Stolz ist die Stadt auf «ihren» Sohn Jan Palach. Dieser Student hat sich 1969 in Prag aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Pakts öffentlich verbrannt. Palach gilt heute als Nationalheld.

Der Blick vom Schloss auf die Umgebung ist atemberaubend. Sehenswert auch die Propsteikirche St. Peter und Paul, das vor über 600 Jahren erbaute und im 17. Jahrhundert barockisierte Rathaus, der jüdische Friedhof und ein Beinhaus. Die Altstadt ist hübsch renoviert. Diese und andere gepflegte Städte stehen übrigens in starkem Kontrast zu vielen ärmlichen Dörfern auf dem Lande. Ebenfalls empfehlenswert ist das einst durch Handel wohlhabend gewordene Städtchen Litomerice (Leitmeritz) am rechten Elbufer, knapp 60 Kilometer nordnordwestlich von Prag. Es lockte seines milden Klimas wegen einst viele Pensionäre an. Sehr originell in der gepflegten Altstadt ist der Sitzungssaal der Stadtregierung. Einst liess nämlich ein Bürger, der seinen Reichtum unübersehbar zur Schau stellen wollte, auf dem Dach seines Hauses eine riesige Metallkugel montieren. Dorthin zog sich fortan die Stadtregierung für ihre Verhandlungen zurück, weil sie so niemand belauschen und stören konnte.

Auch Litomerice weist eine bewegte Geschichte auf. So brachte der Dreissigjährige Krieg häufig wechselnde Besatzungen, die mit schlimmen Verwüstungen endeten. Die Region erlitt einen fast totalen Bevölkerungsverlust: 1640 lebten noch 52 Bürger in der Stadt, in den Dörfern der Umgebung noch acht Personen.

Abstecher nach Sachsen

Von Tschechien her sind Dresden und die Sächsische Schweiz nicht auf dem Fluss erreichbar. Ein Ausflug im Rahmen einer Moldau-Schifffahrt führt denn auch mit dem Car nach Dresden. Die Kulturdenkmäler-Vielfalt dieser Stadt erschlägt den Besucher nahezu.

Ganz in der Nähe ist die Sächsische Schweiz. So nennt sich der deutsche Teil des Elbsandsteingebirges im Bundesland Sachsen. Diese durch bizarre Felsformen geprägte Landschaft liegt südöstlich der Stadt. Der Preis, den man hier als Besucher ebenso wie in Dresden zahlt, sind wahre Besucherströme. Doch der Blick auf diese Felsen und auf der andern Seite hinunter ins Elbtal ist so atemberaubend, dass man einmal im Leben dort gewesen sein muss.

Wer ob dieses Ausblicks Hunger und Durst verspürt, dem sei aber empfohlen, erst die Preise der Lokale vor Ort zu studieren. Die sind sogar für Schweizer hoch.

Entschleunigung auf dem Fluss

Um all diese und weitere Sehenswürdigkeiten zu sehen, muss man nicht von Ort zu Ort fahren und ständig neue Hotelzimmer beziehen. Die Reise im Hotelschiff (bei schönem Wetter mit «sünnele» auf dem Oberdeck) auf der Moldau wirkt enorm entschleunigend. Von den jeweiligen Anlegestellen ist man – ausser beim Ausflug nach Dresden und nach Kutna Hora – rasch bei der nächsten Sehenswürdigkeit. Wer es also etwas ruhiger angehen und trotzdem viel Neues kennen lernen will, ist hiermit gut bedient.

Diese Reise wurde durch den Reise-Veranstalter Thurgau Travel ermöglicht.