Happy Birthday
Die Vespa wird 70 – und bleibt ewig jung

Piaggio feiert den 70. Geburtstag der Vespa, des italienischsten Fortbewegungsmittels der Welt.

Dominik Straub, Rom
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Auf zwei Rädern bis ans Ende der Welt: Die Vespa steht seit je für das Gefühl von Freiheit.KEYSTONE/RUE DES ARCHIVES/DILTZ

Auf zwei Rädern bis ans Ende der Welt: Die Vespa steht seit je für das Gefühl von Freiheit.KEYSTONE/RUE DES ARCHIVES/DILTZ

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Als der Ingenieur Corradino D’Ascanio kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vom toskanischen Industriellen Enrico Piaggio den Auftrag erhalten hatte, ein einfaches, sparsames und leicht benutzbares Motorrad zu entwerfen, war er beleidigt: D’Ascanio war Konstrukteur von Kampfflugzeugen und wollte lieber einen Helikopter konstruieren. Der Bau eines Motorrollers war unter seiner Würde.

Aber die 1884 gegründete Piaggio-Flugzeugfabrik in Pontedera bei Pisa war von den Alliierten als kriegswichtige Anlage fast vollständig zerstört worden, und ausserdem hatten die Sieger gegen die Besiegten ein Rüstungsverbot verhängt. Es blieb Piaggio nichts anderes übrig, als sich zivilen Projekten zuzuwenden.

Enge Taille und dicker Hintern

Der Prototyp, den D’Ascanio einige Monate später seinem Chef vorstellte, war etwas völlig Neuartiges. Der gekränkte Ingenieur hatte eine Art Anti-Motorrad entwickelt: kleine Räder, nicht sportlich, nicht schnell, dafür in der Konstruktion einfach und zuverlässig und vor allem im Design schlicht genial. «Sembra una vespa» – «das sieht ja aus wie eine Wespe», kommentierte Enrico Piaggio, als er das breite Vorderteil, die enge Taille und das dicke Hinterteil des Rollers sah. Am 23. April 1946 meldete Piaggio die Erfindung beim Patentamt in Florenz an: Die Vespa war geboren.

Äusserlich erinnerte bei der ersten Vespa 98cc mit ihren 3 PS nur noch die Vorderradaufhängung mit einseitigem Stabilisator und Federbein an ein Flugzeug: Auf diese Reminiszenz mochte D’Ascanio nicht verzichten – und sie blieb bis heute erhalten.

Auch wenn das Foto etwas anderes suggeriert. Unsere Videoredaktorin Simone Morger ist normalerweise nur Beifahrerin.
4 Bilder
Eddy Schambron, Redaktor im Freiamt, hat gleich zwei Vespas. Eine APE 50 mit Jahrgang 2001 für Schwertransporteund eine neue Sprint 125 für den Alltag.
La macchina di Toni hat Jahrgang 1984. Auf dem Foto bricht Toni Widmer, der Redaktionsleiter Freiamt, auf nach Zell am See zum jährlichen Vespatreffen.
Diese Vespa ist mit bald 35 Jahren älter als ihre Besitzerin. Unsere Stagiaire Lina Giusto hat sich mit ihrem ersten Lohn den Traum von einer eigenen Vespa erfüllt.

Auch wenn das Foto etwas anderes suggeriert. Unsere Videoredaktorin Simone Morger ist normalerweise nur Beifahrerin.

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Auch der Motor stammte aus dem Flugzeugbau: Beim Antrieb der Ur-Vespa handelte es sich um den modifizierten Anlassermotor für grosse Flugzeugtriebwerke. Beim Roller war er vollständig verkleidet und direkt am Hinterrad angebracht: Ölspritzer an den Hosen des Fahrers und am Rock der Passagierin auf dem damals noch quer zur Fahrtrichtung montierten Sozius gehörten der Vergangenheit an. Auch auf die störungsanfällige Antriebskette konnte dank dieser Konstruktionsweise verzichtet werden.

Es dauerte nicht lange, bis der Roller zum begehrten Kultobjekt avancierte. Bereits 1953 verdrehte Audrey Hepburn Gregory Peck in «Roman Holiday» auf einer Vespa den Kopf, später setzte Fellini Anita Ekberg in «La Dolce Vita» auf den Sattel der Roller-Ikone.

Die Vespa wurde zum Gattungsbegriff und hat dank ihres moderaten Preises unzähligen Italienern in der Nachkriegszeit zu Mobilität und zum Gefühl einer neuen Freiheit auf zwei Rädern verholfen. Junge Paare fuhren mit der Vespa ans Meer, Handwerker und Bauern schätzten den Roller, weil auf dem Fussbrett zur Not ein Zementsack oder ein Heuballen transportiert werden konnte. Inzwischen sind weltweit über 18 Millionen Vespas in 150 verschiedenen Varianten verkauft worden.

Auch ausserhalb Italiens hat die Vespa schnell die Herzen vorab jüngerer Menschen erobert – so gab es bereits in den Fünfzigerjahren in Deutschland eine Lizenzproduktion. Die Liebe zur Vespa kommt nicht von ungefähr: Kein anderes Fahrzeug – auch nicht ein Ferrari oder ein Maserati – verkörpert italienische Leichtigkeit und Eleganz besser als dieser Roller. Wer einmal im Sattel einer Vespa in Rom über die Piazza Venezia gekurvt und danach über das Kopfsteinpflaster der Kaiserforen zum Kolosseum gerattert ist, kennt diesen Rausch: Das Herz hüpft, die Welt wird zum Kino und der Fahrer zum wiedergeborenen Gregory Peck.

Dank der Vespa und ihren Schwestermodellen war Piaggio in den Achtzigerjahren zum grössten Motorradhersteller Europas aufgestiegen – bei den Motorrollern hatten die Toskaner praktisch eine Monopolstellung erreicht.

Rollende Konkurrenz aus Japan

Doch danach ging es mehrere Jahre stetig bergab: Japanische Motorradkonzerne, allen voran Honda und Yamaha, hatten sich mit billigeren Rollern im Markt breitgemacht. In Pontedera wurden rote Zahlen geschrieben, die Firma ging zunächst in den Besitz der Fiat-Familie Agnelli über, 1999 übernahm eine Fondsgesellschaft der Deutschen Bank rund 85 Prozent des Motorradherstellers.

Erst mit dem Einstieg des Mantueser Multimilliardärs und Financiers Roberto Colannino und seiner Beteiligungsgesellschaft Immsi im Jahr 2004 kam die Wende zum Besseren. Mit neuen Modellen, modernen Produktionsmethoden und technischen Innovationen brachte Colannino Piaggio wieder auf Kurs, ohne beim Aushängeschild Vespa die klassische Linie in den Grundzügen anzutasten. Bereits im ersten Jahr unter der neuen Führung wurde die GTS Granturismo vorgestellt, mit ihrem wassergekühlten 300-ccm-Motor und 22 PS die stärkste Vespa, die in Pontedera je gebaut wurde.

Später folgten moderne Neuauflagen der legendären Primavera und Sprint im Vintage-Stil. So wurden Piaggio und die Vespa wieder zu Gewinnern: Waren 2004 weltweit noch knapp 60 000 Einheiten des Kultrollers verkauft worden, waren es im vergangenen Jahr 160 000 Stück. Natürlich gibt es bei der japanischen Konkurrenz bis heute moderne Technik zu einem günstigeren Preis – aber da bekommt man eben nur einen Roller und keine Vespa.