Umfrage
Die Evolutionstheorie ist schwer zu ertragen - nicht nur für Bibeltreue

Nur 9,5 Prozent der befragten Amerikaner glauben an die Evolution, der Rest waren aber nicht alles hartgesottene Kreationisten. Fest steht: Ganz auf Wissenschaft verzichten wollen die wenigsten.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen

Diese Zahl liess aufhorchen: Mitte Februar war zu lesen, eine amerikanische Umfrage habe ergeben, dass nur noch 9,5 Prozent von 9138 Befragten die Evolutionstheorie für glaubwürdig hielten. Wenn das bedeuten würde, dass 90,5 Prozent der Amerikaner Kreationisten wären, wäre das allerdings besorgniserregend. Zum Glück ist es nicht so schlimm. Die Fragestellung war differenzierter. Nur 21,5 Prozent sind wirklich hartgesottene Kreationisten. Sie glauben, dass Gott in den letzten 10 000 Jahren das Universum, die Erde und alles Leben geschaffen habe.

Die Studie, durchgeführt von Elaine Howard Ecklund und Christopher Scheitle vom Soziologischen Institut der Rice University in Houston Texas, fragte eigentlich danach, inwiefern Wissenschaft und Religion «vereinbar» wären. Befragt wurden Wissenschafter und Laien aller Religionsrichtungen. Hauptsächlich evangelikale Protestanten (2149 von 9138). Von den 547 befragten Wissenschaftern – nicht nur Biologen, auch andere Fachrichtungen – waren 104 evangelikale Protestanten. Immerhin waren die Wissenschafter leicht skeptischer gegenüber der Bibel als die Laien (31,7 Prozent zu 43,3 Prozent; von den Wissenschaftern glaubten nur 9,2 Prozent strikt an die Bibel).

Erstaunlich andererseits, dass die Bibelgläubigen durchaus der Meinung waren, Glaube und Wissenschaft gingen gut nebeneinander. «Ich gebe gerne zu, dass die Wissenschafter wunderbare Theorien haben über Evolution und wie wir hierhin gelangt sind und so. Aber als religiöse Person habe ich einfach eine andere Meinung.»

Eine andere Zahl ist ebenfalls bemerkenswert: 38 Prozent waren «völlig einverstanden», dass die Wissenschaft auch offen sein müsse, Wunder in ihre Theorien und Erklärungen einzubauen. Ohne Wunder wollten nur 22,2 Prozent auskommen. Da können wir uns auf etwas Blaues gefasst machen.

Und die letzte Zahl: 51 Prozent der Angehörigen verschiedener Religionen (Muslime, Buddhisten, Hindus etc.) waren der Überzeugung, dass die Wissenschaft irgendwann «alles» erklären könnte. Die Evangelikalen kamen hier nur auf 14,4 Prozent (Durchschnitt 28,2 Prozent). So viel zur «Rückständigkeit», die man gewissen Religionen so gern nachsagt.

Alles in allem sagt die Studie viel darüber aus, dass es keine Kriege zwischen Religion und Wissenschaft geben müsse. Wobei die historische Erfahrung lehrt, dass man sich da nicht auf aktuelle Einstellungen verlassen darf. Unter bestimmten Umständen greift der Fanatismus schneller um sich als gedacht. Und der Friede ist trügerisch: Dulden geht, wenns darauf ankommt, vertragen sich aber Religion und Wissenschaft nicht.

Die Zahlen sind das Eine. Die Studie enthüllt noch mehr. Viele sagten, der Bibel könne man nur ganz glauben – oder dann gar nicht. Unter dem Vorzeichen der göttlichen Autorschaft (Eingebung) ist das verständlich. «Creation – it’s all or nothing.» Und wenn man von den sechs zur Verfügung gestellten Antworten auf die Frage, wie die Welt entstanden sei, bei vieren Gott drin lässt, ist nicht erstaunlich, dass die naturalistisch-materialistische Weltsicht so wenig Prozente bekommt. «Intelligent Design» allerdings bekam noch weniger.

Offenbar wollen wir lieber nicht ohne Gott. Die Vorstellung einer Welt, die von unpersönlichen Kräften gelenkt wird, – wenn Darwin Recht hat, ist sogar noch Sex im Spiel! – deren Anfang wir uns nicht vorstellen können und die ganz offensichtlich keinen «vernünftigen» Schluss aufweist, die können wir nur schwer ertragen.

Die Segensgaben der Wissenschaft geniessen wir gern: Auto, Wohnen, Telekommunikation, Unterhaltung – und vor allem Sicherheit vor allen möglichen Gefährdungen, das ist schon recht.

Die Schattenseite, dass mit moderner Naturwissenschaft und Technik auch «der Sinn» aus der Welt verschwunden ist, nehmen wir weniger gern zur Kenntnis. Da greifen wir zu Strohhalmen.

Was bei der Evolutionstheorie am meisten aneckt, wird in der Regel in einer absurden «wahrscheinlichkeitstheoretischen» Form vorgebracht: Dass es nur «durch Zufall» zu Menschen mit Bewusstsein und komplexen Gehirnen gekommen sei, das sei unmöglich. Oder von so verschwindend kleiner Wahrscheinlichkeit, dass die Theorie nicht stimmen könne. Irgendwo müsse es doch da «etwas» geben.

«Intelligent Design» ist so nur die Mogelpackung des Kreationismus. «Unbekannte Intelligenz» ja, «Gott» nicht?

Wir sind hier. Alternativen kennen wir nicht. Deshalb ist es sinnlos, von Wahrscheinlichkeiten zu reden. Der Hund oder das Bakterium dürfte dieselbe Un-Wahrscheinlichkeit reklamieren wie wir. Solange wir «das Setting» der Evolution nicht verstehen – und da fehlt schon noch einiges, einverstanden –, macht das Wahrscheinlichkeits-Argument schlicht keinen Sinn.

Aktuelle Nachrichten