Barcode

Der Strichcode: Geschenk – oder doch Teufelswerk?

Der Strichcode wird 70

Trotz seines Alters von 70 Jahren ist der Strichcode noch längst nicht auf dem Alteisen gelandet – im Gegenteil. Die Entwicklung geht weiter – in die vierte Dimension.

Ein Segen für den Handel, sagen die einen, ein Werk des Teufels, die andern: Vor 70 Jahren wurde der Barcode erfunden.

Januar 1949 wars, aber noch warm am Strand von Miami. Der junge Maschinenbau-Ingenieur Joseph Woodland sass am Strand und fuhr gedankenverloren mit den Fingern durch den Sand, sodass Furchen in unregelmässigen Abständen entstanden. Was, wenn man analog des Morse-Codes Informationen in unterschiedlich breite schwarze und weisse Streifen packen würde, fragte er sich.

Es wäre eine mögliche Antwort auf die verzweifelte Anfrage eines Supermarkt-Managers, wie Bestellvorgänge und Lagerverwaltung rationalisiert werden könnten. Mit Preisetiketten, die alle wichtigen Informationen enthielten und elektronisch an der Kasse gelesen würden. Ein Computerprogramm würde Ein- und Ausgang der Ware registrieren, das Inventar würde automatisch nachgeführt, sodass mit einem Tastendruck ersichtlich würde, was nachbestellt werden muss.

In einer Apotheke setzt eine Mitarbeiterin Strichcodes auf Medikamentenpackungen. Bild: Gaetan Bally, Baden, 13. Juli 2012

In einer Apotheke setzt eine Mitarbeiterin Strichcodes auf Medikamentenpackungen. Bild: Gaetan Bally, Baden, 13. Juli 2012

Die Kassiererinnen müssten keine Blindtippkurse mehr absolvieren, weil sie die Ware einfach über ein Fenster zögen. Preisänderungen müssten nicht einzeln auf die Ware geklebt, sondern nur einmal in den PC eingegeben werden. Und die Warteschlangen würden erst noch kürzer.

Migros war eine der weltweit ersten Testerinnen

Woodland und sein Studienkollege Bernard Silver entwickelten die Idee in zwei Varianten zur Patentreife: einen parallelen Strichcode und einen runden in Form eines Bullauges mit konzentrischen Kreisen, damit es egal war, in welcher Richtung man das Etikett über den Scanner zog.

Am 20. Oktober 1949 beantragten die beiden das Patent, am 7. Oktober 1952 wurde es erteilt. Praxistauglich war die Neuheit noch nicht, denn die 500-Watt-Birne, mit der die beiden ihr selbstgebautes Lesegerät bestückten, war nicht stark genug, um die Streifen fehlerfrei zu erfassen. Erst als Theodore Maiman im Sommer 1960 der Öffentlichkeit den Laser vorstellte, rückte die tippfreie Kasse in greifbare Nähe.

Aber es wurde 1972, bis in Cincinnati ein Pilotversuch gestartet werden konnte – übrigens etwa gleichzeitig mit einem unabhängigen Testlauf der Migros und ihres Technologiepartners Zellweger Uster. Migros führte die Scannerkassen erst ab 1984 fix ein. Die Amerikaner waren wieder einmal schneller: Am 26. Juni 1974 wurde im «Marsh»-Supermarkt in Troy, Ohio, das erste Produkt mit Strichcode per Scanner in eine Kasse eingelesen.

Heute piepsen Kassenscanner weltweit täglich fünf Milliarden Mal. Dank ihnen haben Händler weniger Aufwand und können uns deshalb eine breitere und kostengünstigere Produktepalette anbieten. Konsumenten drucken Flug- und Konzerttickets dank Strichcode fälschungssicher am eigenen Computer, scannen mit dem Handy Codes, um zu sehen, was alles in der Ware steckt, die sie kaufen.

Jedes Postpäckli wird mit Barcodes gekennzeichnet, und im Spital kleben persönliche Strichcode-Etiketten auf jeder Blut- und Urinprobe. Und und und.

Ein Stift gegen den Antichrist

Strichcodes sind überall. Das ist gar nicht gut, sagte sich in den 1980er-Jahren die Amerikanerin Mary Stewart Relfe, denn Strichcodes sind des Teufels. In ihrem Buch «The New Money System» behauptete sie 1982, in den Barcodes verstecke sich die Antichrist-Kennzahl 666, die das Leben der Menschen verhext. Heerscharen von Anhängern glaubten ihr.

Firmen brachten Stifte auf den Markt, mit denen man durch Durchstreichen die Codes unschädlich machen konnte. Manche sind noch heute erhältlich, etwa der CodeEx-Barcode-Entstörstift für stolze 52 Euro. Der Kunde S. B. aus Bern berichtet auf der Homepage: «Als ich zu Hause damit begann, meine Bücher mit dem CodeEx zu entstören, dachte ich noch, dass ich sicher nichts merken würde.

Aber weit gefehlt: Kaum hatte ich ein paar Regale entstört, spürte ich eine sehr angenehme Veränderung in meinem Kopf: Es war, als würde er ‹durchgelüftet›.» Eine Sorge weniger. (Mit Material der sda)

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