E-Books
Amazons Bücher-Flatrate wird das Lesen revolutionieren

Billiganbieter Amazon ist in der Literaturszene verschrien. Durch seine kleinen Preise gehen Buchläden ein. Nun führt der Grosskonzern eine Flatrate für E-Books ein. Der neue Dienst wird das Lesen merkbar verändern.

Raffael Schuppisser
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Letzte Woche hat Iris Radisch, die grosse deutsche Literaturkritikerin, in der «Zeit» ein Geständnis abgelegt. «Ich habe es auch getan», gibt sie zu. Sie habe bei Amazon Bücher bestellt. Und jetzt dämmere ihr langsam, dass sie da etwas Falsches gemacht habe.

Das ist ein mutiges Geständnis. Denn bei Amazon Bücher zu kaufen, ist der grösste Frevel, der in der Literaturszene begangen werden kann. Zu diesem Eindruck kommt, wer eine Umfrage unter 18 namhaften Autoren liest, welche die «Zeit» letzte Woche publiziert hat. Jonathan Franzen würde nur bei Amazon einkaufen, wenn ein Titel an keinem anderen Ort der Welt zu finden wäre. Günter Wallraff kauft seine Bücher grundsätzlich in der Buchhandlung. Daniel Kehlmann findet, sich Amazon abzugewöhnen, sei ein bisschen wie vom Rauchen loszukommen. Und Sibylle Lewitscharoff wünscht «diesem schrecklichen Monopolisten den Untergang».

Spotify für Bücher

Amazon ist tatsächlich nicht sehr nett. Gründer Jeff Bezos will mit seinem Versandunternehmen den Buchhandel beherrschen; er bietet ein gigantisch grosses Angebot an Büchern, unschlagbare Preise und kurze Lieferfristen. Dabei ist es ihm egal, wenn kleine Buchhandlungen eingehen, Verlage unter den harschen Geschäftsbedingungen leiden und die eigenen Verpackungsmitarbeiter sich mit Dumpinglöhnen zufriedengeben müssen. Amazon verhält sich in der freien Marktwirtschaft also so wie fast alle Grosskonzerne. Apple beispielsweise verfährt fast identisch auf dem digitalen Musikmarkt. Doch beim Buch wiegt dieser Umstand natürlich viel schwerer. Schliesslich ist das Buch das Kulturgut schlechthin.

Und deshalb erhält der Aufschrei der Autoren eine so grosse Resonanz. Ihr Wunsch, dass niemand mehr bei Amazon Bücher kauft, dürfte sogar einmal Realität werden. Allerdings werden dann wohl ihre Lieblingsbuchläden ums Eck längst eingegangen sein – Branchenexperten schätzen, dass drei Viertel der europäischen Buchhandlungen in den nächsten fünf Jahren schliessen werden. Wir werden keine Bücher mehr bei Amazon kaufen, weil wir gar keine Bücher mehr besitzen wollen. Der Untergang des Abendlandes wird das aber nicht sein. Denn wir werden noch immer Bücher lesen – und zwar wohl nicht weniger als heute.

Vieles deutet darauf hin, dass sich in mittelfristiger Zukunft eine Bücher-Flatrate durchsetzen wird. Wir bezahlen dann nicht mehr für einzelne Bücher, sondern für den Zugang zu einer gigantisch grossen Bibliothek an E-Books. Denn Flatrates liegen im Trend. Nicht nur bei der Mobiltelefonie. Auch in der Musikbranche hat sich dieses Modell bereits etabliert. Gegen eine monatliche Gebühr kann man auf Portalen wie Spotify, Simfy oder Deezer so viel Musik hören, wie man will. Das Pendant für TV-Serien heisst Netflix und kommt im September in die Schweiz.

Das Modell kann auch bei E-Books funktionieren, glaubt Jeff Bezos. Amazon hat diese Woche in den USA den Dienst «Kindle Unlimited» lanciert. Für 9.99 Dollar pro Monat kann man so viele Bücher lesen, wie man möchte. Zehn E-Books lassen sich gleichzeitig zur Lektüre auf einem Lesegerät speichern. Besitzen tut man sie aber nicht, denn wird eine Abo-Gebühr nicht bezahlt, können sie nicht mehr gelesen werden.

«Kindle Unlimited» erinnert an die gute alte Leihbibliothek. In der digitalen Sphäre wird dieses Prinzip aber mit zwei wichtigen Vorteilen ergänzt: Jedes Buch kann von allen Lesern gleichzeitig gelesen werden – man muss nicht warten, bis ein ausgeliehener Titel wieder zurückgebracht worden ist. Und, zweitens, der Zugang zur ganzen Bibliothek ist von überallher möglich, sofern eine Internetverbindung besteht.

Neben Amazon bieten auch einige Start-ups – Scribd, Oyster und Skoobe – eine E-Book-Flatrate an. Anders als Netflix und Spotify konnten sie sich aber noch nicht durchsetzen. Ein Grund dafür ist sicher das noch relativ schmale Angebot von ein paar wenigen hunderttausend Titeln. Wer für eine Flatrate bezahlt, will nicht nur die Bücher einiger ausgewählter Verlage lesen, sondern schlicht und einfach alle Bücher. Auch bei «Kindle Unlimited» sind längst nicht alle Bücher im Angebot, die der Versandhändler auf seiner Website zum Kauf anbietet. Der Nutzer hat derzeit bloss Zugriff auf 600 000 (englischsprachige) E-Books und mehrere tausend Hörbücher. Insbesondere die «Big Five» der grossen amerikanischen Verlage fehlen.

Das überrascht nicht – und dürfte sich bald ändern. Auch die grossen Musiklabels haben sich zuerst davor geziert, bei den Streaming-Plattformen mitzumachen, dann aber gemerkt, dass man sich vor der digitalen Revolution nicht verschliessen kann. Mittlerweile ist im Musikbusiness dank Spotify und Co. wieder ein Aufwärtstrend zu bemerken.

Nur noch Freaks kaufen Bücher

Die Leser – sofern sie E-Books mögen – dürften sich auf jeden Fall schnell an eine Bücher-Flatrate gewöhnen. Natürlich wird es weiterhin Leute geben, die Bücher nicht einfach lesen, sondern besitzen wollen. Am liebsten besonders schöne, in Leinen gebundene Exemplare mit goldverzierten Seiten. Doch diese sammelnden Leser werden die Ausnahme bleiben – vergleichbar mit den Freaks, die heute noch Schallplatten hören. Der grosse Rest wird sich mit einem Zugang zur Weltbibliothek begnügen.

Diese technische Revolution wird nicht ohne Einfluss auf das Leseverhalten der Nutzer bleiben. Wir werden weniger bedacht abwägen, ob wir ein Buch lesen wollen oder nicht – schliesslich müssen wir ja nicht für das einzelne Werk Geld ausgeben. Stattdessen werden wir einfach mit Lesen beginnen. Langweilt es uns, wählen wir das nächste Buch aus. Gefällt uns dieses ebenfalls nicht, probieren wir ein anderes. Wir werden verschiedene Bücher parallel lesen, von einem zum nächsten springen, Teile auslassen und weiter hinten wieder einsteigen. Das wird dazu führen, dass wir in immer mehr Büchern stöbern, ohne sie zu Ende zu lesen.

Dass es heute schon viele nicht mehr schaffen, ein Buch ganz zu lesen, zeigt eine spannende Untersuchung des Mathematikers Jordan Ellenberg. Da Amazon Daten veröffentlicht, welche Textstellen E-Book-Leser wie häufig markieren, konnte der Wissenschafter ausrechnen, wie viel Prozent der Leserschaft ein Buch tatsächlich ganz liest: Bei «Catching Fire», dem zweiten Teil der «Hunger Games»-Reihe, waren es 43 Prozent, bei «Fifty Shades of Grey» 26 Prozent und bei Stephen Hawkings «Eine kurze Geschichte der Zeit» knapp 7 Prozent. Thomas Pikettys Wälzer «Das Kapitel im 21. Jahrhundert», eines der meistdiskutierten Werke des Frühjahrs, haben bloss 2,4 Prozent zu Ende geschafft.

Gut möglich, dass bereits das E-Book die Tendenz des Nicht-zu-Ende-Lesens verstärkt hat. Denn ein physisches Buch, das auf dem Nachttisch liegt, blickt einen ständig an und fleht: «Lies mich!» So lange, bis der Leser seinem schlechten Gewissen nachgibt. Ein E-Book hingegen geht rasch einmal in den Untiefen der Reader-Applikation auf dem Tablet unter. Bei einer Bücher-Flatrate geht man dem einzelnen Werk gegenüber gar keine Verpflichtung mehr ein – ein schlechtes Gewissen kann also gar nicht aufkeimen.

Das Talent der analogen Leser

Die Tendenz des stetig gleichzeitigen Lesens kann zu einem «narrativen Kollaps» führen, wie ihn der Medientheoretiker Douglas Rushkoff in seinem aktuellen Buch «Present Shock» beschreibt. Wir sind uns immer weniger gewohnt, einem linearen Handlungsstrang zu folgen. Stattdessen werden wir immer besser darin, möglichst viele Dinge gleichzeitig aufzunehmen. Wenn wir in Zukunft aber einmal alle sehr begnadete Multitasker sind, dann wird eine andere Fähigkeit auf einmal sehr gefragt sein. Eine, die lange als selbstverständlich galt: Ein Buch geduldig bis zum Ende zu lesen. Das Talent der analogen Leser könnte in der Welt von morgen so gefragt sein wie schon lange nicht mehr.

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