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Mit der Uhr telefonieren: Was Samsungs Smartwatch alles kann

Apps lassen sich nun am Handgelenk bedienen. Und auch telefonieren lässt sich mit der Smart-Watch. Samsung ist als erster Hersteller vorgprescht, Apple und Google werden folgen, Apple vielleicht schon nächste Woche.

Raffael Schuppisser
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JK Shin präsentiert sein neuestes Gadget: Anrufe lassen sich damit bequem am Handgelenk entgegennehmen oder abweisen.KEYSTONE

JK Shin präsentiert sein neuestes Gadget: Anrufe lassen sich damit bequem am Handgelenk entgegennehmen oder abweisen.KEYSTONE

Sie sieht ein wenig aus wie eine zu gross geratene Swatch, die Armbanduhr, die Samsung gestern Abend im Vorfeld der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin präsentiert hat. Das Kunststoffband wirkt am Arm eines so hochrangigen Managers wie JK Shin, CEO von Samsung, etwas fremd. Doch der Koreaner ist überzeugt: «Unsere Uhr wird auf der ganzen Welt zu einem neuen Lifestyle-Objekt werden.»

Anstelle eines herkömmlichen Zifferblatts hat die Galaxy Gear, so heisst die Uhr, ein vier Zentimeter grosses Display. Darauf wird nicht nur die Zeit angezeigt, sondern auch SMS, E-Mails oder eingehende Anrufe. Und sogar fotografieren lässt sich mit der Uhr. Dazu ist im Armband eine kleine Kamera untergebracht. Deren Auflösung beträgt zwar lediglich 1,9 Megapixel. Dafür lässt sie sich blitzschnell nutzen, muss man doch nicht erst das Handy hervorkramen, um abzudrücken.

Samsung präsentiert seine Smartwatch
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Samsung präsentiert seine Smartwatch
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Samsung präsentiert seine Smartwatch

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Eine Alternative zum Smartphone ist die Galaxy Gear aber nicht, sondern viel mehr dessen neue Begleiterin. Unterwegs ist die Uhr auf ein Handy angewiesen, das die Informationen der Smartphone-Apps auf das Display am Handgelenk bringt. Rund 70 Android-Applikationen sind bereits für die Nutzung mit der Galaxy Gear optimiert worden. Darunter etwa die beliebte Jogging-App Runstatic. Hierzulande erscheint die Uhr gemäss Samsung Schweiz Ende September zum Preis von 379 Franken.

Statussymbol auf dem Pausenhof

Die Smartwatch ist die neue Produktekategorie der IT-Industrie. Neben Samsung setzen auch andere grosse Elektronikkonzerne darauf. Sony hat bereits eine solche Uhr im Sortiment. Google – so wurde vor wenigen Tagen bekannt – hat die auf Computeruhren spezialisierte Firma WIMM gekauft. Microsoft werkelt gerüchteweise an einer Armbanduhr, und Apple wird aller Wahrscheinlichkeit nach 2014 die iWatch vorstellen. Nachdem unsere Handys und unsere Fernseher bereits «intelligent» geworden sind, sollen nun auch unsere Armbanduhren smart werden. Sie sollen sich zu einem unabdingbaren Helfer für den Alltag entwickeln – und mehr können, als bloss die Zeit anzuzeigen.

Dabei können sie das eigentlich schon lange – oder vielmehr: Sie konnten es einmal. In den 80er- und 90er-Jahren hatte jeder Junge auf dem Pausenhof, der was auf sich hielt, eine Casio-Uhr am Handgelenk. Diese hatte eine Stoppfunktion, einen Timer, mindestens drei Alarme, einen Luftdrucksensor sowie einen Höhen- und einen Tiefenmesser. Wer mehr am Arm haben wollte als der Durchschnitt, der brauchte schon eine Uhr, die auch über eine Taschenrechnerfunktion verfügte – mit vielen kleinen Knöpfen. Je mehr desto besser.

Die Galaxy Gear hingegen hat natürlich keine sichtbaren Knöpfe mehr, sondern wird elegant mit Druck auf den Touchscreen bedient. Wer will, kann auch mit Sprachbefehlen interagieren, verfügt die Uhr doch über Samsungs Sprachsteuerung S Voice. Selbst telefonieren kann man damit.

Sich die Uhr vor den Mund halten und etwas hineinflüstern, das erinnert an David Hasselhoff, wenn er in der Action-Serie «Knight Rider» seinen Smart-Car K.I.T.T anruft und mit leiser Stimme befiehlt: «Kumpel, hol mich hier raus!» Das war in den 80er-Jahren, zur Blütezeit der Casio-Uhren, als ein sprechendes und selbstfahrendes Auto für viele Kids plausibler erschien als ein Taschentelefon. Und als auch James Bond schon mit multifunktionalen Autos und Uhren ausgerüstet war, aber noch kein Smartphone im Jackett bei sich trug.

Smartwatch hat grosses Potenzial

Selbst mit Blick auf die IT-Industrie müsste man bei der Smartwatch eigentlich eher von einem Revival als von einer Neuerfindung sprechen. So startet Microsoft 2002 das Programm «SPOT» (Smart Personal Object Technology») mit Armbanduhren, die News, Börsenkurse und das Wetter anzeigen konnten. Für die Übermittlung der Daten wurden Radiosignale genutzt. Das mobile Internet war damals noch nicht ausgereift, und als es sich zu verbreiten begann, wurde die Uhr 2008 wieder eingestellt.

Gut möglich, dass die Microsoft-Uhr der Zeit voraus war. Denn glaubt man den Analysten von Gartner, sollen Smartwatches und andere tragbare Geräte wie Daten-Brillen 2016 bereits für zehn Milliarden Dollar Umsatz sorgen. Dass der Markt wohl reif ist für solche Armbanduhren, zeigt auch das auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter initiierte Projekt Pebble. Ein Start-up wollte letztes Jahr für die Entwicklung einer Computerarmbanduhr 100 000 Dollar sammeln. Es wurden am Schluss mehr als 10 Millionen Dollar. 68 000 Begeisterte unterstützten das Projekt finanziell.

Die Leute wollen offenbar eine clevere Uhr am Handgelenk. Fragt sich nur wozu. Denn eigentlich kann eine solche Uhr nichts, was das Handy nicht auch könnte. Ein Vorteil besteht vielleicht darin, dass man SMS und andere Nachrichten lesen kann, ohne sein Handy hervorkramen zu müssen – das könnte etwa bei einer Besprechung praktisch sein. Doch will man deswegen wirklich die Rolex gegen die Samsung tauschen? Vielleicht nicht deswegen, sondern weil heute einfach alles irgendwie smart daherkommen muss. Und weil wir Technologie so sehr lieben, dass wir sie nicht nur bei uns tragen, sondern anziehen möchten.