CO2-Emissionen

Vom Bösewicht zum Musterknaben? Auch Autobauer VW will jetzt CO2-neutal werden

Den elektrischen Crossover I.D.4 will VW spätestens Anfang 2021 auf die Strasse bringen.

Den elektrischen Crossover I.D.4 will VW spätestens Anfang 2021 auf die Strasse bringen.

VW setzt auf E-Antrieb und will ab 2040 keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr bauen. Der grösste Autohersteller der Welt poliert damit nach dem Dieselskandal sein Image auf.

Ob die grossen Autohersteller es ernst meinen mit der Elektromobilität oder nicht, wird derzeit viel diskutiert. Papier ist bekanntlich geduldig, und Marketingmenschen sind fleissig – doch anhand von Tatsachen und Zahlen lässt sich erkennen, wer in der Autobranche tatsächlich zum Wandel steht. Wenn man den jüngst vom Volkswagen-Konzern kommunizierten Zahlen Glauben schenkt, tut sich beim grössten Autoproduzenten der Welt Grosses:

, sagt VW-Vorstandsmitglied Thomas Ulbrich.

75 neue Elektroautos in neun Jahren, das mag nach Grössenwahn ­klingen, doch für Volkswagen ist dieses Ziel logisch und erreichbar. Mit der teuren Entwicklung der Modularen E-Antrieb-­Plattform (MEB) ist der Konzern nun in der Lage, quer durch alle Marken und Segmente neue Modelle auf den Markt zu werfen, in einer Frequenz, dass der Konkurrenz schwindlig werden dürfte.

Als bisher einziger Hersteller kann General Motors etwas Ähnliches vorweisen: Die Amerikaner haben soeben ihre eigene modulare Elektro-Plattform vorgestellt. «Unser Team hat sich der Herausforderung gestellt, einen Wandel der Produktentwicklung bei GM zu vollziehen und unser Unternehmen für eine vollelektrische Zukunft zu positionieren», freut sich GM-CEO Mary Barra. «Damit stehen wir an der Schwelle zur Umsetzung eines profitablen E-Fahrzeuggeschäfts».

Elektrische Millionen und glaubhafter Wandel

Somit wird auch der grösste US-Autobauer mit seinen Marken Chevrolet, Cadillac, GMC, Buick und Wuling in den nächsten Jahren eine Reihe von neuen Elektro-Autos auf den Markt bringen, doch das Tempo von VW wird GM nicht mitgehen können.

, rechnet VW-Chefstratege Michael Jost vor.

Das wären 2,88 Millionen E-Autos pro Jahr – deutlich mehr, als noch im vergangenen Jahr von allen Herstellern weltweit zusammen verkauft wurden. «Dabei bekennen wir uns zum batterieelektrischen Antrieb. Wasserstoff wird in Zukunft zweifellos eine wichtige Rolle spielen, aber sicher nicht im Auto.» In Zukunft werde nur noch die Energiebilanz zählen, und die sei bei einem batteriebetriebenen Auto deutlich besser.

Der I.D.3 soll bis zu 550 Kilometer schaffen, bevor er an den Stecker muss.

Der I.D.3 soll bis zu 550 Kilometer schaffen, bevor er an den Stecker muss.

Grosse Worte von einem Konzern, der mit mehrfachen Schummeleien an der Abgasnachbehandlung Millionen von Kunden betrogen und dadurch die Dieselkrise ausgelöst hat. Ausgerechnet VW will sich nun als Treiber einer umweltfreundlichen Antriebsform positionieren – wie passt das zusammen? «Noch vor fünf Jahren stand VW nicht gerade für Innovation und Klimaschutz», sagt Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Doch für den Mitbegründer von «Scientists for Future», einer Initiative von Wissenschaftlern zur Unterstützung der Schülerbewegung «Fridays for Future», ist der Wandel vom Saulus zum Paulus glaubhaft:

Quaschning schlägt in die gleiche Kerbe wie der Wolfsburger Konzern: «Die CO2-Emissionen im Verkehrs­sektor sind dramatisch. Um die Klimaziele einhalten zu können, braucht es eine Disruption. Das geht nicht mit leicht sparsameren Motoren, wir ­brauchen eine komplett andere Stra­tegie.»

Auch für den Umweltforscher sind batterieelektrische Fahrzeuge die Lösung: «Der Wasserstoff-Antrieb ist einfach zu ineffizient.» Für Quaschning muss aber mehr passieren als nur die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf den Elektroantrieb: Die Zahl der Fahrzeuge müsse deutlich sinken und die Produktion der Autos deutlich klimafreundlicher werden.

Ziel: Klimaneutral sein bis im Jahr 2050

Auch in dem Punkt gibt sich Volks­wagen geläutert. «Wir sind verantwortlich für ein Prozent der gesamten ­globalen CO2-Emissionen», sagt ­der Chefstratege Michael Jost. Der Wolfsburger Konzern mit seinen Marken VW, Audi, Seat, ­Škoda, Porsche, ­Bentley und Lamborghini verursacht also ein Prozent des weltweiten Kohlenstoffdioxid-Aus­stosses – entsprechend viel kann ein Umdenken bei VW bewirken. «Wir beken­nen uns zum Pariser Klima­abkommen und ­wollen dieses eine ­Prozent auf null redu­zieren», bekräftigt VW-Chef­stratege Michael Jost und kündigt an:

Doch nicht nur dieses Ziel sei entscheidend, sondern auch der Weg dahin, gibt Ralf Pfitzner zu bedenken, der bei VW für die Konzern-Nachhaltigkeit zuständig ist. «Bis in fünf Jahren haben wir uns das Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoss eines VW-Fahrzeugs um 30 Prozent zu reduzieren.» Konkret: Ein durchschnittliches Fahrzeug des VW-Konzerns verursacht in seinem gesamten Lebenszyklus 43,8 Tonnen CO2, gemessen am Stand von 2015 auf Basis des veralteten NEFZ-Normverbrauchs.

Bevor der I.D.3 ausgeliefert werden kann, hat VW noch Software-Probleme zu lösen.

Bevor der I.D.3 ausgeliefert werden kann, hat VW noch Software-Probleme zu lösen.

Das will der Konzern als ersten Schritt bis 2025 auf 31,6 Tonnen reduzieren. Dafür gilt es, die gesamte ­Produktionskette klimafreundlich zu gestalten, von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung der Komponenten bei den Zulieferern und die Fertigung der Autos in den Werken bis hin zum Recycling und der Entsorgung am Ende der Lebens­dauer des Fahrzeugs.

Bereits im vergan­ge­nen Jahr konnte der VW-Konzern durch effizientere Produktionsmassnahmen nach eigenen Angaben 170 000 Tonnen CO2 einsparen – allein in den deutschen Werken.

Dass VW den Umstieg auf die E-Mobilität und das langfristige Ziel, in dreissig Jahren komplett CO2-neutral zu sein, ernst meint, bekräftigt VW-Chefstratege Michael Jost:

Der Modulare Querbaukasten MQB werde dann für zwei Fahrzeuggenerationen, also vierzehn Jahre lang eingesetzt, also bis 2040. «Danach ist Schluss mit der Produktion von Modellen mit Verbrennungsmotoren. Ziel 2050 bedeutet: Wir steigen komplett aus den fossilen Treibstoffen aus. Das meinen wir durchaus ernst.»

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