Lenovo
Datenzentren und Cloud-Computer im Fokus der Techriesen

Statt auf Handys und Laptops setzen Tech-Firmen heute auf Datenzentren und Cloud-Computer. Damit verdienen sie Geld. Doch wollen wir unsere Daten auch künftig auf Rechnern in der ganzen Welt verteilen?

Patrick Züst aus New York
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Ein Serverraum wie dieser kann Datenspeicherplatz in die ganze Welt vermieten. Solche Rechenzentren verschlingen raue Mengen an Strom.

Ein Serverraum wie dieser kann Datenspeicherplatz in die ganze Welt vermieten. Solche Rechenzentren verschlingen raue Mengen an Strom.

Eigentlich kennt man die chinesische Firma Lenovo für ihre Laptops, Handys und Tablets. Darauf hat sich das Unternehmen jahrzehntelang spezialisiert, damit hat es sich zu einem der wichtigsten Elektronikhersteller der Welt entwickelt. Vergangene Woche jedoch, als Lenovo in New York zur ihrer Jahres-Konferenz «Transform» einlud, waren die neusten Geräte und Gadgets der Firma lediglich am Rande ein Thema.

An einem einzigen Stand in der riesigen Ausstellungs-Halle konnte man die aktuellen Produkte testen. Und anders als Apple-CEO Tim Cook, der am Tag zuvor bei seiner Jahresansprache ausführlich über marginale Anpassungen bei den neusten iPhones gesprochen hatte, verlor Lenovo-CEO Yang Yuanqing in New York kaum ein Wort über Geräte für Privatkunden.

Datenzentren und Supercomputer

Stattdessen referierte er über Datenzentren, Supercomputer und vernetzte Sensoren; die Ausstellungsstände präsentierten Server-Design, künstliche Intelligenz und die Veränderungen durch die 5G-Technologie, welche ab kommendem Jahr eine 10- bis 20-mal schnellere Datenübermittlung ermöglichen soll.

Diese Neuausrichtung konnte man in den vergangenen Jahren bei vielen Unternehmen beobachten: Auch Elektronikhersteller wie Dell oder HP fokussieren sich nicht mehr auf Laptops und Handys, wo die Margen tief sind und die Konkurrenz gross ist. Stattdessen diversifizieren sie und setzen auf Bereiche, die als zukunftsfähiger gelten – namentlich Datenzentren und Cloud-Computer.

Das ist nicht überraschend, schliesslich werden in der digitalisierten Gesellschaft immer mehr Daten produziert. Um diese analysieren und abspeichern zu können, sind riesige Rechenzentren nötig. Nur so lassen sich Plattformen wie Facebook und Twitter betreiben, nur so können komplizierte Berechnungen in der Privatwirtschaft, vor allem aber auch in der Forschung durchgeführt werden.

Die Antworten auf einige der wichtigsten Fragen unserer Zeit dürften irgendwo in riesigen Rechenzentren gefunden werden, wo Computer pausenlos rattern und rechnen. Dort, wo mit Bits und Bytes komplexe Modelle von Krebsmolekülen und Klimaveränderungen simuliert werden. Für Elektronikhersteller, die sich zuvor auf die Produktion von Endgeräten für Privatpersonen konzentriert hatten, sind Datenzentren zum rentablen Geschäft geworden.

Verbunden und vernetzt

«Die Welt verändert sich derzeit sehr stark – und wir verändern uns mit ihr», sagte Lenovo-CEO Yuanqing gegenüber der «Schweiz am Wochenende». Seine Firma wagte sich spät an das Geschäft mit den Datenzentren, erst im Jahr 2014, als sie die Server-Abteilung von Tech-Gigant IBM aufkaufte. Seither treibt Lenovo die Entwicklung dieser Gruppe jedoch rasant voran – und damit auch den Umsatz: Vergangenes Jahr war die Data-Center-Abteilung der Firma bereits für zehn Prozent der Einnahmen verantwortlich, Tendenz steigend.

Datenzentren und Cloud-Computer sind keine neue Erfindung, haben aber dank der rasant voranschreitenden Digitalisierung schnell an Relevanz gewonnen: Schon heute gibt es rund 8,4 Milliarden Geräte, die mit dem Internet verbunden sind. Dazu zählen neben Handys und Computern auch all jene Produkte, die von Marketing-Abteilungen gerne als «smart», also klug, verkauft werden: Kühlschränke, Glühbirnen und Fernseher, die sich mit einer App bedienen lassen; Rasensprinkler, die anhand des Wetterberichts die Pflanzen selbstständig wässern; Garagentore, die sich eigenständig öffnen.

Bis 2020 soll die Anzahl solcher Produkte weltweit auf 20 Milliarden anwachsen, bis 2040 erwartet das Forschungsinstitut Gartner sogar 100 Milliarden Geräte. Und je mehr Daten generiert werden, desto mehr Datenzentren sind notwendig, um diese zu verarbeiten. Befeuert wird diese digitale Transformation ausserdem von schnelleren Computer-Chips und vom bereits erwähnten 5G-Netz.

Irgendwo in den Wolken

Weil firmeninterne Rechenzentren sehr kostspielig sind und vor allem kleinere Unternehmen sich diese in vielen Fällen nicht leisten können, hat sich zudem auch das Mieten und Vermieten von Speicherplatz und Computerleistung etabliert; das sogenannte Cloud-Computing. Auch dafür braucht es grosse Rechenzentren. Und während sich Hardware-Firmen auf deren Ausstattung fokussieren, kümmern sich die Software-Giganten um ihren Betrieb.

Auch die grossen Internetplattformen diversifizieren also ihr Geschäftsmodell, um der digitalen Transformation Rechnung zu tragen. Amazon beispielsweise war eine Pionier-Firma im Bereich Cloud-Computing und bietet Kunden heute mit der Plattform AWS nicht nur Speicherplatz und Rechnerleistung zur Miete an, sondern auch diverse Dienste für die Entwicklung eigener Programme. Microsoft hat unter CEO Satya Nadella das Cloud-Geschäft ins Zentrum des Unternehmens gerückt, wodurch die Firma wieder stark an Relevanz in der Tech-Welt gewonnen hat.

Und auch Google, wo der Schweizer Urs Hölzle an der Spitze der Cloud-Abteilung steht, will mithilfe von künstlicher Intelligenz diesen Markt erobern. Die goldene Ausnahme ist mal wieder Apple – jene Firma, die statt auf Clouds und Datenzentren nach wie vor auf Computer und Handys setzt, jene aber auch mit riesigen Margen an Millionen Privatkunden verkaufen kann.

Wann kommt das Datenleck?

Gleichzeitig verschlingen die Datenzentren aber auch Unmengen an Energie: Der schwedische Forscher Andres Andrae schätzt, dass Rechenzentren bereits bis 2025 einen Drittel des weltweit verfügbaren Stroms verbrauchen werden. Im Jahr 2015 waren es noch weniger als zwei Prozent.

Wenn immer mehr und immer persönlichere Daten in zentralen Clouds abgespeichert werden, steigt zudem das Risiko von Datenlecks: Die Internet-Giganten Facebook und Google sind die bekanntesten Beispiele für sogenannte «Datenkraken», und unsere persönlichen Informationen liegen heute in Rechenzentren auf der ganzen Welt verteilt.

Viele Firmen setzen deshalb wieder vermehrt auf private Anlagen statt auf öffentliche Clouds. Und sogar Per Overgaard, der für Lenovo Server an die grossen Cloud-Betreiber verkauft, ist überzeugt: «Wir hatten bis jetzt noch kein grosses Datenleck, aber dieses wird zweifellos kommen. Und erst am Tag, an dem es passiert, werden sich die Regierungen hinsetzen und die nötigen Gesetze definieren.»

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