Lebenserwartung

Drogen, Suizid, Armut: Darum sterben US-Amerikaner früher als Schweizer

Arme Menschen haben eine sehr viel tiefere Lebenserwartung als reiche. (Symbolbild)

Arme Menschen haben eine sehr viel tiefere Lebenserwartung als reiche. (Symbolbild)

In den Vereinigten Staaten sinkt die Lebenserwartung. Schuld daran sind Heroin und Schmerzmittel, aber auch wirtschaftliche Probleme.

Wer im Jahr 2014 in den USA zur Welt kam, durfte statistisch damit rechnen, 78,9 Jahre alt zu werden. Drei Jahre später lag die Lebenserwartung noch bei 78,6 Jahren. Das ist kein grosser Rückgang, aber eine auffallende Trendwende. Zuvor hatte dieser Wert parallel zu den medizinischen Fortschritten stetig zugenommen.

Was also läuft schief? Dieser Frage ist ein Forschungsteam der Virginia Commonwealth University nachgegangen. In der Studie, die vergangene Woche in der Fachzeitschrift «Journal of the American Medical Association» erschienen ist, wird untersucht, weshalb gewisse Todesursachen häufiger geworden sind.

Zivilisationskrankheiten nehmen zu

Am stärksten zugenommen hat die Sterblichkeit bei Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren. Es häufen sich Suizide sowie Todesfälle durch Drogen und Alkoholschäden, es sterben aber auch mehr Menschen als früher an Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes.

Klar ist die Ursache für das Drogenproblem der USA. Zehntausende sterben jedes Jahr an einer Überdosis rezeptpflichtiger Schmerzmittel oder Heroin. Viele davon sind über ärztlich verschriebene Betäubungsmittel in die Sucht geraten.

Die Drogentoten tragen zum Sinken der Lebenserwartung bei, doch sie erklären nicht den ganzen Effekt. Es fällt auf, dass mit Alkohol und Suiziden zwei weitere Todesursachen auftauchen, die mit der psychischen Verfassung eines Menschen zusammenhängen. Und das wirft wiederum die Frage auf, ob sich die Lebensumstände in den USA verschlechtert haben.

Betroffen sind besonders stark jene Regionen, welche die grössten wirtschaftlichen Probleme haben. Und dort zeigt sich der Effekt seit den Achtzigern und Neunzigern, als in der Industrie zahlreiche Jobs verloren gingen. Die Autoren der Studie vermuten deshalb, dass wirtschaftliche Probleme ein wichtiger Faktor sind. Dazu passt, dass die Lebenserwartung für Menschen mit geringer Bildung und tiefem Einkommen stärker gesunken ist.

Wer finanzielle Probleme hat, ist in den USA oft auch medizinisch schlechter versorgt, da erstens nicht alle von einer Krankenversicherung profitieren und zweitens auch versicherte Patientinnen und Patienten mehr an ihre Behandlungen zahlen müssen als beispielsweise in der Schweiz.

Reiche Männer leben 14 Jahre länger als arme

Hinzu kommt, dass Armut und geringe Bildung das Risiko für Fettleibigkeit erhöhen. Folgen davon können Krankheiten wie Diabetes oder Herzinfarkte infolge Bluthochdruck sein – auch dies Gesundheitsprobleme, die sich in den vergangenen Jahren häuften und zur geringeren Lebenserwartung beitrugen. In einer früheren Studie konnte bereits ein deutlicher Zusammenhang zwischen Armut und Lebenserwartung in den USA gezeigt werden: Für das reichste Prozent der Bevölkerung liegt die Lebenserwartung massiv höher als für das ärmste Prozent und zwar um geschätzte 14 Jahre bei Männern und 10 Jahre bei Frauen.

Im Unterschied zu den USA nimmt die Lebenserwartung in den meisten reichen Ländern nach wie vor zu. Das hängt vermutlich mit der sozialen Sicherheit zusammen: Länder mit höherer Lebenserwartung investieren mehr für Sozialleistungen, heisst es in der amerikanischen Studie.

Obwohl pro Kopf nirgends so viel für die Gesundheit ausgegeben wird wie in den USA, ist die Lebenserwartung in anderen Ländern deutlich höher. In der Schweiz liegt sie bei 85,4 Jahren für Frauen und 81,7 für Männer, ungefähr fünf Jahre höher als in den USA. Sie steigt noch, jedoch hat sich der Anstieg in den vergangenen Jahren abgeflacht. Auch hier nehmen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes zu. Einer der Gründe könnte der Bewegungsmangel der Bevölkerung sein – ein Problem, das sich in den vergangenen 15 Jahren verschärft hat, wie die Weltgesundheitsorganisation jüngst bekanntgab.

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