Coronakrise

Eklat bei europäischer Corona-App – Deutsche schmeissen «Schweizer Lösung» raus

Der Schweizer Forscher Marcel Salathé hat sich vom Projekt zurückgezogen.

Der Schweizer Forscher Marcel Salathé hat sich vom Projekt zurückgezogen.

Beim schweizerisch-europäischen Forscherkolletiv DP-3T brodelt es gewaltig. Die deutschen Partner sind derweil auf Tauchstation gegangen.

Was ist passiert?

Im europäischen Forschungs-Konsortium PEPP-PT, das die Technologie für eine länderübergreifende Contact-Tracing-App entwickeln will, ist ein Konflikt eskaliert. Die Vorgänge stellen den Erfolg des gesamten Projekts infrage.

Der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé hat am Freitag via Twitter seinen Rücktritt bei PEPP-PT verkündet. Er sei zwar weiterhin fest überzeugt von den Kerngedanken des paneuropäischen Vorhabens, aber er könne nicht hinter etwas stehen, von dem er nicht wisse, wofür es steht:

Am Donnerstag berichtete das Techportal golem.de, dass Informationen über den dezentralen Ansatz von der PEPP-PT-Webseite entfernt worden seien. Und dies offenbar ohne Absprache mit den Verantwortlichen des DP-3T-Teams.

Zuvor hatte das PEPP-PT-Projekt auf seiner Webseite erklärt, dass es sowohl zentrale als auch dezentrale Ansätze unterstützen wolle und in einzelnen Ländern unterschiedliche Lösungen implementiert werden können. Das dezentrale DP-3T-Protokoll wurde dabei als eine mögliche Variante genannt, die zurzeit begutachtet werde, wie golem.de schreibt.

Worum dreht sich der Streit inhaltlich?

Der Konflikt dreht sich um Grundsatzfragen, nämlich wie eine Corona-Warn-App funktionieren soll und gleichzeitig ein möglichst wirksamer Datenschutz erreicht werden kann. Und es geht um die Frage, ob der Programmcode als Open-Source für Dritte einsehbar sein soll und damit auch durch völlig unabhängige IT-Experten überprüft werden kann.

Das schweizerisch-europäische Forscherkollektiv DP-3T verfolgt diesen dezentralen Ansatz. Das heisst, dass heikle User-Daten nicht auf Servern gespeichert werden und Dritten zugänglich sind, sondern gemäss dem Grundsatz «Privacy by Design» die Smartphones der User nicht verlassen. Zudem haben die Verantwortlichen die erste Testversion ihrer Software als Open-Source bei github.com veröffentlicht. Mathias Payer, Wissenschaftler von der ETH Lausanne und Mitentwickler beim Projekt DP-3T, schreibt auf Twitter:

Es gibt ein offenes, dezentralisiertes Design von #DP3T mit öffentlichem Diskurs und einem Prototyp und ein nicht näher spezifiziertes, unbekanntes zentralisiertes System mit dem Lobbyismus betrieben wird.

Die Entwickler der deutschen Corona-Warn-App hingegen verfolgen laut Medienberichten einen zentralen Ansatz. Und die Offenlegung des Programmcodes ist fraglich.

Golem.de zitiert Kenny Paterson, der als Kryptograph an der ETH Zürich forscht und an der Entwicklung des dezentralen Protokolls DP-3T beteiligt ist, mit den Worten:

Zudem seien die Vertreter von PEPP-PT aus Deutschland bei einem am Donnerstag geplanten Online-Meeting nicht aufgetaucht.

Via Twitter wird der Verdacht geäussert, dass sich gewisse PEPP-PT-Mitglieder gegen die von DP-3T geforderte Transparenz sträubten.

© Twitter

Was sagt PEPP-PT?

Eine offizielle Stellungnahme liegt nicht vor. Die Zuständigen reagieren seit Tagen nicht auf Medienanfragen. Zwei konkrete Anfragen von watson wurden nicht beantwortet.

Das ist der bislang einzige Tweet des offiziellen PEPP-PT-Accounts:

© Twitter

PEPP-PT-Projektverantwortlicher ist der deutsche IT-Experte Chris Boos, der Gründer und Geschäftsführer der deutschen Firma Arago AG. Boos hat gemäss eigenen Angaben auf der Arago-Website an der ETH Zürich Computerwissenschaften studiert und ist Mitglied der Expertengruppe «DigitalRat», die die deutsche Kanzlerin Angela Merkel berät.

Boos' Unternehmen ist massgeblich an der Entwicklung der deutschen Corona-Warn-App beteiligt.

Wie geht es mit der Schweizer Corona-Warn-App weiter?

Der Erfolg des DP-3T-Projekts und die Lancierung einer Schweizer Tracing-App ist durch den jüngsten Eklat nicht infrage gestellt. Die Arbeiten durch IT-Experten und Forscher der Eidgenössisch-Technischen Hochschulen laufen unabhängig davon auf Hochtouren weiter. Wie watson berichtete, wurde am Dienstag eine erste Testversion veröffentlicht.

Marcel Salathé schreibt via Twitter, er stehe nach wie vor voll und ganz hinter der Idee einer internationalen Zusammenarbeit, um bei Contact-Tracing-Apps den Schutz der Privatsphäre zu gewährleisten. Aber wie jeder wisse, komme es auf die Details an, betont er, und erwähnt die Stichworte «Kryptoprotokolle, Privatsphäre, Sicherheit des Systems».

Und nicht zuletzt an die Adresse der Deutschen gerichtet, schreibt der Schweizer Epidemiologe, der Mitglied der vom Bund eingesetzten Expertengruppe ist:

DP-3T hat am Freitag App-Prototypen für unabhängige Tests veröffentlicht:

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