Technologie

Jetzt kommt die grosse Bargeldlos-Offensive: Bezahl doch schnell per Telefon

Die Migros macht Ernst mit dem digitalen Portemonnaie – und auch Coop ist zur Stelle.

Die Migros macht Ernst mit dem digitalen Portemonnaie – und auch Coop ist zur Stelle.

Coop und Migros machen Ernst mit dem digitalen Portemonnaie. Aber noch kämpfen zu viele Systeme um die Gunst des Publikums. Trotzdem lauern im Hintergrund unlängst die Tech-Giganten wie Apple, Samsung und Google.

Als die Kassierin im Coop Südpark in Basel den Satz hört, «ich würde gerne mit Twint bezahlen», erstarrt ihr Gesicht für einen Moment. Fast hilfesuchend blickt sie auf, und sagt: «Moment bitte».

Und auf die Frage, ob denn noch nicht sehr viele Kunden die neue Bezahl-App nutzen würden, antwortet sie: «An den Selbstscanner-Kassen gabs das schon ein paar Mal, an der normalen Kasse sind Sie der Erste.»

Das Eis zwischen uns ist damit gebrochen. Auch die beiden jüngeren Damen in der Schlange nehmen es mit Humor. Also beginnen wir mit dem Experiment – das nur einen Augenblick später schon vorbei ist. Kaum sind die richtigen Knöpfe an der Kasse gefunden und das Smartphone am grünen Lesegerät platziert, wird das Display grün. Ein weisser Haken verrät: Der Einkauf ist erledigt, der Test geglückt. Ein tropischer Joghurtdrink und eine Zwetschgen-Jalousie für Fr. 3.90 sind bezahlt. Mit dem Handy.

Lange war es nur ein Thema für Technik-Freaks. Doch nun kippt es: Nach der Migros rüstet auch Coop fleissig die Kassen um. Das Bezahlen mit dem Handy wird zum grossen Thema im Detailhandel. Telefon zücken statt Bargeld oder Kreditkarte. Ist das die schöne neue Einkaufs-Welt?

Bisher waren die Schweizer Konsumenten eher skeptisch. Bargeld ist Trumpf. Im Vergleich zu Ländern wie Schweden oder USA war das Bezahlen mit der Kreditkarte lange nicht Usus. Erst in den letzten Jahren hat sich dies geändert. Es wird wohl auch wieder Jahre dauern, bis sich das neue Bezahlen durchsetzt, sind Experten überzeugt.

Google bereitet sich vor

Twint ist eine von der Postfinance lancierte Bezahl-App. Der Grossverteiler Coop hat Ende September angekündigt, bis Ende Jahr rund 3000 Kassen mit dem System Twint auszurüsten. Bis Ende Februar sollen dann auch die restlichen Coop-Kassen über ein Twint-Lesegerät verfügen.

Heute kann man bereits neben dem Südpark im Megastore in Dietlikon im Megastore Bern Wankdorf und am Eigerplatz in Bern mit Twint bezahlen. Und auch am Coop-Hauptsitz in Basel wird im Personalrestaurant das Bezahlmittel akzeptiert. Zudem testen die SBB die Bezahl-App.

Geplant ist dann ebenfalls der Einsatz von Twint sowohl bei der Post selber als auch beim Kantinenbetreiber SV Group. Verschiedene Banken sind neben der Postfinance mit von der Partie. Und eine App für Kleinsthändler wird lanciert.

Diesen November beginnt dann die offizielle Kampagne: «Wir wollten warten, bis wir wirklich die ersten Kunden mit an Bord haben. Mit Coop ist dies nun der Fall», sagt Twint-Chef Thierry Kneissler zur «Nordwestschweiz».

Auch die Migros steht nicht hintennach und setzt auf das Bezahlen mit dem Smartphone. In Filialen, Fachmärkten, den Migros Restaurants und Migros-Take-aways kann seit wenigen Wochen mobil mit einer speziellen Migros-App bezahlt werden.

Nötig ist dafür eine Kreditkarte oder ein Konto bei der Migros Bank. Der Grossverteiler lockt Umsteigewillige mit zusätzlichen Cumulus-Punkten. Im Vergleich zum System von Coop, funktioniert die Migros-App nicht mit der Funktechnologie, sondern mit Barcodes, die an der Ladenkasse eingescannt werden.

Die Offensive der Schweizer Detailhändler hat einen wichtigen Grund. Auch die grossen Technikfirmen haben eigene Bezahllösungen fürs Handy entwickelt. Und sie werden bald auf den Schweizer Markt drängen.

Der koreanische Elektronikhersteller Samsung bestätigte gegenüber der «Schweiz am Sonntag», dass er diesbezüglich Gespräche mit hiesigen Partnern führt. Der Service Samsung Pay ist bereits in den USA und Korea verfügbar.

Ebenso dürften Google und Apple daran arbeiten, ihre Bezahl-Apps – die beide bereits in den USA und Letztere auch in England genutzt werden können – auf die Handys der Schweizer Konsumenten zu bringen. Laut Apple Schweiz ist jedoch für die Schweiz kein offizielles Start-Datum bekannt.

Migros ist noch unschlüssig

Neben Twint und der Migros-App ist auch Paymit im Rennen um die Schweizer Kundschaft vorn dabei. Der Finanzdienstleister Six kooperiert dafür für seine P2P-Lösung mit der Grossbank UBS, Raiffeisen und den Kantonalbanken von Genf, Luzern, Waadt und Zürich.

Mit Paymit können Beträge mittels Smartphone von einem Konto auf ein anderes überwiesen werden. Da die Banken mit Six im Hintergrund die gleichen technischen Standards nutzen, kann man recht einfach Geld von einem Konto auf das andere übertragen.

Der Kollege, der einem beim Mittagessen Bargeld auslegt, erhält so noch vor dem Dessert sein Geld zurück. Swisscom wechselte im Sommer ins Paymit-Lager, nachdem die eigene Lösung wenig versprach. Die Werbekampagne zu Paymit ist schon im vollen Gang.

Six verfügt mit «mCashier» über eine weitere App im Angebot. Diese ermöglicht Ladenbesitzern oder Betreibern von Marktständen, über ihr Handy Zahlungen von Kunden anzunehmen. Paymit und «mCashier» sollen im Laufe der Zeit zusammenwachsen.

Der Entscheid von Coop für Twint könnte im Konkurrenzkampf der unterschiedlichen Bezahl-Apps in der Schweiz eine nicht unwesentliche Bedeutung haben, sind Experten überzeugt.

Die Migros ist derzeit noch in der Evaluationsphase in Bezug auf Twint. Ein Entscheid ist noch nicht gefallen. Damit das System überhaupt zum Laufen kommt, muss es für den Kunden einfach sein. Während bei Twint die Zahlungsdaten über Bluetooth übertragen werden, nutzen Apple, Google und Samsung NFC (Near Field Communication) als Übertragungsstandard (siehe Box).

Dieser Unterschied ist zentral. Die meisten Bezahlterminals sind bereits mit NFC-Lesegeräten ausgestattet, da die kontaktlosen Kreditkarten ebenfalls über diese Technologie kommunizieren.

Geschäfte müssen also ihre Kassen nicht aufrüsten – ob jemand seinen Einkauf mit einer modernen Kreditkarte oder einem Smartphone bezahlt, spielt keine Rolle. Mit Samsung Pay lässt sich in den USA sogar an Magnetstreifenlesegeräten bezahlen. Anders verhält es sich bei Twint.

Die hier zum Einsatz kommende Bluetooth-Schnittstelle ist zwar in jedem Smartphone integriert, doch in keiner herkömmlichen Kasse. Deshalb die grünen Terminals.

Diese müssen die Geschäfte extra anschaffen, sollen die Kunden mit Twint bezahlen können. Gemäss Twint-Chef Thierry Kneissler kostet ein solches aber bloss zirka 100 Franken. Ein Betrag, den man schnell wieder herausgeholt habe, da über Twint tiefere Gebühren berechnet werden, als bei der Zahlung von Debit- oder Kreditkarten anfallen.

Apple ist das Problem

Doch solange ein System keine grosse Verbreitung gefunden hat, dürften gerade kleinere Geschäfte vor der Anschaffung zurückschrecken. Ob sich Konsumenten hingegen zahlreich auf eine Mobile-Payment-Lösung einlassen werden, die sie nur in ausgewählten Läden verwenden können, ist fraglich. Dass Twint auf Bluetooth setzt, hat einen einfachen Grund und auch dieser heisst Apple.

Lange boykottierte der Konzern die NFC-Technologie. Zwar hat das iPhone seit den Modellen 6 und 6 Plus nun auch einen NFC-Chip eingebaut, doch diese Funkschnittstelle gibt Apple nicht frei – damit der eigene Dienst Apple Pay nicht konkurriert wird. Ohne iPhone-Nutzer aber lässt sich im Apple-Land Schweiz ein Bezahldienst wie Twint nur schwerlich lancieren. Das musste die Swisscom schmerzlich erkennen, ihr NFC basierter Service Tapit wurde unter anderem deshalb eingestellt.

Die andere Frage ist, was die Konsumenten wirklich wollen. Im Vergleich zu anderen Ländern ist Bargeld hierzulande weiterhin das beliebteste Zahlungsmittel. Von 2003 bis heute stieg die Anzahl der Kreditkarten von rund 3,4 auf 6 Millionen.

Daneben sind 10 Millionen Debitkarten im Umlauf. Die Digitalisierung des Bargeldes und die Möglichkeit, per Smartphone zu bezahlen, werden unser Zahlungsverhalten in den nächsten fünf bis zehn Jahren grundlegend verändern, ist jedoch Sandro Graf von der ZHAW überzeugt. Graf leitet das Swiss Payment Research Center. Doch es braucht einige Jahre.

Da mit Bezahl-Apps auch private Nutzer Geldbeträge untereinander überweisen können, könnten Smartphones das erreichen, was Kredit und Debitkarten nicht geschafft haben: Das Bargeld zum Verschwinden bringen. Und vielleicht blickt in Zukunft einmal die Kassierin hilfesuchend, wenn man eine Hunderternote aus dem Portemonnaie zückt.

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