Blick nach innen
Der «Es darf nicht wahr sein»-Effekt – die FC Aarau-Krise aus Sicht eines Psychologen

Nach einer krassen Wende wie jener im Spiel des FC Aarau gegen Xamax hilft nur noch eines: Der Anruf beim Psychologen.

Sabine Kuster
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Den FC-Aarau-Fans erging es wie jenen von Barcelona kürzlich: Die Siegesfeier ist schon organisiert, dann wird der Angsttraum wahr.

Den FC-Aarau-Fans erging es wie jenen von Barcelona kürzlich: Die Siegesfeier ist schon organisiert, dann wird der Angsttraum wahr.

KEYSTONE

Alles schien klar, und dann kam es ganz anders. Das sind Wendungen, wie sie Film-Regisseure gerne inszenieren, in der Realität aber raufen sich die plötzlichen Verlierer dann die Haare und verstehen die Welt nicht mehr. So erging es dem FC Aarau am Sonntag beim Heimspiel gegen Xamax. Der Aufstieg schien unumstösslich, und dann die 0:4-Niederlage.

Eins vorneweg: Ein absoluter Ausnahmefall ist das nicht. Weder im Fussball noch sonst in der Sportwelt – und sogar der Alltag hält Überraschungen bereit, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Vermutlich gibt es Dutzende Effekte, die das scheinbar Unmögliche zur Realität verkehren. Hier aber – frisch von der Psychologen-Couch – eine besonders fatale Entwicklung. Plus Aaraus verheerendes Déjà-vu.

Ein Goal, dann das Straucheln

Wenn der Mannschaft mit wenig Siegeschancen der erste Punkt zuerst gelingt, und das auch noch früh, ist plötzlich alles möglich. Kürzlich geschehen im Halbfinal der Champions League zwischen Liverpool und Barcelona. Der FC Barcelona hatte im Hinspiel 3:0 gesiegt, im Rückspiel schossen die Engländer bereits nach sieben Minuten das erste Goal, nach 56 Minuten stand es 3:0. Das vierte, vernichtende Tor war nur noch die logische Konsequenz.

Warum? Auf der einen Seite beweist die scheinbar zum Verlieren verurteilte Mannschaft mentale Stärke und verwertet jede Chance. Die Spieler kommen in einen Flow. ETH-Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann nennt es «die gnadenlose Effizienz». Was aber passiert auf der anderen Seite? Spätestens nach dem zweiten Gegentor gerät der Favorit mental ins Straucheln. Das (übersteigerte) Selbstbewusstsein, mit dem er auf den Platz gekommen ist, ist weg und nur noch ein Gedanke da: «Das hätte nicht passieren dürfen.» Im Kopf war nur der Plan, zu siegen.

Im Einzelsport kommt das laut Gubelmann öfter vor, heute immer mehr auch im Mannschaftssport, wenn sich die Teams punkto Können ebenbürtig sind: Die eine Mannschaft beginnt nach einer negativen Überraschung zu studieren. «Man weiss, dass das in sehr dynamischen und komplexen Sportarten ein Nachteil ist, denn dann zögert man und die Präzision leidet sofort», erklärt Gubelmann. Die Abwärtsspirale beginnt und plötzlich ist viel Druck da: Man muss doch gewinnen. Und eben der Gedanke: «Es darf nicht wahr sein.»

Für solche Fälle sollte man die «What if»-Strategie zur Hand haben. Der Trainer hätte die Mannschaft vorbereiten müssen. «Die Spieler müssen wissen, dass die Gegner früh Goals schiessen wollen, um siegen zu können», sagt Gubelmann.

Das gespiegelte Déjà-vu

Beim Heimspiel des FC Aarau gegen Xamax ist sehr wahrscheinlich noch etwas anderes passiert. «Ich gehe davon aus», sagt Gubelmann, «spätestens nach dem 2:0 ist in vielen Köpfen von FCA-Spielern ein Déjà-vu in umgekehrter Form abgelaufen.» Drei Goals in der ersten Halbzeit, das 4:0 nach der Pause. Im Auswärtsspiel war den Aarauern genau das gelungen. «Das Déjà-vu wurde zur sich selbsterfüllenden Prophezeiung – diesmal einfach zugunsten von Xamax.» Der Effekt ist derselbe: Ein Handlungsablauf hat sich im Gehirn festgebrannt. «Priming» nennt das die Sportpsychologie.

Eine solche Kehrtwende erscheint leicht verrückt, für den Sportpsychologen aber ist der Ausgang des Barrage-Spiels nachvollziehbar. Im Fussball, davon ist Gubelmann überzeugt, wird viel zu oft die Technik oder die Taktik analysiert und zu wenig auf die Psychologie geachtet. Wie nebenstehende Beispiele zeigen, ist es nicht selten, dass die Psychologie eine scheinbar entschiedene Partie ins Gegenteil verkehrt.

Im Alltag passiert dem Sportpsychologen manchmal Ähnliches: Er geht selbstsicher und mit der Erwartungshaltung in die Vorlesung, dass diese besonders gut ablaufen muss – doch der Funken im Publikum will nicht zünden. «Weniger programmatisch vorbereitet, geht es oft besser», sagt Hanspeter Gubelmann. «Dann bin ich hellwach, fokussiert, vertraue meiner Expertise und bin bereit, auf ungeplante Situationen kompetent zu reagieren.»

Bilanz: Es ist gut, den Plan zu haben, zu siegen. Aber nur, wenn man sich durch nichts davon abbringen lässt.

Rückblick: Die brutalsten Niederlagen

Mit der unglücklichen Niederlage in der Barrage ist der FC Aarau nicht alleine. Auch andere Teams und Sportler haben schon sicher geglaubte Siege aus der Hand gegeben.


Fussball: FC Barcelona – Paris Saint-Germain, 2017

Nachdem Paris Saint-Germain den FC Barcelona im Achtelfinal der Champions-League in Paris mit 4:0 demontierte, rechnete niemand mehr mit einem Weiterkommen der Katalanen. Im Rückspiel erzielte Barcelona aber plötzlich drei Tore, nach 85 Minuten stand es 3:1 für das Heimteam. Wenn Barcelona in den nächsten Minuten nicht mindestens zwei weitere Tore geschossen hätte, wäre Paris weitergekommen. Doch Barcelona erzielte nicht zwei, sondern gleich drei Tore und schickte die Franzosen mit einer Packung heim.

Tennis: Jennifer Capriati – Martina Hingis 4:6, 7:6, 6:2, 2002

Lange sah es so aus, als würde die bisher souveräne Martina Hingis sich im Final der Australien Open gegen die Amerikanerin Capriati durchsetzen. Hingis führte mit einem Satz und lag im Tiebreak des zweiten mit 5:3 vorne. Die Schweizerin hatte sich vier Matchbälle erkämpft – konnte aber keinen nutzen. In der Folge holte sich ihre Gegnerin Jennifer Capriati Spiel, Satz und Sieg. Besonders bitter für die Schweizerin: Schon im Vorjahr waren sich die Beiden im Finale gegenübergestanden, auch damals hatte Hingis die Partie verloren.

Ski Alpin: Marcel Hirscher – von Luca Aerni (30.) überholt, 2017

Mit dem 30. Platz in der Abfahrt qualifiziert sich der Berner Luca Aerni ganz knapp für den zweiten Lauf der Alpinen Kombination der Skiweltmeisterschaft 2017. Er startete daraufhin als Erster in den Slalom und fuhr eine Bestzeit in den Schnee, welche von keinem anderen Fahrer geschlagen wurde. Der Favorit Marcel Hirscher verpasste den Sieg wegen einer Hundertstelsekunde und wurde Zweiter.

Eishockey: EV Zug – Rapperswil-Jona Lakers, 2007

Im Playoff-Viertelfinal 2007 waren die Rapperswil-Jona Lakers eigentlich schon weiter. Denn die Ostschweizer hatten die ersten drei Spiele gewonnen und führten im vierten. Der Gegner aus Zug wollte sich dennoch nicht geschlagen geben und erkämpfte im vierten Spiel die Führung. Wenige Minuten vor Schluss glichen die Lakers aus. Weil die Verlängerung keinen Sieger brachte, kam es zum Penaltyschiessen, in welchem Zug die Oberhand bewahrte. Nach diesem Wahnsinnsspiel waren die Innerschweizer nicht mehr zu bremsen. Sie besiegten Rapperswil-Jona dreimal hintereinander und sicherten sich den Halbfinaleinzug.

Simon Maurer

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