Eine runde weisse Box, ein paar Knöpfe – auf den ersten Blick sieht «Nest Secure» aus wie ein Rauchmelder. Doch unter der Haube steckt ein Hochleistungsrechner. Im Februar 2019 war über dieses Alarmsystem diskutiert, weil es ein Mikrofon enthält, was auf der Packung nicht deklariert worden sei. Google entschuldigte sich dafür. Dieses Gerät wird jedoch nicht in Europa angeboten, sondern nur in den USA. «Nest Secure» ist nicht zu verwechseln mit dem Rauchmelder «Nest», der kein Mikrofon enthält.

Eine der eher weniger beachteten Folgen der Digitalisierung ist, dass der Mensch im Alltag nicht nur von Kameras, sondern auch von jeder Menge Mikrofonen umgeben ist. Im Smartphone ist ebenso eines integriert wie in manchen Autos, Backöfen, Geschirrspülern, Fernsehgeräten oder Ventilatoren, die sich per Sprachsteuerung bedienen lassen. Mit Amazons Sprachassistentin Alexa können Nutzer sogar Wasser in die Badewanne einlassen. Die digitalen Diener gehorchen per Zuruf. Das mag bequem sein. Doch wie Kameras bergen auch Mikrofone Risiken für die Privatsphäre.

Seit Jahren halten sich Gerüchte, dass Facebook auf das Handymikrofon zugreift und heimlich Gespräche mitschneidet – was der Konzern dementiert. Gleichwohl: Solche Abhörpraktiken wären nicht überraschend. Laut der «New York Times» aktivieren über 250 Spiele-Apps wie «Beer Pong: Trickshot» oder «Honey Quest» das Mikrofon in Smartphones, um herauszufinden, welche TV-Werbespots die Nutzer gerade sehen. Diese heimlich gewonnene Information werde genutzt, um passgenaue Werbung auf dem Smartphone auszuspielen.

Amazon hilft bei Mordaufklärung

Amazon drängt mit seiner Sprachassistentin Alexa auch in Autos. Vor wenigen Monaten hat der Onlinehändler ein Gerät (Echo Auto) auf den Markt gebracht, mit dem sich per Sprachsteuerung Stauinformationen abrufen oder Musiktitel abspielen lassen. Echo Auto verfügt über acht Fernfeldmikrofone, die die Stimme des Fahrers auch bei einem laufenden Gebläse oder Strassenlärm hören. Die Frage ist: Was hört der Assistent sonst noch alles? Die Polizei im US-Bundesstaat Arkansas verlangte von Amazon in einem mysteriösen Mordfall die Herausgabe von Audiodateien, weil der Netzwerklautsprecher Echo möglicherweise Geräusche am Tatort aufgezeichnet hatte.

Auch unter freiem Himmel gibt es zahlreiche Mikrofone. In US-Städten werden im Boden und auf Hausdächern sogenannte Shot-Spotter installiert, die Schüsse lokalisieren und automatisch die Polizei alarmieren. Fällt ein Schuss, kann der Schall verortet werden.
Die Stimme ist wie der Fingerabdruck oder das Gesicht ein einzigartiges biometrisches Merkmal. Und anders als das Gesicht verändert sie sich kaum. Stimmen bleiben trotz Veränderungen wie Stimmbandlänge und Kehlkopfgrösse über Jahrzehnte gleich. Und im Gegensatz zur DNA können stimmbiometrische Daten geräuschlos und aus der Ferne erhoben werden. Das macht Stimmerkennung zu einem interessanten Überwachungswerkzeug für Ermittler.

Die Investigativ-Plattform «The Intercept» enthüllte, dass die NSA vor zehn Jahren eine Software entwickelte, die Millionen von Audiodateien scannte und in den Aufzeichnungen Stimmen Terrorverdächtigen zuordnen konnte. Das Programm war sogar in der Lage, verstellte Stimmen zu erkennen. Es gibt KI-Systeme, die erkennen, ob jemand mit vollem Mund spricht. Am Moskauer Flughafen Domodedowo kommt laut der Nachrichtenagentur AP seit 2015 ein Stimmerkennungssystem zum Einsatz, das aufgrund von Veränderungen der Stimme verdächtige Passagiere erkennen soll.

In China gehen die Behörden einen Schritt weiter: Laut einem Bericht von Human Rights Watch erprobt die Polizei in der Provinz Anhui ein System, das Telefongespräche abhört. In einem Fall soll die stimmbiometrische Identifikation geholfen haben, einem Betrüger das Handwerk zu legen. Im Jahr 2015 hatte die Polizei in Anhui bereits 70 000 Stimmabdrücke gesammelt und zu einer biometrischen Datenbank hinzugefügt. Wo Daten vorhanden sind, besteht immer ein Anreiz, diese abzugreifen. Am Ende könnte es heissen: Wer hat uns verraten? Sprachautomaten.